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Aus dem Gerichtssaal
Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 2

Gericht

Diebesduo zerrt Frauen durch Laden

Eine 27-Jährige klaute mit einem Komplizen in einem Abbacher Geschäft. Als eine Detektivin einschreitet, wird das Paar rabiat
Von Beate Weigert

Geklaut wird alles – von der teuren Digitalkamera bis hin zum Shampoo, sagt Tobias Eder, der Betriebsleiter der Straubinger Wach- und Schließ GmbH. Ein Bad Abbacher Fall war nun vor Gericht. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Bad Abbach.„Halt! Sie mit der dunkelblauen Jacke, bleiben Sie stehen!“ Der Großteil der ertappten Ladendiebe reagiert wohl verdattert und überlegt, welche Ausrede nun die passende sei. Überrascht war im ersten Moment auch eine 27-Jährige an einem Abend Mitte September gegen 18.30 Uhr in einem Bad Abbacher Supermarkt. Doch dann schubste sie die Ladendetektivin weg und versuchte mit dem Diebesgut zu entkommen. Die Frau des Sicherheitsunternehmens hechtete hinterher und bekam die Diebin erneut zu fassen. Sie strampelte und trat um sich. Dann kam ihr ein Komplize zu Hilfe.

Drei Monate Untersuchungshaft

Nun fast drei Monate später wurde der Fall vor dem Schöffengericht des Regensburger Amtsgerichts verhandelt. Die Angeklagte hatte seit der Tat wegen Fluchtgefahr, in der JVA Regensburg in Untersuchungshaft gesessen. Die Anklage lautete auf räuberischen Diebstahl in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung an der Ladendetektivin und einer weiteren Mitarbeiterin des Bad Abbacher Supermarkts.

Am 21. September hatten sich die Frau und ihr männlicher Komplize mehrere Paar Marken-Socken und 18 Kosmetikartikel darunter Make-up im Wert von knapp 330 Euro gegenseitig in Tasche bzw. Einkaufskorb gesteckt. Dann gingen sie zum Infoschalter und verließen getrennt Kassen- und Sicherheitszone. Dumm nur, dass die Ladendetektivin das Paar beobachtet hatte. Sie forderte die Herausgabe der Waren. Doch so einfach gab das Paar nicht auf. Es kam zum Gerangel bei dem die Supermarkt-Mitarbeiterinnen leicht verletzt wurden.

Aggressivität durch Drogen erklärt

Der Verteidiger der Angeklagten erklärte eingangs, dass sie alle Vorwürfe einräume. Sie habe zum Tatzeitpunkt Heroin und Amphetamin-Tabletten konsumiert, dies hätte zu dem ihr unerklärlichen aggressiven Verhalten geführt. „Sie möchte sich entschuldigen.“ Schnell war klar, dass es sich insgesamt um einen minderschweren Fall handelte.

Wegen des Geständnisses wurden zwei Zeugen ungehört entlassen, die beiden Geschädigten berichteten kurz von ihren Verletzungen. Eine Frau gab an, dass die Angeklagte zunächst ganz handsam gewesen sei. Erst als der Komplize dazukam, sei sie aggressiv geworden.

Auf Nachfrage des Richters erklärte der Verteidiger, dass der Mann die arbeitslose Friseurin unter Druck gesetzt habe, den Diebstahl zu begehen. Wenn sie nicht mitspiele, würde er sie nicht weiter im Auto mitnehmen.

Die 27-Jährige wurde am Ende zu einem Jahr und einem Monat Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Staatsanwältin hatte zuvor auf ein Jahr und drei Monate plädiert, der Verteidiger hielt neun Monate für angemessen. Außerdem hielt er den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung nicht für gegeben. Die beiden Frauen hatten blaue Flecken sowie Schürfwunden an Knien und Ellbogen erlitten, die schnell heilten. Einen Arzt hatten sie nicht aufgesucht.

Richter Dr. Meindl sah das anders. Die Überwachungsvideos des Supermarkts, die im Prozess nicht vorgespielt worden waren, zeigten, wie die Angeklagte und ihr Komplize die beiden Frauen teils am Boden liegend nahezu durch den gesamten Laden gezogen hätten, nur um die Beute nicht herausgeben zu müssen. Das sei doch „etwas Ungewöhnliches“.

