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Zukunft Nahverkehr
Montag, 26. Juni 2017 30° 3

Abschalten

Ohne Auto ins Blaue und ins Grüne hinein

Feucht-fröhliche Partys und Urlaub können ohne eigenes Fahrzeug ganz entspannt sein. Vorausgesetzt, es gibt Alternativen.
Von Martina Hutzler

Das „Velo-Taxi“ ist eines der Angebote in Werfenweng, mit dem Gäste die Gegend auch ohne eigenes Auto erkunden könnten. Fotos: TVB Werfenweng/ Bernhard Bergmann

01 Einsteigen beim bärtigen Party-Chauffeur

Eines werden Sie leider auch am Ende dieses Textes nicht wissen: nämlich, wer „der mim Board“ eigentlich ist. „Das ist ein Marketing-Gag: Keiner kapiert’s“, erklärt Peter Zimmert am Telefon, und man sieht förmlich, wie der ÖPNV-Planer im Tirschenreuther Landratsamt dabei grinst. Der Marketing-Trick und die Idee dahinter haben offenkundig eingeschlagen: Der „Event-Bus“, den man beim Landratsamt unter dem Titel „Wer foard? Der mim Board“ buchen kann, war voriges Jahr 236 Mal im Einsatz; er hat 8800 Fahrgäste sicher zu Vereins- und Starkbierfesten, Sport- und auch privaten Veranstaltungen hin- und wieder zurückgebracht. „Der Bus ist Kult – es gibt fast kein Fest mehr ohne ,den mim Board’“, berichtet Zimmert.

Geboren wurde der namenlose Bart-Träger („der mim Board“) aus der Forderung von Bürgern heraus, Jugendlichen und Erwachsenen eine sichere Fahrt zu Veranstaltungen und Events zu ermöglichen. Denn bei allen potenziell feucht-fröhlichen Terminen stellt sich in einer ländlichen Gegend wie dem nordoberpfälzer Kreis Tirschenreuth zwangsläufig die Frage, wer fährt („Wer foard?“), sprich: wer nüchtern bleibt, um mangels nächtlicher ÖPNV-Angebote eine sichere Heimfahrt zu gewährleisten.

Mit einem Hauch von Ironie wirbt Tirschenreuth dafür, dass „Der mim Board“ den Shuttle-Service bei Events übernimmt. Foto: Landratsamt Tirschenreuth

Die Antwort geben in Tirschenreuth nun das Landratsamt, die Regionalbus Ostbayern (RBO) und die Unternehmen der Tirschenreuther Verkehrsgemeinschaft. Gemeinsam bieten sie an, was andernorts Veranstalter in Eigenregie organisieren müssen: einen Shuttle-Service, bei dem die eingesetzten Busse als „Erkennungszeichen“ ein Schild mit einem bärtigen Busfahrer aufgeklebt haben.

Dazu füllt ein Veranstalter bis sechs Wochen vorm Termin das Anmeldeformular aus und nennt den Veranstaltungstermin, die gewünschten Hin- und Rückfahrzeiten sowie das Einzugsgebiet. „Wir kümmern uns um den Rest“, verspricht das Landratsamt zusammen mit der RBO: Es erstellt Fahrpläne, bucht die benötigten Busse, organisiert den Fahrkartenverkauf und rechnet hinterher mit den Verkehrsunternehmen ab. Den Veranstalter kostet das 100 Euro pro eingesetzten „Board“-Bus. Fahrgäste zahlen zwei Euro einfach, vier Euro für Hin- und Rückfahrt – pauschal, unabhängig von der Streckenlänge.

Genutzt wird dieses Angebot fast nur am Wochenende, dann aber oft, berichtet Peter Zimmert: Bis zu 15 Busse sind wochenends im Einsatz; in Hoch-Zeiten wie zuletzt der Starkbier-Saison sei es manchmal schwierig, genügend verfügbare Busse aufzutreiben. „Abweisen haben wir aber noch niemanden müssen.“

Spätestens zwei Wochen vor der Veranstaltung stellt das Amt die Fahrpläne mit Routen und Fahrzeiten auf die Homepage (www.dermimboard.de) und auf Facebook. Veranstalter können überdies für ihre Werbearbeit Bilder, fertige Plakatvordrucke und Aufkleber anfordern.

