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Donnerstag, 28. Juli 2016 27° 6

Bobfahren

Zwei Sprinter wechseln in den Eiskanal

Student Jan Heling und Kommissar Tobias Blaha trainieren bereits mit Kaderathleten – und holen gleich eine deutsche Medaille.
Von Martin Rutrecht

In diesem Viererbob brauste Jan Heling, der ganz rechts sitzt, zur Bronzemedaille bei der deutschen Junioren-Meisterschaft. Fotos: Dostthaler/Archiv

Langquaid.Bobfahren ist in Ostbayern so heimisch wie Skispringen in der Wüste. Dem Rausch der Geschwindigkeit kommt man allenfalls auf Sommerrodelbahnen nahe. Die beiden Laabertaler LeichtathletenJan Heling (22) aus Langquaid und Tobias Blaha (24) aus Herrnwahlthann hielt das nicht davon ab, aus ihrem angestammten Sportmetier in den Eiskanal zu wechseln. Der Lehramtsstudent und der Kommissar in Erding lernten in den vergangenen Monaten das Handwerk des Anschiebers. Krönung der Einstiegsphase: Heling gewann eine deutsche Bronzemedaille. „Wir machen auf jeden Fall weiter. Wenn wir uns weiterhin verbessern, können wir vielleicht im Europacup starten“, sagt der begeisterte 22-Jährige.

„Es ist wie Achterbahn – nur fünfmal schlimmer.“

Jan Heling

Respekt vor dem „Ding“

„Du musst gute Beine haben und Kraft, den Bob bewegen zu können“, fasst Jan Heling die Voraussetzungen für den Anschieber-Job im Bobsport zusammen. Beide jungen Männer können das vorweisen. Nicht nur in der Leichtathletik, wo beide seit Jahren Disziplinen wie Sprint oder Weit- und Hochsprung betreiben, haben sie ihre Körper gestählt. Sie schinden sich auch in der Kraftkammer. „Beim ersten Mal habe ich mir dennoch gedacht: Das Ding kriegst du keinen Meter vorwärts.“ Mit dem „Ding“ ist ein 150 Kilogramm schwerer Übungsbob gemeint, den die beiden Laabertaler bewegen mussten – allein. „Es ging dann doch irgendwie.“

Jan Heling (Mitte) hat von 85 auf 92 kg auftrainiert – für einen Spitzenbob ist er damit trotzdem zu leicht. Foto: Archiv

Auf den allenthalben exotischen Sport kam Heling durch eine Ausschreibung im Intranet der Uni Regensburg. Der Langquaider studiert Lehramt Sport und überfliegt regelmäßig Infos im Netzwerk. Der Bayerische Verband suchte vor gut einem Jahr in diesem Schreiben „Anschieber für Bobteams“. „Sprinter sind immer wieder gefragt, weil sie explosive Schnelligkeit entwickeln können“, erklären Heling und Blaha. Der Langquaider erzählte dem Herrnwahlthanner vom Aushang. „Wir waren beiden sofort entschlossen: Das machen wir!“

„Anschieben, reinspringen – bis zum Abwinken haben wir das geübt.“

Tobias Blaha

Nach der Kontaktaufnahme mit einem bayerischen Betreuer namens Werner Forster erhielten die Laabertaler Trainings- und Lehrgangspläne. Beim ersten Praxistest in Königssee staunten die beiden nicht schlecht: Vor ihnen stand ein Bob mit kleinen Holzstühlen drin (ein sogenannter Taxibob), der deutsche Pilot Matthias Böhmer steuerte das Gefährt. „Es ging darum, einmal eine Bobbahn runter zu fahren, um das Gefühl kennen zu lernen.“ Mit Spitzen bis 115 km/h sauste der Bolide durch die Kurven. Heling und Blaha gestehen: „Das ist wie Achterbahn – nur fünfmal schlimmer.“ Doch Angst bekamen sie nicht, im Gegenteil. „Das war ganz lustig.“ Karl Angerer, in seiner aktiven Zeit Sieger bei Weltcuprennen in Zweier- und Vierer-Bob, taxierte die Neulinge und befand sie für tauglich.

