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Region Neumarkt
Freitag, 19. Januar 2018 4

„Beim Boxen lernt man Respekt“

Die Schläge sitzen: Die Schüler sind begeistert.

Ort des Geschehens ist die Turnhalle der Friedrich-Wilhelm-Henschel-Hauptschule in Nürnberg. Ayhan Bostunci ist von Jungs umringt, die es wissen wollen. Ayhan konzentriert sich – kurz darauf explodiert eine rechte Gerade auf einer „Pratze“. Einem Schlagkissen, das von Peter Althof gehalten wird.

„Jawoll, mach weiter so!“ Ayhan tut, wie ihm geheißen. Innerhalb weniger Sekunden prasseln präzise Box-Kombinationen ins sich ständig bewegende Ziel, das Peter Althof mit den „Pratzen“ in der Hand abgibt – eine Serie von Kicks beendet die eindrucksvolle Demonstration. Selbst die harten Jungs im Rund sind beeindruckt. Und als Schulleiter Jan Titgemeyer fragt, wer dabei sein will, recken sich ihm wesentlich mehr Zeigefinger als im normalen Unterrichtsalltag entgegen.

Das Präventionsprojekt zur Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung, kurz „run and box“ genannt, schlägt ein. Der Ruf der Friedrich-Wilhelm-Herschel-Hauptschule ist nicht der beste. Da nimmt Titgemeyer kein Blatt vor den Mund. 450 Schüler, 85 Prozent von ihnen „mit Migrationshintergrund“. Jugendsozialarbeiter Uwe Eber könnte einiges erzählen. Aber heute dreht sich alles um „run and box“ – dem seit April dieses Jahres erfolgreich laufenden Programm mit dem Ziel „Gewaltfreie Schulen“.

Bernhard Nuss, Übungsleiter Bewegungssportverein „Never Walk Alone“, ist für „run“, das Konditionstraining, zuständig. Peter Althof, Inhaber des K1-Fitness-Clubs an der Kilianstraße und gleichzeitig wohl Deutschlands bekanntester Bodyguard, bringt den Herschel-Schülern „so oft wie möglich persönlich“ das Boxen bei. „Damit sie Konflikte in Zukunft nicht mehr auf der Straße, sondern im Boxring austragen“, wie er betont. Ayhan Bostunci, der gerade auf die Pratzen prügelte, ist einer seiner Trainer und schon so etwas wie ein Idol vieler Jugendlicher. Jedenfalls wollte dem türkischen Ausnahme-Kampfsportler nach dem Showdown in der Halle fast jeder die Hand schütteln.

Gefördert durch die Stadt Nürnberg, den Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV), dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus und dem Verein „Never Walk Alone“ erhebt das Projekt „run and box“ den Anspruch, Schülern ein qualifiziertes, pädagogisch betreutes Nachmittags-Angebot zu unterbreiten. Die Begleitung der Jugendlichen durch ausgebildete Lauf- und Boxtrainer ist die sportliche Grundlage.

„Sport kann wesentlicher Faktor sozialen Lernens sein. Neben der Ausdauerdisziplin Laufen ist das Boxtraining maßgeblicher Bestandteil dieses persönlichkeitsbildenden Schulprojektes. Die einzuhaltende sportliche Disziplin, Fair Play und Fairness unterstützen die Schüler dabei“, erläutert Jan Titgemeyer. „Aggressive, unüberlegte und unkontrollierte Handlungen sind heutzutage häufig bei jungen Menschen zu beobachten“. Jugendsozialarbeiter Eber könnte da aus dem Nähkästchen plaudern. „Beim Boxen lernen die Teilnehmer, Respekt vor dem Gegner zu entwickeln, enge Regeln anzuerkennen, körperliche Kraft im Ring gegen andere einzusetzen, ohne diese zu demütigen“, sagt Peter Althof. Mit dem Pädagogen Titgemeyer und Übungsleiter Bernhard Nuss teilt er die Meinung, dass die sportliche Aktivität und Fair Play Gewaltbereitschaft unterdrücken. Der Wettstreit im Boxring fungiere als Ventil für aufgestaute Wut und Ärger, biete alternative Verhaltensmuster. Dieses Selbstverständnis soll über das Projekt hinaus in den Alltag der Jugendlichen hineinwirken.

Fazit: Das Projekt „run and box“ kann einen nachhaltigen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung darstellen. Wichtige Basiskompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Pünktlichkeit oder Teamfähigkeit werden gefördert. Nicht zu vergessen der sportliche Aspekt. Mit Jux und Tollerei hat „run and box“ nichts zu tun. Wer von den Schülern A sagt, muss auch B sagen. Das bedeutet, dass die Teilnahme an den Trainingseinheiten Pflicht ist. Turnbeutel-Vergesser fliegen sofort wieder raus. Und damit die ganze Angelegenheit auch für den Nachwuchs von Hartz-IV-Empfängern nicht zu teuer wird, bezahlt die Schule die Tickets für den Transfer mit der Straßenbahn oder dem Bus.

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