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Aus dem Gerichtssaal
Samstag, 16. Dezember 2017 5

Jugendstrafe

Geständnis rettet vor Gefängnis

Zwei Mal schlug ein junger Kelheimer brutal zu. Weil er das zugab und sich entschuldigte, kam er mit Bewährung davon.
Von Martina Hutzler

Ein Mal mit der Faust ins Gesicht, einmal mit Fußtritten auf einen am Boden Liegenden: Der Angeklagte ist bei Streitereien voriges Jahr zwei mal regelrecht ausgerastet. Foto: dpa

Kelheim. Binnen nicht mal eines Monats ist er zwei Mal brutal ausgerastet – dafür und für eine Unfallflucht hat ein 20-Jähriger jetzt eine Jugendstrafe von anderthalb Jahren auf Bewährung kassiert. Als Geldauflage muss der Kelheimer 1800 respektive 600 Euro an die Opfer seiner beiden Gewaltexzesse in Kelheim und Langquaid zahlen.

Etliche Zeugen waren geladen für den Prozess des Kelheimer Jugendschöffengerichts – doch die meisten mussten nicht aussagen: Nach Anklage-Verlesung zogen sich Schöffengerichts-Vorsitzender Hermann Vanino, Staatsanwältin, Nebenklage-Vertreter und Verteidiger zum Rechtsgespräch zurück und einigten sich auf eine Absprache: Bewährungsstrafe bis höchstens anderthalb Jahre – aber nur bei einem Geständnis des Angeklagten.

Der stimmte dem Deal zu und sagte merklich kleinlaut: „Ja, ist richtig so“, wie es ihm Staatsanwältin Tamara Dekorsy vorgehalten hatte und wie es danach seine beiden Opfer im Zeugenstand ausführlich schilderten.

„Der hat richtig durchgezogen“

Demnach stieß der Angeklagte im April 2016 am Langquaider Marktplatz auf sein erstes Opfer, einen 28-jährigen Handwerker. Der war gegen drei Uhr morgens, nach einem Discobesuch und einigem Alkoholgenuss, in einen Streit geraten – allerdings nicht mit dem Angeklagten: „Mit ihm hab‘ ich kein Wort geredet!“, beteuerte der Zeuge und Nebenkläger. Trotzdem wurde er laut Anklage von dem Kelheimer zu Boden gestoßen und bekam von ihm Fußtritte ins Gesicht. Wie viele, wusste der 28-Jährige nicht – er ging nach dem ersten Schlag k.o. „Der hat mit dem Fuß richtig durchgezogen“, erinnerte er sich noch.

Seine Freundin fand ihn bewusstlos am Boden und alarmierte den Rettungsdienst. Im Kelheimer Krankenhaus und tags darauf an der Uni-Klinik diagnostizierte man Bauchschmerzen, Prellungen, eine offene Lippe; vor allem aber ein Kieferbruch. Das Kiefer musste mit Schrauben fixiert werden: „Drei Wochen nur Flüssiges mit Strohhalm, insgesamt neun Wochen ohne feste Nahrung!“

Nicht klären ließ sich, warum der 28-Jährige unmittelbar nach dem Vorfall der Polizei sagte, er sei ohne Fremdeinwirkung gestürzt. Er selbst führte es darauf zurück, dass ihn die Polizisten gleich nachts im Krankenhaus befragt und einen Alkoholtest durchgeführt hätten. Da sei er noch regelrecht benommen gewesen.

Die Schilderungen des Zeugen und Nebenklägers unterbrach plötzlich der Angeklagte: „Es tut mir echt leid“, sagte er zu seinem Opfer. Doch der wollte das nicht akzeptieren. Zuzuhauen sei das eine. „Aber mit dem Fuß zuschlagen, wenn einer schon am Boden liegt…“. Außerdem nahm er seinem Peiniger übel, dass der sich nach jener fatalen Nacht nie entschuldigt habe. Und schließlich, so der Zeuge, sei doch bedenklich, dass der junge Kelheimer kaum einen Monat später schon wieder zugeschlagen habe.

