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Samstag, 19. August 2017 22° 6

Eisenbahn

Schüler hauchen Historie Leben ein

Modellbau AG der Johann-Simon-Mayr-Realschule erweckt das Lagerhaus Wöhrl zum Leben – und ein Zeitzeuge erzählt Anekdoten.
von Petra Kolbinger

Der Leiter der Modellbau AG, Friedel Helmich (re.), mit Wöhrl-Enkel Dr. Dr. Wilhelm Wöhrl (l.) beim Betrachten des nachgebauten des Lagerhauses, das dessen Opa, Hans Wöhrl bis Mitte der 1970er Jahre in Riedenburg betrieb. Fotos: Hellmich/Kolbinger (2)

Riedenburg.Mit berechtigtem Stolz präsentierte die Modellbau AG der Johann-Simon-Mayr-Realschule (JSM) um Leiter Friedel Helmich das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit. Im Laufe des Schuljahres, haben die acht Schüler und eine Schülerin aus den Jahrgangsstufen 8 bis 10, das Modul mit dem einstigen Lagerhaus Wöhrl im entsprechenden Maßstab nachgebaut und den Lückenschluss geschaffen für das Eisenbahn-Modul, das den Riedenburger Bahnhof zeigt und dem mit dem Lagerhaus Koch in Altmannstein.

Seit fünfzehn Jahren bauen Gruppen der Modellbau-AG an einem ambitionierten Projekt: Sie erwecken die einstige Bahnstrecke Ingolstadt-Riedenburg im Kleinen wieder zum Leben. Was in der Wirklichkeit längst nicht mehr existiert, feiert hier fröhliche Urständ‘. Das Modul mit dem Arbeitstitel „BayWa“ zeigt das einst von Hans Wöhrl betriebene Lagerhaus. Wo heute im Mehrgenerationenpark Erholungssuchende die Beine im kühlen Naß der Schambach und die Seele inmitten üppigere Vegetation baumeln lassen, herrschte in den 1950er Jahren rege Betriebsamkeit.

Launige Anekdoten

Einer, der sich noch ganz genau daran erinnert, wie das Alltagsgeschäft im Lagerhaus ablief, ist Dr. Dr. Wilhelm Wöhrl, der es sich nicht nehmen ließ, bei der Modellbau AG vorbei zu schauen. Der Enkel des damaligen Betreibers Hans Wöhrl, blickte in launigen Anekdoten zurück auf eine Zeit, in der es „ganz normal war, dass man als Kind vor allem in den Ferien im Lagerhaus mithilft“. Gegen ein Taschengeld von anfangs 50 Pfennigen in der Stunde, habe man im aller ungünstigsten Falle „Boxenschaufeln“ müssen, sprich: Getreidereste, die in den Lagerboxen nicht mehr der Schwerkraft folgend von selber in die Trichter zur Reinigung rutschten, per Schaufel zur Trichteröffnung zu befördern. An die Gerste erinnerte Wöhrl sich mit Grauen: „Das hat schon fast jahrelang gejuckt und ekelhaft gestaubt“. Kindheitserinnerungen wurden wach, auch beim Anblick der Dampflok. Wöhrl: „Mit so einer durfte ich sogar einmal mit fahren!“ Und auch der Miniatur-LKW aus den 1950ern fungierte als Stichwortgeber. „Solche hatten wir auch! Drei Stück, jeweils mit Anhänger. Zugfahrzeug und Hänger hatten je 7,5 Tonnen und der LKW 120 PS. Die Burgstraße bei voller Beladung hatte da ihre Tücken. Das Gespann musste das alte Rathaus am Marktplatz ein Mal umrunden und dann gerade hoch in die Burgstraße. Auf keinen Fall durfte es zum Anhalten gezwungen werden, denn sonst wäre es nicht mehr in Fahrt gekommen!“ Der Beifahrer habe für freie Bahn sorgen müssen. In 1900 kam Hans Wöhrl, ein offenbar begnadeter Kaufmann, nach Riedenburg, kaufte ein Haus am Marktplatz, in dem er einen Kolonialwarenladen eröffnete und baute das erwähnte Lagerhaus in der Mühlstraße. Dorthin ließ er einen Gleisanschluss verlegen, als die Bahnstrecke Ingolstadt-Riedenburg 1904 eröffnet wurde. Bis 1973 betrieb er das gut gehende Lagerhaus und verkaufte dieses dann an die BayWa.

Das Ende kam im August 1995

Das Ende der Bahnstrecke kam am 1. August 1995. Von da an, fanden nur mehr einzelne Sonderfahrten statt. 2004 – genau hundert Jahre nach der Eröffnung, wurde die gesamte Strecke abgebaut und die Trasse in den Schambachtal-Radweg umgewandelt.

Im Modellbahn-Modul der JSM Realschule ist nun auch der Streckenabschnitt mit dem Wöhrl’schen Lagerhaus dauerhaft konserviert und wirkt höchst lebendig. Man meint fast, das Tuckern des VW Käfer und des alten Lloyd zu hören und das Klopfen des Lanz-Bulldogs, mit dem ein Landwirt Getreidesäcke anliefert. „Sogar das Altmühltaler Lamm ist vertreten“, lacht Helmich und deutet auf eine Herde Schafe im Miniformat. Die Modellbau AG hat in akribischer Klein- und Kleinstarbeit viele liebenswerte Details aus längst vergangenen Tagen von alten Fotos in die nachgebaute Wirklichkeit übertragen. Als Vorlage dienten Fotos aus den Büchern von Stadtarchivar Maximilian Halbritter, die sich schon oft als wichtige Fundgrube historischer Fakten erwiesen haben. Beim Bau ihres Moduls haben die Schüler sich aus Platzgründen auf den Status der 1950er Jahre beschränkt.

Erweiterungsbauten aus späteren Jahren fanden keine Berücksichtigung, wie Wöhrl feststellte. Und er konnte das Rätsel um die kleinen Türmchen auf den Dächern der Lagergebäude lüften: „Die waren für die Aufzüge, mit denen das Getreide in die Lagerräume unter dem Dach befördert wurde. So arbeitsintensiv und mühevoll der Arbeitsalltag damals auch war – es bereitete allen Freude, die „gute alte Zeit“ entlang der Bahnstrecke im Bereich des Lagerhauses Wöhrl im verkleinerten Maßstab noch einmal zu erleben. Steht zu hoffen, dass dies bald einmal auch einer breiteren Öffentlichkeit möglich sein wird.

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