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Aus dem Gerichtssaal
Montag, 18. Dezember 2017 3

Angeklagt

Misshandelte 39-Jähriger zwei Kinder?

Ein Kelheimer soll die Kinder seiner Ex-Partnerin viele Male mit einem Gürtel geschlagen haben. Das Gericht hegt Zweifel.
Von Beate Weigert

Ist ein Kelheimer ein Gewalttäter oder will ihm seine Ex-Partnerin schaden? Diese Frage muss das Kelheimer Gericht klären. Foto: Friso Gentsch/dpa

Kelheim.Die Beweisaufnahme ist in dem Fall, bei dem ein Kelheimer angeklagt ist, die beiden Kinder seiner Ex-Partnerin mit einem Gürtel in fast 50 Fällen misshandelt zu haben, nach einem Verhandlungstag alles andere als abgeschlossen. Richter Hermann Vanino setzte die Hauptverhandlung aus. Auf Antrag der Verteidigung soll zunächst ein Kinderpsychologe ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellen. Zu groß waren nach Ansicht von Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft die Diskrepanzen in den Aussagen der Kinder bei der Polizei, wie auch in dem, was die Mutter vor Gericht anführte.

Ein Fall fürs Jugendschöffengericht

Obwohl der Angeklagte längst dem jugendlichen Alter entwachsen ist, wird der Fall vor dem Kelheimer Jugendschöffengericht verhandelt. Der Grund: Die mutmaßlich Geschädigten sind minderjährige Kinder, das Jugendschöffengericht verfügt über mehr Erfahrung in dem Bereich.

Zu nicht näher bestimmbaren Zeitpunkten zwischen Januar 2014 und November 2015 soll der 39-Jährige laut Anklage „mindestens einmal alle zwei Wochen bei 48 selbstständigen Gelegenheiten“ die heutigen Teenager mit einem Ledergürtel in Bein- und Hüftbereich geschlagen haben.

„Das, was man mir vorwirft, hat mein Vater mir und meinen Geschwistern angetan“

der Angeklagte vor Gericht.

Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. Womöglich sei es ein Fehler gewesen, dass er erzählte, was ihm selbst als Kind zugestoßen sei. Das, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwerfe, „hat mein Vater mir und meinen Geschwistern angetan“.

Er habe zu den beiden Kindern immer ein gutes Verhältnis gehabt. Auch als später sein leiblicher Sohn zur Welt kam, habe er nie einen Unterschied gemacht. Eines der mutmaßlich misshandelten Kinder soll ihn sogar gefragt haben, ob es später einmal seinen Namen annehmen dürfe. Beim Abholen von der Schule hätten beide ihn „Papa“ genannt.

Von 2009 bis zur Trennung 2015 hatte der Kelheimer mit seiner Partnerin und ihren Kindern zusammen gelebt. Am Tag der Trennung habe seine Ex-Partnerin bei einem Streit die Polizei gerufen, die sprach ein Kontaktverbot aus. „Zoff“ gab es schon lange davor.

Die „Familienangelegenheiten“ sind nun nicht zum ersten Mal Thema bei Gericht. Richter Vanino verwies auf zahlreiche Entscheidungen. Hauptsächlich vom Familienrichter. Einige seien zugunsten des Angeklagten ausgegangen. Anderes von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden.

Sache mit der Glaubwürdigkeit

  • Die Glaubwürdigkeit

    eines Zeugen spielt im Rahmen der richterlichen Beweiswürdigung eine Rolle. Ihre Beurteilung gehört zu den Kernaufgaben des Richters, wobei die Erkenntnisse der Vernehmungspsychologie zu beachten sind. Glaubwürdigkeit resultiert aus folgenden Merkmalen:

  • Urteilsfähigkeit,

    Erinnerungsvermögen, Wahrheitsliebe.

  • In der Regel

    ist die Beurteilung der Glaubwürdigkeit Sache des Tatrichters. In Ausnahmefällen kann der Richter jedoch verpflichtet sein, ein Glaubwürdigkeitsgutachten einzuholen.

  • Im vorliegenden Fall

    will Richter Vanino ein solches Glaubwürdigkeitsgutachten einholen. Grundsätzlich sei es zu vermeiden, Kinder überhaupt vor Gericht zu vernehmen. Wenn es nicht anders gehe, seien die Befragungen auf das Mindestmaß zu beschränken.

  • Nach neuerer Auffassung

    der Aussagepsychologie kommt es auf die Glaubhaftigkeit einer Aussage und nicht so sehr auf die Glaubwürdigkeit einer Person an. Auch Personen, die als unglaubwürdig gelten, können glaubhafte Aussagen machen. Persönlichkeiten mit einwandfreiem Leumund umgekehrt lügen bzw. sich irren.