Damit leitete er zum nächsten Zeugen über; einem 17-jährigen Auszubildenden. Auch der hatte mit dem Angeklagten nie zu tun gehabt – bis zu jener Nacht vom 8. Mai 2016, als beide am Fischerfest in Kelheim waren. Der 17-Jährige war nach eigener Aussage gegen Mitternacht schon alkoholisiert, als er von einem Freund gebeten wurde, bei einem Streit mit einzugreifen. Er kam und stieg gerade verbal in die Auseinandersetzung ein, „als mir von hinten jemand auf die Schulter geklopft hat“. Als er sich umdrehte, kassierte der 17-Jährige auch schon Schläge, „mindestens drei“, ins Gesicht. „Rechts“, ergänzte er zögerlich. Technisch schwierig, wenn der Angeklagte mit Rechts zugeschlagen habe. Man einigte sich schließlich auf links.

Ein Mal mit der Faust ins Gesicht, einmal mit Fußtritten auf einen am Boden Liegenden: Der Angeklagte ist bei Streitereien voriges Jahr zwei mal regelrecht ausgerastet. Foto: dpa

Identifiziert wurde der Schläger von Freunden des Angeklagten. Dessen mutmaßliche Kumpane wurde dagegen nie ermittelt. Sie hielten laut Anklage einen Freund des 17-Jährigen fest, der zu Hilfe eilen wollte. Dieser Umstand führte dazu, dass der Tathergang sogar als „gefährliche Körperverletzung“ eingestuft wurde. Die Folgen waren indes glimpflicher als im ersten Fall, einer „vorsätzlichen Körperverletzung“. Der 17-Jährige trug „nur“ starke Kopfschmerzen davon. Auch bei ihm entschuldigte sich der Angeklagte im Prozess.

Nicht näher erläutert wurde die mitangeklagte Unfallflucht: Der Kelheimer hatte im Donaupark eine Laterne angefahren und sich aus dem Staub gemacht. Auch dies gestand er.

Schwierige Familiensituation

Die Jugendgerichtshelferin berichtete dann kurz über die schwierigen Familienverhältnisse, die ihr der Angeklagte vorab geschildert hatte: seine Mutter schwer alkoholkrank und im Dauerstreit mit seiner Oma, die für den jungen Mann eine Art Anker war; ein unbekannter Vater und mehrere Stiefväter; Probleme mit Mitschülern. Eindeutige Zukunftsprognosen wollte sie aus dem Gespräch nicht ableiten, zeigte sich aber überzeugt, dass der junge Mann die Taten bereue und mittlerweile fest gewillt sei, „mein Leben auf die Reihe zu kriegen“, wie er selbst ebenfalls betonte: Er strebe eine duale Ausbildung bei der Bundeswehr zum Elektroniker an.

Nach kurzer Beratung verkündete Richter Vanino das Urteil: Anderthalb Jahre Jugendstrafe, für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt; dazu ein dreimonatiges Fahrverbot und die Geldzahlungen an die beiden Opfer, in Anrechnung auf etwaige zivilrechtliche Schmerzensgeldforderungen. Das Urteil konnte aus verfahrensrechtlichen Gründen noch nicht gleich nach Prozessende rechtskräftig werden.

Für und Wider

  • Anklage:

    Staatsanwältin Tamara Dekorsy sah in ihrem Plädoyer die Anklagevorwürfe „vollumfänglich bestätigt“, durch das Geständnis des Täters, die Zeugenaussagen und die medizinischen Atteste. Wegen möglicher Reifeverzögerungen sei Jugendstrafrecht anwendbar.

  • Pro:

    Zu Gunsten des Angeklagten wertete Dekorsy das Geständnis, seine Reumütigkeit und die Entschuldigungen, zu denen er sich wenigstens noch im Gerichtssaal durchrang. Auch dass der Alkohol bei beidenVorfällen enthemmend wirkte, gestand sie zu.

  • Contra:

    Schwer anzulasten seien dem Angeklagten die brutalen Schläge und Tritte, „vor allem auf einen, der schon am Boden liegt“, sowie die teils erheblichen Verletzungen, die der Täter verursachte. Ferner war er früher zwei Mal beim Schwarzfahren ertappt worden.

  • Urteil:

    Nebenklage-Anwalt, der Pflichtverteidiger des Angeklagten und das Jugendschöffengericht stimmten der Staatsanwältin weitestgehend zu. Angesichts zweier so brutaler Taten kurz aufeinander sah Richter Vanino beim Täter aber zudem „schädliche Neigungen“. (hu)

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