Der Fahrpreis Euro gelte als unschlagbar günstig, sagt ÖPNV-Sachgebietsleiter Zimmert. Ihn überrascht selbst ein wenig, dass der bärtige Chauffeur bei der Jugend so gut ankommt. Auch wenn Jugendliche stolz auf ihren ersten eigenen Boliden sind – „wenn Du zu Veranstaltungen mit dem eigenen Auto kommst, wirst Du fast schon schief angeschaut“.

Die Probleme nach promille-reichen Partynächten halten sich laut Zimmert in Grenzen. „Wir haben auch schon Busse mit Security gehabt, aber im Großen und Ganzen ist noch nichts passiert“. Ein einziges Mal bereitete ein Fahrgast so große Probleme, dass der Bus stoppen musste. Harmloseren Sorgen wirkt man pragmatisch entgegen: „Jeder Fahrgast kriegt eine Kotztüte, und notfalls legt der Bus halt mal eine kurze Pause ein.“

Die Event-Mobilität im Stiftland hat ihren Preis: Auf „gut 40 000 Euro“ beziffert der ÖPNV-Sachgebietsleiter das Defizit, das im vorigen Jahr im Landkreis-Haushalt auszugleichen war. Die Politik habe sich aber dazu bekannt: „Der mim Board“ sei nach einjährigem Probebetrieb nun eine Dauereinrichtung.

„Der Mim Board“-Bus ist nicht das einzige ungewohnte ÖPNV-Angebot im Landkreis Tirschenreuth. Dort verkehrt seit 2014 auch das „Baxi“: ein Mini-Bus, der – nur auf Anruf hin – so viele Haltestellen ansteuert, dass er einem Taxi ähnelt. Es ergänzt das klassische – sprich: nicht allzu üppige – Linienbus-System in dieser ländlichen Region. Im Schnitt 3000 Passagiere pro Monat fahren Baxi.

„Mit großen Bussen starre Linien von A bis Z abzufahren“: dieses klassische ÖPNV-Modell hat nach Ansicht Zimmerts in dünn besiedelten Räumen und bei knapp bemessenem ÖPNV-Etat wenig Zukunft. Das klassische Linienbus-System sei auf den stärker frequentierten Hauptstrecken sinnvoll; in der Peripherie seien individuelle Angebote vonnöten, „damit wir die Leute da hinfahren, wo sie hinwollen“; jedenfalls im Rahmen dessen, was Peter Zimmert mit „Daseinsvorsorge“ umschreibt: zum Arzt, zum Einkaufen, aufs Rathaus kommen. Im Amt tüftelt man aber schon an einem Baxi-Ausbau: Freizeit-Baxis soll es geben, die zum Beispiel Bäder, Discos oder Zoiglstuben ansteuern. Und auch auf den Berufsverkehr soll das Baxi-Modell übertragen werden. Alles im Rahmen dessen, was der vergleichsweise bescheidene ÖPNV-Etat hergebe, betont der Landratsamts-Mitarbeiter. Die Kunst sei dabei, „mit den Leuten zu reden und auf alle Wünsche möglichst schnell einzugehen: Wir dürfen die Leute nicht zwingen, nach unserem Fahrplan zu fahren, sondern müssen sie fragen, wohin sie fahren wollen.“

Was geht bei uns, was nicht?

  • Die Rundum-sorglos-Gästekarte

    Der Kelheimer Kreis-Tourismusverband will das „All inclusive“-Prinzip auf die touristischen Angebote der Region übertragen: Er lässt in einer Machbarkeitsstudie die Einführung einer solchen Rundum-sorglos-Gästekarte prüfen. Mit ihr könnten, so der Plan, die Gäste pro Übernachtung je einen Tag lang Sehenswürdigkeiten, Freizeiteinrichtungen etc. kostenlos nutzen – und eben auch Linienbus und Bahn, bestätigt TV-Geschäftsführer Klaus Blümlhuber. Maßgeblich wäre dabei das bestehende ÖPNV-Angebot; eigens für die Gästekarte neue Mobilitätsangebote zu entwerfen, „ist nicht unsere Aufgabe“, stellt Blümlhuber klar.

  • Das Plastikkärtchen soll umlage-finanziert sein: Die teilnehmenden Betriebe müssten die Gratis-Leistungen in ihre Preise einkalkulieren. Mittlerweile zeigt sich laut Blümlhuber, dass es sinnvoll wäre, die Karte über den Kreis Kelheim hinaus auf den Naturpark Altmühltal auszudehnen. Der Start wäre frühestens zu Saisonbeginn 2019 realistisch.

