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Mittwoch, 26. Juli 2017 16° 7

Gedankenreisen

Warum die Lederhose kein Kultur-Gut ist

Andere Länder - andere Sitten: Dr. Hammerl erklärte am Donau-Gymnasium Kelheim, wie nationale Kulturen eigentlich entstehen.
Von Tobias Fehrer, Q12, und

Die Lederhose steht nicht für bayerische Kultur, sondern ist ein Nationalstereotyp, wie Dr. Hammerl sagt. Foto: dpa

Kelheim.Schüler und Schülerinnen der Q11 und Q12 absolvierten einen Workshop zur interkulturellen Kommunikation, geleitet durch Dr. Tobias Hammerl und organisiert von den Ethiklehrkräften Kathrin Sonntag und Michaela Mallmann. Die Teilnehmer erfuhren dabei, dass die Lederhose mitnichten ein Teil der bayerischen Kultur ist.

„Was ist Kultur? Wie kann man Kultur definieren?“ Schwieriger zu beantworten, als man meinen könnte. Und so regte Dr. Hammerl, Kulturwissenschaftler und Leiter des Abensberger Stadtmuseums, die Ethikschüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 des Donau-Gymnasiums zu Beginn seines eineinhalbstündigen Workshops zum Nachdenken an.

Was ist denn eigentlich Kultur? Lederhose, Schweinebraten und Volksfest? Nein, sagte Dr. Hammerl, und differenzierte zwischen „Nationalstereotypen“ wie der bayerischen Lederhose oder der französischen Baskenmütze und dem System aus gesellschaftlichen Werten und Normen, die Kultur eigentlich ausmachen.

Die Lederhose steht nicht für bayerische Kultur, sondern ist ein Nationalstereotyp, wie Dr. Hammerl sagt. Foto: dpa

Solche Normen seien relativ konstant, trotzdem aber verhandelbar, dem gesellschaftlichen Diskurs unterworfen. Somit ist die Kultur im Laufe der Zeit wandelbar.

Was man sieht und was man meint

Danach nahm Dr. Hammerl die Schüler auf ein Gedankenexperiment mit: Studienreferendarin Kathrin Sonntag und er würden jetzt ihre tatsächlichen Identitäten ablegen und seien für das folgende szenische Spiel Bewohner auf der fiktiven Insel Albatros. Gemeinsam demonstrierten die beiden als „Ehepaar“ Folgendes: Die Bewohnerin der Insel folgte dem Mann in deutlichem Abstand in den Sitzkreis der Schülerinnen und Schüler. Während der Mann auf einem Stuhl saß, nahm sie zu seinen Füßen auf dem Boden Platz. Erst nachdem sie ihm eine Schüssel Erdnüsse in die Hand gedrückt und er eine Nuss gegessen hatte, „durfte“ auch sie davon essen. Dabei zeigte sich die Ehefrau auf Nachfrage höchst zufrieden mit ihrer Situation. Ein klarer Fall einer Gesellschaft, in der die Frau dem Mann untergeordnet ist, waren sich die empörten Schüler schnell einig.

Doch Dr. Hammerl erklärte: Auf „Albatros“ seien Frauen heilig, deswegen müssten die Männer das Essen immer vorkosten – es könne theoretisch verdorben oder sogar vergiftet sein. Genauso verhalte es sich auf der Insel mit gemeinsamen Auftritten in der Öffentlichkeit: Die Frau besitze auf der Insel Albatros eine höhere gesellschaftliche Wertigkeit als der Mann. Ein heraneilendes Übel würde zuerst ihn, den Mann treffen, der dadurch die Frau schütze.

Erstaunt erkannten die Teilnehmer, dass uns unsere „kulturelle Brille“ eine Situation in einer ganz bestimmten, von unseren Erfahrungen beeinflussten Art und Weise verstehen lässt, auch wenn sie in Wirklichkeit völlig anders ist. Dass daraus Verständnisschwierigkeiten und sogar Missverständnisse resultieren, war allen klar. Diese Stolpersteine, so Hammerl, kommen in fast allen kulturübergreifenden Gesprächen vor – sie aufzudecken und zu erklären, sei eine Aufgabe der Kulturwissenschaftler.

Dr. Tobias Hammerl nahm die Schüler mit auf interessante Gedankenexperimente. Foto: DGK

Die Kontaktaufnahme stellt laut Hammerl immer schon die erste Nagelprobe dar. Die Begrüßung reicht in unterschiedlichen Regionen der Welt von einem unmerklichen kleinen Kopfnicken bis hin zu Großgebärden. Auch sonstige Alltagsszenen können Missverständnisse erzeugen. So sei es in Italien ungewöhnlich, Selbstgekochtes zu einer Essenseinladung mitzubringen, da dies ein Zeichen dafür sei, dass man den Kochkünsten der Gastgeber nicht vertraut, nannte der Referent als Beispiel.

Beratung vor Auslandsreisen

Er betonte, dass genaues Beachten von feinen Unterschieden die eigene Wahrnehmung schärfe und eine reibungslosere Kommunikation zwischen Kulturen ermögliche. So bereiten Kulturwissenschaftler auch europäische Geschäftsleute auf Auslandsreisen vor, zum Beispiel auf Japan-Aufenthalte. Auf diese Weise vermeide man Kommunikationsprobleme und peinliche Situationen. Eine Begrüßung mit viel Körperkontakt zum Beispiel werde in Japan für deutliche Irritation bei dem Gastgeber sorgen, erklärte er. Und wer in Japan einen Fehler macht, der müsse sich beim Geschädigten ausgiebig und auch unterwürfig entschuldigen: Aus diesem Grund gebe es in Japan professionelle Entschuldiger, die diese Prozedur gegen ein Entgelt übernehmen.

Der interkulturelle Dialog werde wegen zunehmender Reisefreiheit, Migration und internationaler Geschäfts- und Gesellschaftsbeziehungen in der globalisierten Welt immer mehr an Bedeutung gewinnen, erfuhren die Schüler. Durch den Workshop wurde ihnen klar, dass wir alle ausnahmslos Träger einer „kulturellen Brille“ sind. Und uns trotzdem auf neue interkulturelle Begegnungen freuen können, wenn man mit Sensibilität, Neugierde und Offenheit aufwartet. .

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