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Dienstag, 31. Mai 2016 23° 3

Telefonieren

Telekom schaltet ISDN bis 2018 ab

Telefoniert wird bald via Internet-Anschluss. Im ländlichen Raum wie im Kreis Kelheim will aber nicht jeder zu VoIP wechseln.
Von Martina Hutzler

In VoIP-fähigen Anlagen wie diesen kann das herkömmliche Telefon angestöpselt und zum Telefonieren über das Internet verwendet werden. Foto: Jens Schierenbeck/dpa/gms

Kelheim. Privatleute und Firmen, die über eine ISDN-Leitung telefonieren oder sonstige Daten übertragen, müssen über kurz oder lang Abschied nehmen von der bewährten Festnetz-Technologie: Bis Ende 2018 will die Telekom ihr gesamtes Datenübertragungs-Netz auf Internet-Standard (IP) umgestellt haben, auf das so genannte Internet-Protokoll (englisch Internet-Protocol, IP). Also auch das Telefonieren: „Voice over IP“ ist aus Sicht der Telekom die Zukunft. Viele Nutzer, die die stabile ISDN-Technik schätzen, sind da weniger euphorisch.

Zum einen, weil die Umstellung oftmals arg holpert – in Internet-Foren zetern viele, dass sie teils mehrere Wochen telefonisch lahmgelegt waren. Zum anderen fürchten gerade Anwohner und Unternehmen in abgelegeneren Gebieten, wo die Internet-Nutzung an miserablen Übertragungsgeschwindigkeiten leidet, künftig auch beim Telefonieren Qualitätsverluste und Störungen. Ob der vielerorts laufende Breitband-Ausbau diese Sorgen beseitigen kann, bleibt abzuwarten. So berichtet ein Unternehmer aus dem Landkreis, eine Telekom-Mitarbeiterin habe ihm klipp und klar gesagt, dass eine Breitband-Erschließung an seinem Ort selbst mit staatlicher Förderung unrentabel und daher nicht zu erwarten sei.

Eine Wahl haben Festnetz-Telefonierer aber sowieso kaum. Die meisten Mitbewerber der Telekom nutzen jetzt schon Voice over IP, kurz VoIP. Und Telekom-Kunden erhalten seit zwei Jahren keinen ISDN-Vertrag mehr; wer noch einen alten hat, wird bis spätestens 2018 vor die Wahl gestellt, auf VoIP umzustellen – oder aber kein Vertragspartner der Telekom mehr zu sein.

Eine besondere Bedeutung kommt der Telekom deshalb zu, weil sie zum „Universaldienst“ Telefonanschluss verpflichtet ist, erklärt Michael Reifenberger, Sprecher der Bundesnetzagentur. Im deutschen Telekommunikationsgesetz heißt es, dass „alle Endnutzer unabhängig von ihrem Wohn- oder Geschäftsort“ Anspruch darauf, angeschlossen zu sein „an ein öffentliches Telekommunikationsnetz an einem festen Standort“; nötig sei, dass der Anschluss „Gespräche, Telefaxübertragungen und die Datenkommunikation mit Übertragungsraten ermöglicht, die für einen funktionalen Internetzugang ausreichen“.

Gesetz gibt keine Technologie vor

Nicht festlegt ist aber, wie die Telekom dies bewerkstelligt. Die gesetzliche Regulierung sei bewusst „technologieneutral“ gehalten, erklärt Michael Reifenberger von der Bundesnetzagentur. „Wenn die Telekom den Anschluss in der VoIP-Technik anbietet und der Kunde lehnt ab, muss sie keine Alternative anbieten.“ Einschreiten müsste seine Behörde nur, würde die Telekom eine nicht einsatztaugliche Variante anbieten. Doch das beziehe sich nur aufs Telefonieren, betont Reifenberger. Einen Anspruch etwa auf eine Breitband-Anbindung gebe das Gesetz nicht her. Er gehe aber davon aus, dass eine Umstellung auf VoIP nur Sinn mache, wo ein Breitband-Anschluss verfügbar sei.