Schon zwei Stürze mitgemacht

Ab da hieß es jedes zweite Wochenende: anschieben, anschieben, anschieben. „Daheim haben wir an Kraft und Kondition gearbeitet, zu den Lehrgängen waren wir in der Gebirgsjägerkaserne in Bischofswiesen.“ Wo es freilich keinen Eiskanal gibt. „Dort steht auf einer Tartanbahn eine 150 Kilo schwere Bobkonstruktion auf Schienen auf einer Anhöhe wie beim Start zu einem Rennen.“ Aber nach dem Anschub ist die Bahn auch schon wieder zu Ende. „Der Bob rollt auf einen Gegenhügel und wird zurück in die Ausgangsposition gebracht.“ Wieder und wieder probten die Athleten – im Alleingang – das Startprozedere. Nach 15 und 40 Metern wurde die Zeit gestoppt. Angerer (36), Juniorentrainer im Deutschen Bob- und Schlittenverband, beschied: „Ihr seid recht schnell, das könnt’ was werden.“

Blaha und Heling schufteten ein halbes Jahr lang. „Anschieben, reinspringen – bis zum Abwinken haben wir das geübt.“ Beim Viererbob, wo der Pilot vorne sitzt, sind die restlichen drei Positionen mit Anschiebern besetzt. „Wir mussten links, rechts und hinter dem Bob trainieren.“ Dem hinteren Mann kommt die Zusatzrolle zu, dass er im Ziel als Bremser fungiert.

Tobias Blaha ließ bei einem Vergleichswettkampf mit Kader-Athleten im Bobanschieben 14 Rivalen hinter sich. Foto: Archiv

Ende August des Vorjahres versammelten sich 50 Kader-Athleten des Verbandes in Oberhof. Die beiden Neulinge aus dem Laabertal durften erstmals in die große Bobwelt reinschnuppern, in der Deutschland eine der führenden Nationen ist. „Da kamen Piloten und Anschieber zusammen, auch aus dem Weltcup.“ Die Einsteiger warfen sich ins Zeug und Tobias Blaha ließ bei seinen Startzeiten immerhin 14 Auswahlcracks hinter sich, Heling deren neun. Zur Belohnung gab’s – neue Trainingspläne zur Vorbereitung auf den Winter.

Beim nächsten Lehrgang in Winterberg Anfang November ging es samt Pilot drei Tage lang die Bahn hinunter. „Den Ablauf am Start bis zum Reinspringen musst du unaufhörlich durchexerzieren. Nur ein, zwei Schritte zu viel, dann passt die Startzeit nicht mehr und der ganze Lauf ist verpatzt.“ Die Sitzposition in einem Bob sei „nicht die bequemste“, ergänzen die beiden jungen Männer. „Du hältst dich an der Seite fest und streckst die Füße lange aus. Mit gebücktem Rücken sitzt man so die ganze Fahrt.“ Der 24-jährige Blaha musste auch schon zwei Stürze miterleben, blieb aber beide Male unverletzt. „Wenn so ein Bob verkehrt rum im Kanal dahinschlittert und der Körper halb raushängt, ist das kein angenehmes Gefühl.“

92 Kilo sind zu wenig für WM-Bob

Neben dem Ablauf mussten auch die Kommandos in Fleisch und Blut übergehen. „Anfangs hat der Pilot bei jedem Bremsvorgang im Ziel geschrieben, nach dem 50. Mal war das nicht mehr notwendig. Dann hatte ich kapiert, wann ich bremsen muss“, erzählt Heling. Mitte Februar trainierten die Laabertaler mit hoffnungsvollen deutschen Piloten, unter anderem dem 23-jährigen Junioren-Weltmeister Christoph Hafer. „Der weiß, wo es lang geht. Und er hat ein eingespieltes Anschieberteam.“

„Auf 100 Kilo muss ich noch auftrainieren.“

Jan Heling

Bei der deutschen Junioren-Meisterschaft in Königssee, die Anfang März der Höhepunkt ihres ersten Bobjahres war, hätte Jan Heling fast einen Platz in Hafers Schlitten bekommen, weil einer aus der Stammmannschaft fehlte. Doch letztlich wurde der Langquaider als zu leicht befunden – im wahrsten Sinn des Wortes. „Ich bin mit dem Bobtraining beim Gewicht von 85 auf 92 kg geklettert, aber an die 105 Kilo sollen die Anschieber wiegen, um entsprechende Masse für die Fahrt mitzubringen.“ Heling will den Weg der weiteren Gewichtszunahme nicht scheuen. „Das sind ja austrainierte Burschen und bei meiner Größe von 1,88 Meter sind ein paar Kilo mehr schon vertretbar“, schmunzelt er.

