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Region Neumarkt
Samstag, 18. November 2017 14

Vortrag

97. Architekt haderte mit seiner Zunft

Für den nach Neumarkt gekommenen Professor Dr. Paul Kahlfeldt bauten viele Kollegen nur, um Wettbewerbe zu gewinnen.
Von Martina Sellerer

In der Anmoderation versprach Johannes Berschneider (r.) noch über Professor Kahlfeldt, dass er etwas sagen wer, was viele so noch nicht gehört haben. Er sollte Recht behalten. Foto: Sellerer

Neumarkt.Seit 2001 läuft die Vortragsreihe des BDA „Architektur & Baukultur“ erfolgreich in Neumarkt. 96 Architekten, bekannte und noch nicht so bekannte, kamen seither nach Neumarkt, um ihr Werk einem interessierten Publikum vorzustellen. Der diesjährige Eröffnungsvortrag war aber etwas Besonderes und so kündigte Johannes Berschneider den über 400 Gästen den 97. Architekten auch mit den Worten an: „Sowas haben wir noch nicht gehört!“.

Prof. Dr. Paul Kahlfeldt vom Architektenbüro Petra und Paul Kahlfeldt aus Berlin und Professor an der TU Dortmund stellte seinen Werksbericht „Moderne Architektur“ vor. Zunächst gab es einen kurzen Ausflug zur modernen Architektur: Wenn man, so Kahlfeldt, an diese denke, dann fallen einem vielleicht Namen wie Walter Gropius oder Le Corbusier ein. Man denke an Bauten im Bauhausstil mit viel (Sicht-) Beton, Glasfassaden, Flachdächern und schnörkellosen Fassaden. Bedeutende Beispiele für diesen modernen Bautypus sind die Nationalgalerie in Berlin – entworfen von Ludwig Mies van der Rohe – oder auch die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, die seit fast 100 Jahren steht und von der einzelne Gebäude zum UNESCO-Welterbe zählen. In dieser Siedlung sind Häuser zu finden, die auch im Jahr 2017 als moderner Neubau durchgehen würden.

„Aber: Würden Sie bei moderner Architektur an Villen mit Säulen aus Naturstein und Walmdächern denken?“, bat Prof. Kahlfeldt um Zäsur. Aber genau diesem Baustil hat er verschrieben: Villen im Gründerzeitstil mit Sprossenfenstern aus Holz, aufwendiger Fassadengestaltung und natürlich Natursteinsäulen vor dem Eingang. Seine Entwürfe wirken wie aus dem letzten Jahrhundert – aber sind doch neu interpretiert und mit seiner Handschrift versehen. Er zeichnet noch heute seine Entwürfe per Hand. Auf dem Architektenmarkt besetzt er mit seinem Baustil zweifellos eine Nische. Über mangelnde Nachfrage kann er sich aber nicht beklagen. Er versuche den Wunsch seiner Kunden nach anständigen Häusern, in denen man sich wohlfühle und die auch noch den Enkeln gefallen, zu erfüllen.

So konnte Prof. Kahlfeldt auch nicht umhin, deutliche Kritik an der heutigen Architektur anzubringen: Viele Architekten bauten nur Häuser für andere Architekten und um irgendwelche Wettbewerbe zu gewinnen, aber keine Häuser für die Gesellschaft. Prof. Kahlfeldt baut aber nicht nur Privathäuser. Für die Philharmonie in Berlin entwarf er den neuen Ost-Eingang – diesmal ohne Säulen, dafür mit einem modernen Glasvorhang. Auch das Strandhotel Sellin auf Rügen wurde von seinem Architektenbüro geplant.

Am Applaus war zu erkennen, dass der lockere und witzige, manchmal auch nachdenklich stimmende Stil sehr gut ankam. Wie urteilte Johannes Berschneider treffend über ihn: „Bei Ihnen steht das Haus schon unter Denkmalschutz, bevor es fertig ist.“

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