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Dienstag, 26. September 2017 19° 5

Aktionstag

Schläge, Spucke, Freiheitsentzug

Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter. Sie geht nicht nur von einer Seite aus. Und das Verhindern nicht nur eine Seite an.
Von Beate Weigert

Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter und geht viele an. Foto: Jens Kalaene/dpa

Kelheim.Gewalt in der Pflege. Was heißt das eigentlich? Wo fängt sie an? Welche Strategien gibt es, damit sie gar nicht erst entsteht oder eskaliert? Das Thema beschäftigte vergangene Woche die Pflege-Mitarbeiter im Azurit-Seniorenheim in Rohr beim Aktionstag „Halt vor Gewalt“.

Gewalt hat viele Gesichter und sie geht von beiden Seiten aus, machte Referentin Ingrid Blochwitz, beim Bayerischen Roten Kreuz für Weiterbildung zuständig, deutlich. Sprich sie kann sowohl vom Pflegenden wie auch vom Gepflegten ausgehen. Sie beginnt klein und unauffällig. Mit Worten, Vernachlässigung oder auch Bevormundung à la „So jetzt nehmen wir unsere Tabletten“.

Richterin Birgit Eisvogel (li.) und Verfahrenspflegerin Stefanie Meller Foto: Archiv/Hutzler

Richterin sieht ein anderes Problem

Ob Gewalt in der Pflege ein Tabuthema ist oder nicht, darüber sind sich Insider im Landkreis Kelheim uneins. Betreuungsrichterin Birgit Eisvogel vom Amtsgericht Kelheim etwa findet, dass gerade Aktionstage wie der in Rohr zeigten, dass es keines ist. Pflegepersonal führe sich in Schulungen die Problematik vor Augen, diskutiere Strategien. „Ein Problem, dass ich eher sehe, ist, wie im Ernstfall die Stellen erreicht werden, die sich kümmern müssen.“ Die Betroffenen könnten sich in der Regel nicht mehr artikulieren. Ärzte, Richter, Betreuer und Angehörige müssten insgesamt genauer hinsehen.

Früchte trage inzwischen der sogenannte Werdenfelser Weg (s. Infokasten). Dieses Verfahren hat sich das Reduzieren von Freiheitsentzug durch Bettgitter und Co. zum Ziel gesetzt.

Oft denke man in der Öffentlichkeit rein an die Altenpfleger, die womöglich Heimbewohnern Gewalt antun, was viele aber nicht wahrnehmen, sei die Gewalt die Pflegekräfte tagtäglich selbst erfahren, so Blochwitz. Sie werden angespuckt, gebissen oder geschlagen.

Die gerichtliche Sicht

  • Der Werdenfelser Weg (WW)

    ist eine Möglichkeit im Betreuungsrecht, Fixierungen und freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) wie Bauchgurte, Bettgitter, Vorsatztische in Pflegeeinrichtungen zu reduzieren. Ziel ist es, vom starren Sicherheitsdenken wegzukommen, alternative Schutzmaßnahmen zu ergreifen und den Senioren ihre Menschenwürde zu bewahren. Der WW wurde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen von Amtsrichter Sebastian Kirsch entwickelt, daher der Name WW. Im Kreis Kelheim wird der WW seit 2014 praktiziert. Seither werden FEM seltener richterlich genehmigt. Ihre Zahl sank im ersten Jahr von 152 auf 122. Im Kreis zuständig sind u.a. Betreuungsrichterin Birgit Eisvogel und Verfahrenspflegerin Stefanie Meller.

  • Medikamente:

    Neben dem Reduzieren von FEM wollen sich Richter künftig auch dem „medikamentösen Freiheitsentzug“, z.B. per Schlafmittel oder Antidepressiva, annehmen. Birgit Eisvogel besuchte im Sommer eine Fachtagung in München zum Thema. Dieses halten Experten für eine große Grauzone, die schwer zu überprüfen ist. Es gehe darum, ein Gefühl zu bekommen, „wo findet so etwas statt, wie können entsprechende Stellen Informationen bekommen“, so Eisvogel. Man wolle niemandem etwas unterstellen, aber viele Senioren nehmen zahlreiche Tabletten ein. Dass diese in der Kombination problematisch sein können, sei nicht auszuschließen. Als „kleinsten gemeinsamen Nenner“ hätten die Tagungsteilnehmer vereinbart, Bevollmächtigte und Betreuer zu sensibilisieren. Dass sie sich offensiv „diese Geschichte“ anschauen, mit Ärzten diskutieren. In München startete Richterin Sylvia Silberzweig ein Pilotprojekt, um ärztliches, betreuerisches und pflegerisches Handeln in Einklang zu bringen. Anknüpfen müsse man bei Fällen mit denen man ohnehin betraut ist, sagt Richterin Eisvogel. Sie kann sich vorstellen, von Gutachtern Medikamentenlisten checken zu lassen. (re)