  • Die Glaubhaftigkeit

    im engeren Sinne wird im Regelfall durch den Richter festgestellt; dazu bedient er sich eines Sachverständigen und geht folgendermaßen vor: Es wird davon ausgegangen, die Aussage sei unwahr. Diese Hypothese wird anhand folgender Positivindizien überprüft:

  • Konkrete, anschauliche Schilderung

    ; Detailreichtum, Zugeben von Erinnerungslücken; Schildern abgebrochener Handlungsketten und von Unverstandenem; Selbstkorrekturen/Belastungen; Stimmigkeit; sachverhaltstypische Details. Quelle: wikipedia.de/re

Vor der Anzeige will der Mann weder von der Frau noch von den Kindern je auf die angeblichen Misshandlungen angesprochen worden sein. „Warum sollten die Kinder so etwas bei der Polizei aussagen“, wollte Vanino wissen. Haben sie es erfunden? Hat es ihnen ihre Mutter eingeredet? Warum sollten sich die Kinder für solche Anschuldigungen hergeben, „wenn sie doch so ein gutes Verhältnis haben“? Nach all den Auseinandersetzungen mit der Frau habe er „noch Schlimmeres erwartet“, sagte der 39-Jährige.

„Warum sollten sich die Kinder für solche Anschuldigungen hergeben, wenn sie doch so ein gutes Verhältnis haben?“

fragte Richter Hermann Vanino.

Der Sachbearbeiter für häusliche Gewalt von der Kelheimer Polizei sagte aus, dass er das Paar und die Kinder seit 2011 kenne. Damals sei die Frau mit Verletzungen auf der Kelheimer Wache erschienen. Laut der 34-Jährigen soll sie der Mann bedroht, geschlagen und vergewaltigt haben. Der 39-Jährige war damals aber nicht wegen Vergewaltigung verurteilt worden, merkte der Richter an. Im Herbst 2015 habe die Frau erneut die Polizei kontaktiert, so der Beamte. Sie habe Angst vor ihrem Partner und fühle sich bedroht. Es folgten Anzeigen nach dem Gewaltschutzgesetz. Nicht jeder wurde vom Familiengericht stattgegeben.

Von der Mutter habe er sofort das Einverständnis erhalten, die Kinder zu den Misshandlungsvorwürfen alleine zu befragen, sagte der Polizist. Blaue Flecken von den Schlägen hätten sie vertuscht, mit Ausflüchten zu erklären versucht, sagten ihm die Kinder. Der Mann habe sie mit Drohungen zum Schweigen gebracht. Stutzig gemacht hätte ihn jedoch, dass ein Kind erst sagte, die Mutter hätte nichts mitbekommen und dann nachsetzte, „aber immer öfter“.

„Der größte Fehler in meinem Leben war, dass ich diesem Menschen noch eine Chance gegeben habe“

sagte die Ex-Partnerin vor dem Jugendschöffengericht.

„Größter Fehler meines Lebens“

Bei ihrer Aussage vor Gericht schickte die Mutter ihre eigene Geschichte voraus. Sie habe bei dem Vorfall 2011 ein Trauma erlitten. „Der größte Fehler in meinem Leben war, dass ich diesem Menschen noch eine Chance gegeben habe.“ Gefragt nach dem Grund für die Trennung, sagte die Frau: „Ich wollte weg von ihm.“

Wie und wann sie von den Schlägen erfahren habe, wollte Vanino wissen. Erst nach der Trennung im Frühjahr 2016 nach dem Erlebnis eines Kindes auf dem Spielplatz, wo ihr Ex-Partner sein leibliches Kind angesprochen habe, hätten sich ihr die Kinder offenbart. „Mama, ich hab’ Angst, er hat uns geschlagen.“

Blaue Flecken oder Striemen will die Frau nie bemerkt haben. Die Begründungen der Kinder für blaue Flecken habe sie nicht hinterfragt. Sie berichtete von regelmäßigen Schlägen auf den Hinterkopf, von Anschreien. „Da bin ich immer dazwischen gegangen“, sagte die 34-Jährige. Nach außen sei der Mann ein guter Schauspieler gewesen, immer liebevoll.

Der Verteidiger sah nach der Entscheidung des Gerichts ein Glaubwürdigkeitsgutachten anfertigen zu lassen, die Gefahr, dass vor dem Termin von der Mutter „mundgerechte“ Lösungen erarbeitet werden könnten. Richter Vanino befand: „Ein Sachverständiger kann das beurteilen, wenn er die entsprechenden Fakten hat“.

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