Zwei Stunden lang Kufen schleifen

Der 22-Jährige landete schließlich im Viererbob von Bennet Buchmüller (23) aus Winterberg. „Am Tag vor der Meisterschaft haben wir dreimal trainiert und Trockenübungen gemacht.“ Am Abend erfuhr Heling auch die Mühen mit dem Material. „Zu zweit haben wir mit 50 verschieden gekörnten Schleifpapieren zwei Stunden lang die Kufen geschliffen.“ Die akribische Arbeit sollte sich bezahlt machen. Der Student brauste mit Buchmüller, dem Bremser Niklas Scherer sowie Nils Kollmar zu Bronze. Eine läppische Hundertstelsekunde fehlte nach zwei Läufen zum deutschen Vizemeistertitel. Für den Herrnwahlthanner Blaha fand sich kein Platz in einem Vierer-Schlitten. Dafür sauste er in einem Zweier-Bob mit Pilot Korbinian Altschäffl auf den siebten Rang. Heling fuhr hier mit dem erst 16-jährigen Tobias Dostthaler auf Platz acht.

Von der Gaudi zur Tempojagd

  • Rutschpartie:

    Als Vorläufer von Bobbahnen entstanden im 17. Jahrhundert in Russland „Rutschberge“. Rampen aus Holz wurden mit Schnee und Eis bedeckt, sodass auf einer Eisschicht heruntergerutscht werden konnte. Als „Schlitten“ wurden Eisblöcke benutzt. Napoleons Soldaten brachten den „russischen Berg“ nach Frankreich und Mitteleuropa. 1888 entwickelte ein Engländer in der Schweiz den Bob, indem er zwei Schlitten hintereinander unter einem Brett montierte. 1901 baute Carl Benzing im thüringischen Friedrichroda einen Stahlbob mit Lenkung. Der „Schwarze Peter“ war das Urmodel eines Bobs.

  • Geschosse:

    Die modernen Bobs werden aus Carbon hergestellt. Die vorderen Kufen sind über einen Seilzug lenkbar. Zweierbobs müssen ein Mindestleergewicht von 170 kg haben, Viererbobs 210 kg. Das Maximalgewicht beträgt 390 kg für Zweier- und 630 kg für Viererbobs. Die Höchstgeschwindigkeiten reichen bis an die 150 km/h heran, etwa auf dem Whistler Sliding Centre in Vancouver. Quelle: Wikipedia

„Wir sind beide voll begeistert von diesem Sport“, sagen Blaha und Heling. „Eine ganz eigene Dynamik hat die Phase vor dem Start. Die Stimmung ist aufgeheizt, man pusht sich gegenseitig und wirft sich dann voll auf dieses Ungetüm.“ Beide tüfteln schon an der Vorbereitung für die nächste Wintersaison. Beim SWC Regensburg werden sie weiterhin ihren Leichtathletik-Disziplinen nachgehen. Heling peilt mit der 4 x 100-Meter-Männerstaffel des Vereins die Qualifikation für die deutsche Meisterschaft an; er selbst hat eine Zeit von 11,01 Sekunden auf 100 Meter.

„Ein Traum wäre natürlich der Start bei einer Junioren-WM oder im Europacup“, sagen sie. Dazu müsse man die Chance bekommen, im Bob eines starken Piloten mitzufahren. „Dafür können wir uns mit guten Startzeiten anbieten.“ Die Auslese im Verband, der für Lehrgänge die Kosten übernimmt, ist hart. „Bei einer Junioren-WM muss man unter den ersten Sechs landen, um den C-Kader-Status zu erhalten.“ Die Laabertaler Exoten im Eiskanal arbeiten daran.

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