Nein, widerspricht Telekom-Sprecher Markus Jodl: VoiP-Umstellung und Breitband-Ausbau hätten nichts miteinander zu tun. Die Datenpakete, die beim Telefonieren auf digitale Reise gehen, seien so klein, dass die nötige Übertragungsrate in jedem Fall erreicht werde: „Da wird niemand von einem Telefonanschluss ausgeschlossen“, ist Jodl überzeugt. Geplant sei auch, dass Sprach-Daten bevorzugt übertragen werden. Im Umkehrschluss heiße das freilich, dass eine sowieso schon magere Internet-Geschwindigkeit weiter abgesenkt werden muss, um die Sprachtelefonie sicherzustellen, warnen Kritiker.

Zwei Gründe nennt Telekom-Sprecher Jodl für das Abschalten des ISDN-Systems. Die Telekom senke damit zum einen in einem hart umkämpften Markt ihre Kosten: Leitungen würden zwar nicht überflüssig, wohl aber ISDN-Knotenpunkte im Netz; „dadurch sinkt der Wartungsaufwand“. Zum anderen sei ISDN ein Auslaufmodell: „Es gibt in absehbarer Zeit keine Ersatzteile mehr“, und ISDN könne nicht mehr das leisten, „was ein Netz in fünf bis fünfzehn Jahren können muss“.

Aktuell nutzen rund fünf der 20 Millionen Telekom-Kunden das IP-Netz. Seit zwei Jahren vermarktet die Telekom laut Jodl gar keine ISDN-Anschlüsse mehr; wer einen neuen Tarif will oder umzieht, muss VoIP nehmen. Gerade Firmenkunden berichten außerdem, dass ihnen Telekom-Mitarbeiter mehrfach und mit Nachdruck einen Wechsel nahelegen. In bundesweit 53 Großstädten kündigt die Telekom Kunden mittlerweile deren Alt-Verträge; entsprechende Berichte bestätigte Jodl; in Kelheim sei dies aber „im Augenblick“ nicht der Fall. Spätestens 2018 will die Telekom aber alle ISDN-Verträge beenden.

Unberührt lassen kann das allenfalls diejenigen Telekom-Kunden, die gar kein Internet, nur einen analogen Anschluss für Sprachtelefonie haben: Sie sollen nicht zuhause, sondern in der Vermittlungsstelle auf VoIP umgestellt werden. „Stand heute müssen sie sich um nichts kümmern.“ Alle anderen Telekom-Kunden brauchen für VoIP einen IP-fähigen Router. Zumindest bei einer „erzwungenen“ Umstellung sollte so ein Router kostenlos gestellt werden, fordert dazu der Verbraucherzentrale Bundesverband eV.. Er mahnt auch kostenlose Techniker-Hilfe an für Kunden, die die Umstellung nicht hinbekommen.

Strom weg – kein Telefonieren

Schweigsam wird Telekomsprecher Jodl bei der Frage nach der Datensicherheit: „Schwieriges Thema, sehr sensibel.“ Grundsätzlich könne man jeden Telefonanschluss belauschen. Ob diese Gefahr bei VoIP größer ist als bei ISDN, „dazu fehlen mir verlässliche Zahlen“. Kein Problem sieht Markus Jodl hingegen in einem etwaigen Stromausfall. VoIP funktioniert dann nicht, im Gegensatz zum ISDN-Anschluss. Die Stromausfallzeit betrage in Deutschland im Schnitt aber nur 20 Minuten pro Kunde und Jahr. „Für wen das inakzeptabel ist, der muss eigene Sicherheitsvorkehrungen treffen“, etwa für Hausnotruf, Kassensysteme, andere Sonderdienste.

Zurückhaltend bewertet der Deutsche Gemeindetag die Umstellung der Telekom. Der dortige Fachmann Ralph Sonnenschein hegt „durchaus Zweifel, ob die neue Telefontechnik z. B. im Falle von Notfällen mit einem Festnetzanschluss mithalten kann. (…) Andererseits ist mit der Umstellung auf die neue Technik eine erhebliche Verbesserung der Internetinfrastruktur in den Städten und Gemeinden verbunden.“ Widerstand sei eh zwecklos: „Wir werden die technische Entwicklung nicht aufhalten können. Das klassische Festnetz wird über Kurz oder Lang verschwinden.“

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