Beim Aktionstag in Rohr haben die Mitarbeiter mit Kommunikationstrainer Helmut Lange auch Rubriken erarbeitet, wer, was tun könne, um Gewalt zu vermeiden. Dabei wurde ebenfalls deutlich, dass bei dem Thema mehr Parteien im Boot sitzen. Auch Vorgesetzte oder Angehörige.

Eine weitere Herausforderung für die Mitarbeiter in Rohr ist es, dass nicht nur viele stark demente Menschen betreut werden, sondern 30 bis 40 Prozent der Bewohner auch der jüngeren Generation angehören. Sie sind im Heim, weil sie psychisch krank sind und in anderen Einrichtungen nicht dem Takt oder der Tagesstruktur folgen können, erklärt Heimleiterin Dorothea Homann. Mit ihnen braucht es einen anderen Umgang und andere Strategien als mit Senioren.

Manchmal wiederum ist von Angehörigen vermutete Gewalt gar keine. Wenn Töchter oder Söhne ihre demente Mutter oder ihren dementen Vater fragen: Hast du schon gegessen? Bist du gewaschen worden? Das Nein zur Antwort, kann auch daher rühren, weil sich der Betroffene aufgrund seiner Krankheit schlicht nicht erinnert. Deshalb komme es auf die Kommunikation an, betonte Blochwitz und fügte an:. „Man muss so denken, wie ein Patient mit Demenz.“

Referentin Ingrid Blochwitz vom BRK Foto: Weigert

Daheim kann Überlastung eskalieren

Im stationären Bereich wird wesentlich sensibler mit dem Thema umgegangen, glaubt Homann. Zumindest mit Blick auf die Rohrer Einrichtung.

Dass das Thema Gewalt auch in der häuslichen Pflege ein Rolle spielt, blitzt im Heim nur auf, wenn ein Senior zur Kurzzeitpflege in eine Betreuungseinrichtung kommt, sagt eine Pflegedienstleitung aus dem Landkreis. Dann seien etwa blaue Flecken Indiz für mögliche Gewalt. Und schiebt hinterher, welch komplexe und anstrengende Aufgabe es sei, einen Dementen rund um die Uhr zu betreuen. Dem pflichtet auch Blochwitz bei. 24 Stunden am Tag für einen Angehörigen da zu sein, der verwirrt, bettlägerig und womöglich inkontinent ist, sei ein Riesending.

Stephanie Wöhrl von der Fachstelle für Pflegende Angehörige Foto: Archiv

„Wer überlastet ist, könne nicht immer empathisch reagieren, das ist normal“, sagt Stephanie Wöhrl. Sie leitet bei der Caritas die Fachstelle für Pflegende Angehörige in Abensberg.

Aus der Warte der Betroffenen will sie das Wort Gewalt nicht in den Mund nehmen. Wenn an Demenz erkrankte Menschen aggressiv werden, tun sie dies nicht aus böser Absicht, sondern aus der Not heraus, weil sie sich nicht mehr mit Worten wehren können, sagt die Sozialpädagogin. Aus Angst und Verzweiflung spucken, kratzen oder beißen sie vielleicht. Wöhrl bringt das Beispiel einer Seniorin, die beim Waschen des Intimbereichs wild um sich schlug. Dieses habe sie womöglich an eine nicht verarbeitete Vergewaltigung im Krieg erinnert. Bei mancher Form von Demenz gehöre Aggression auch zur Symptomatik. Und in anderen Fällen leiden Demenzkranke an Schmerzen, die keine Ursache haben.

Viele Probleme in der Pflege lägen auch an falscher Kommunikation oder falschen Medikamenten. Für Angehörige gibt es bei der Fachstelle u.a. einen Kommunikationskurs für den Umgang mit Dementen, aber auch eine Betreuungsgruppe, damit Angehörige ein paar Stunden Zeit für sich haben. Die Sache mit den Medikamenten ist in Wöhrls Augen ein extrem schwieriges Feld (s. Infokasten). „Ich möchte kein Arzt sein“, so Wöhrl.

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