Dr. Meindl erläuterte in der Urteilsbegründung, dass nicht nur der gefährliche Körperverletzung begehe, der einen anderen per Werkzeug oder Waffe verletze, sondern eben auch der, der eine Körperverletzung zusammen mit einem anderen begeht. Auch weil die Angeklagte und ihr Komplize gemeinsam ihr Diebesgut verteidigten und der Komplize eingriff, sei es eben keine einfache, sondern gefährliche Körperverletzung. Räuberischer Diebstahl sei es gewesen, weil die 27-Jährige und ihr Komplize das Diebesgut bis zum Ende nicht losgelassen hätten.

Da die Frau das Urteil unmittelbar annahm, war sie nach der Verhandlung frei.

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Immer mehr organisierte Täter

  • Tobias Eder von der Straubinger Wach- und Schließ weiß, worauf Ladendiebe achten und wie man ihnen den Erfolg schwer macht.

    Der Betriebsleiter beantwortete uns acht Fragen rund um den Ladendiebstahl.

  • Wie ist die Auftragslage für Ladendetektive?

    Um die ist es definitiv nicht schlecht bestellt. Wenn ich etwa auf das Kelheimer Einkaufszentrum, einen unserer Kunden im Landkreis blicke, ist ein deutlicher Bedarf da. Generell gibt es immer mehr Läden, die sich besser absichern wollen. So tut sich auch viel Präventives im Vorfeld. Zum Beispiel mit Kamera- und Gebäudeüberwachung. Das schreckt ab. Aber auch wenn bekannt wird, dass ein, zwei Täter in einem Laden erwischt wurden, zahlt sich das aus. Denn es spricht sich herum. Die Diebstähle gehen massiv nach unten.

  • In welcher Art von Geschäften kommen Ladendetektive zum Einsatz?

    Das geht quer durch alle Branchen. Bekleidungsgeschäft, Supermarkt, Baumarkt. Vor allem dort, wo ein Laden ein sehr großes Sortiment hat oder das Geschäft sehr verwinkelt ist, stünden Dieben sonst Tür und Tor offen.

  • Wie arbeiten Ladendetektive? In vielen Fällen ist es eine Kombination aus Live-Videoüberwachung und dem Einsatz direkt im Geschäft. Videoüberwachung wird immer mehr Thema, auch weil man etwas dokumentieren kann und Beweise hat. Es sind aber auch Kollegen direkt im Geschäft unterwegs. Die sind neutral gekleidet und bewegen sich wie andere Kundschaft im Gebäude.

  • Wenn Fälle vor Gericht landen, um welche Tatbestände geht es da?

    Das reicht vom einfachen Diebstahl bis hin zu Vandalismus oder organisiertem Einbruch. Letzteres nimmt zu. Da werden vorab Zeiten ausgespäht, wo es günstig ist. Zum Beispiel in der Reinigungszeit kurz vor Ladenschluss, weil da weniger Personal im Geschäft ist, oder nachts.

  • Gibt es noch andere kritische Zeiten oder Punkte?

    Ja, wenn neu gebaut oder umgebaut wird. Das ist meist eine hochkritische Phase, weil meist die Zugänge leichter zu überwinden sind. Generell schaffen es Ganoven auch immer wieder durch nicht ordnungsgemäß geschlossene Türen und Fenster ins Innere.

  • Was wird alles geklaut? Mehr Teures oder Günstiges?

    Das kann man nicht sagen. Oftmals ist es kurios, für wie wenig Geld, Ladendiebe versuchen, was mitzunehmen. Es sind oft ganz banale Sachen, die gestohlen werden. Aus der Situation oder Gelegenheit heraus. Die Ausreden sind immer dieselben: „Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe“, „das muss ein Kurzschluss gewesen sein, das mache ich sonst nie“.

  • Gibt es den typischen Ladendieb?

    Nein, den Ladendieb gibt es in jeder Altersklasse und jedem Geschlecht. Bei den Jungen ist es mal eine Mutprobe, bei Älteren eine Affekthandlung, weil man nicht genug Geld dabei hatte. Es gibt aber eben auch die, die es organisiert machen. Auch da merkt man, dass es mehr geworden ist. Die versuchen Waren zu bekommen, die sie gut und unauffällig weiterverkaufen können.

  • Werden Ladendetektive immer öfter Opfer von Gewalt oder Aggressionen?

    Das kann ich so nicht unterschreiben. Und wir arbeiten ja auch eng mit der Polizei zusammen. (re)

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