  • Nachtschwärmer als Sorgenkinder

    Der Öffentlichen Personennahverkehr im Kreis Kelheim ist rund um die Schulbus-Linien gestrickt – entsprechend mau ist das Angebot abends und nachts. Genau dann also, wenn Jugendliche losziehen zu Discos und Partys. Um „Disco-Unfälle“ zu vermeiden, gab es im Landkreis immer wieder Anläufe, sichere Fahrangebote zu schaffen. Aber bislang erwiesen sie sich stets als Strohfeuer.

  • So stellte 2007 der „Nachtexpress“ seinen (Wochenend-)Betrieb ein, nachdem erst der Landkreis, dann das Busunternehmen wegen fehlender Wirtschaftlichkeit ausgestiegen waren. Ein Problem war die starre Linienführung.

  • Doch auch das bedarfsorientierte Nachfolgemodell „Nachtschwärmer“ verschwand schnell wieder in der Versenkung. Zuletzt folgten Vorstöße für verbilligte Taxi-Gutscheine für Jugendliche. Doch deren Finanzierung fand in der Kreispolitik keine Mehrheit.

  • Stadtradl Abensberg

    Zu Fuß zu weit, fürs Auto zu nah: In solchen Fällen können die Abensberger und ihre Gäste auf die „Stadtradln“ zugreifen. Seit 1996 gibt es dieses Angebot an kostenlosen Leih-Fahrrädern, die man sich, ohne Anmeldung oder ähnliches, tageweise gegen zwei Euro Pfand schnappen kann.

  • Auch heuer stehen – nach der Winterpause bis Anfang April – wieder jeweils 20 der städtischen Radln bereit an drei Standorten: Gillamooswiese, Bahnhof und Innenstadt. Im Auftrag der Stadt betreut sie Walter Lindler. In seinem Laden „Rad’l Walter“ kann man sich überdies auch (gegen Gebühr) Pedelecs ausleihen.

  • Lindler muss immer wieder mal ran, wenn ein Stadtrad beschädigt wurde oder nicht an einem der drei „Rad-Bahnhöfen“ abgestellt wurde, sondern ganz woanders. Auch geklaut wurden schon welche. Alles in allem aber berichtete die Stadtverwaltung zuletzt eher von einer Besserung bei der Radnutzung. (hu)

02 Tausche Autoschlüssel gegen SaMo-Card

Im Urlaub mag man sich mit unbekannten Fahrplänen erst recht nicht herumplagen. Weshalb Urlauber meist ungern aufs eigene Auto verzichten. Genau diesen Verzicht aber schlägt das österreichische Werfenweng seinen Gästen vor – und bietet ihnen im Gegenzug eine umweltfreundliche Mobilitätsgarantie an, wenn sie die „SaMo-Card“ nutzen: Die Karte für die „Sanfte Mobilität“ erhalten Gäste, die bei teilnehmenden Gastgeber-Betrieben logieren und ohne Auto anreisen oder es während ihres Aufenthalts nicht nutzen; das Kärtchen kostet dann lediglich zehn Euro Schutzgebühr.

Etwa 40 Beherbergungsbetriebe, darunter vor allem alle großen Hotels und Pensionen, sind bei SaMo dabei: Das entspreche fast drei Vierteln aller Gästebetten in dem 1000-Einwohner-Ort, schildert Bürgermeister Dr. Peter Brandauer. Sie sorgen mit einer Abgabe von 1,40 Euro, die sie pro Gäste-Übernachtung entrichten, für die Finanzierung der Fahr- und Fahrzeug-Angebote im Ort für die Urlauber.

Ein Standbein bilden das Ortstaxi „Elois“ und sein abendlicher Kollege, das „Nachtmobil“, das Nachtschwärmer wochenends bis vier Uhr morgens nach Hause kutschiert. Das andere Standbein ist der umfangreiche Leih-Fuhrpark für Gäste, fast ausschließlich mit Muskelschmalz- oder Elektro-Antrieb.

Die Bandbreite der angebotenen Gefährte reicht von Kinder-GoKarts und Spaßfahrzeugen wie Segways über E-Bikes bis zu Elektroautos.

Das „Velo-Taxi“ ist eines der Angebote in Werfenweng, mit dem Gäste die Gegend auch ohne eigenes Auto erkunden könnten. Fotos: TVB Werfenweng/ Bernhard Bergmann

Selbst eine erdgas-betriebene Sieben-Sitzer-Familienkutsche ist via Homepage (www.werfenweng.eu/SAMO/Card) buchbar – sie ist das einzige Gefährt, für das SaMo-Card-Besitzer Kilometergeld zahlen müssen. Alle übrigen Angebote können Karteninhaber kostenlos nutzen. „Das Angebot wird über die Umlage finanziert und vom Tourismusverband organisiert“, schildert Bürgermeister Brandauer; lediglich bei der Anschaffung von E-Fahrzeugen nutze die Gemeinde jetzt noch österreichische Förderprogramme.

Das war zu Beginn anders: Entwickelt und angekurbelt hat Brandauer das Projekt 1999 auch mit EU-Hilfe. Neben vier anderen Tourismus-Regionen wie Fuerteventura und dem Plattensee wurde Werfenweg Partner im Projekt „Starter“, der englischen Abkürzung für „Nachhaltiger Transport für Tourismusgebiete durch Energieeinsparung“. „Aber seit dem zweiten Betriebsjahr kommen wir ohne EU-Förderung aus“, ergänzt der Rathaus-Chef nicht ohne Stolz und merkt an, dass „SaMo“ mithin zeige, dass es durchaus nachhaltige EU-Förderprojekte gebe.

Dass es sich mittlerweile dauerhaft etablieren ließ, war aus seiner Sicht nur möglich, weil es sich für die Beteiligten rechnet, dass Werfenweng eine Pionierrolle bei der Sanften Mobilität hat, bestätigt Brandauer: Drei Jahre nach der Einführung des SaMo-Prinzips waren die Übernachtungszahlen von 162- auf 212 000 geklettert – „ein Riesen-Erfolg, der extrem wichtig war für die Akzeptanz“. Mittlerweile liegt die Marke bei 270 000. Außerdem hat sich Werfenweng ausrechnen lassen, dass SaMo jährlich 2000 Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß einspart. „Global nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, aber jeder müsse doch im Kleinen etwas beisteuern, findet der Bürgermeister. Für ihn ist SaMo unterm Strich ein „Win-Win-Modell“.

Überzeugungsarbeit sei trotzdem nach wie vor nötig, schildert Tourismusdirektor Bernd Kiechl: zum einen bei den Gastgebern und Touristikern am Ort, die man immer wieder sensibilisieren müsse für das Thema umweltfreundlicher Mobilität. Und zum anderen bei neuen Gästen, denen die Werfenwenger die Vorteile und Funktionalität des SaMo-Prinzips immer wieder aufs Neue nahebringen müssen. Die Akzeptanz, so Bürgermeister Dr. Brandauer, steht und fällt mit der Zuverlässigkeit des Systems. Weshalb es beim Tourismusverband je einen Betriebsleiter für den Fuhrpark und einen für die Shuttledienste gibt.

Die Gemeinde ihrerseits ist wiederum „Kunde“ des Tourismusverbands und macht auf diese Weise SaMo-Angebote auch für die eigenen Bürger nutzbar. Die „Wir-SaMo-Card“ soll die Einheimischen ebenfalls zum Verzicht aufs Auto motivieren. Wer sich zum Beispiel vertraglich für ein Jahr verpflichtet, nicht mit dem eigenen Auto in die Arbeit zu pendeln, kann unter anderem den Werfenweng-Shuttle gratis nutzen und erhält Gutscheine für E-Fahrzeug-Fahrten.

Aus Touristiker-Sicht ist die Sanfte Mobilität nach wie vor eine Art Alleinstellungsmerkmal für Werfenweng, auch wenn, so Bernd Kiechl, andere Orte sich schon Ideen aus der Gemeinde im Großraum Salzburg abgeguckt haben. Aber trotz des harten Tourismus-Wettbewerbs hat Werfenweng die „Alpine Pearls“ mitgegründet. 25 Touristenorte aus dem Alpenraum suchen in diesem Zusammenschluss nach umweltverträglichen Urlaubs- und Mobilitätsprojekten. Wenn man zu diesem Thema selbst schon EU-Zuschüsse in Anspruch genommen habe, dann müsse man sein Know-how auch weitergeben, findet Bürgermeister Dr. Brandauer.

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