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Region Neumarkt
Sonntag, 24. September 2017 18° 4

Jubiläum

Der Kanal hat den Tourismus angekurbelt

Der Geschäftsführer des Naturparks Altmühl erinnert sich daran, dass die Entwicklung ganz anders kam, als vermutet.
Von Dagmar Fuhrmann

Vor allem Radfahrer genießen die Touren ohne große Steigungen entlang des Kanals. Foto: Philipp Schulze

Neumarkt. Herr Würflein, wie hat sich der Tourismus entwickelt, nachdem der Kanal gebaut war und dann auch endgültig in Betrieb genommen wurde?

Mit dem Kanal sind für Touristen und insbesondere für Fahrradfahrer attraktive Wege entstanden, diese Wege werden auch intensiv genutzt. Man hat diese Entwicklung so nicht absehen können, vieles war überhaupt nicht geplant. Dass der touristische Aspekt überhaupt nicht im Blick der Kanalbauer war, zeigt sich daran, wie die Anlegestellen für die Schiffe ausgelegt wurden. Sie sind für die kleinen Ausflugsschiffe gedacht und wurden deswegen zu gering dimensioniert. Man hat damals doch nicht daran gedacht, dass eines Tages die großen Pötte durch das Altmühltal fahren.

Könnte man nicht nachträglich noch Anlegestellen nachrüsten oder bauen, so dass die großen Hotelschiffe doch noch anlegen können?

Das ist äußerst schwierig. Die Anlegestellen hat damals die RMD finanziert. Im Nachhinein ist es sehr schwierig, eine große Anlegestelle zu bauen und vor allen Dingen zu finanzieren, wie sich am Kloster Plankstetten zeigt. Damals hat niemand an einen Anlegesteg für größere Schiffe gedacht. Man darf aber nicht vergessen, dass das Kloster beim Bau der Wasserstraße noch eine ganz andere Ausrichtung hatte, es war noch nicht das grüne Kloster und hat damals die Touristen noch nicht angezogen. Es war zu dieser Zeit noch eine Schule ohne großen Außenkontakt. Es war also nicht abzusehen, dass hier eines Tages Bedarf an einer Anlegestelle für Schiffe unterschiedlicher Größe entstehen könnte. Allerdings ist es hier aus ökologischen Gründen schwierig, eine Schiffshaltestelle einzurichten.

Man hatte damals ja die Vision, dass neben dem Güterverkehr Ausflugsschiffe den Kanal beleben werden. Wie hat sich dieses Segment entwickelt?

Leider hat sich die Ausflugsschifffahrt längst nicht so positiv entwickelt, wie man es am Anfang vermutet hatte. Auch hier zeigt sich, dass nicht absehbar war, wie sich die Menschen gegenüber dem Kanal verhalten. Zunächst machte sich der Neuigkeitseffekt bemerkbar. Das Zentrum der Schifffahrt war Riedenburg. Heute ist die Linie Beilngries-Berching sogar in ihrem Fortbestand bedroht. Altmühl-Jura untersucht in einer Analyse das Potenzial für diese Linie. Gewisse Hoffnungen setzen wir auf die neue Haltestelle in der Gösselthalmühle. Sie könnte die Linie, die das Schiff Walhalla bedient, nachhaltig beleben.

Kommen wir auf den Fahrradtourismus zu sprechen. Hat der Kanal diesen in besonderer Weise vorangebracht. Und in welchem Tempo ging die Entwicklung voran?

Die Bauphase war zunächst eine große Belastung für den 1977 entstandenen Altmühlradweg, der von Beginn an gut angenommen wurde. Man kann fast sagten, dass der Kanalbau wie eine offene Wunde war. Als der Kanal dann fertig war, hat sich gezeigt, dass durch die Wirtschaftswege der Zugang zum Wasser geschaffen wurde, was neue Chancen eröffnete. Die haben manche Orte besser genutzt als andere. So war Riedenburg schon immer mehr dem Wasser zugewandt, allerdings haben die Gemeinden auch völlig unterschiedliche Voraussetzungen, es gibt viele Stellen, wo man sich am Wasser bewegen kann. Der Fahrradtourismus hat sich tatsächlich seit der Eröffnung des Kanals enorm entwickelt. Allerdings ist es schwer, Ursache und Wirkung zu bestimmen.

Gibt es Punkte, die verbesserungsbedürftig wären, um den Tourismus auf zwei Rädern weiter anzukurbeln?.

Unser Wunsch wäre es, dass die Wirtschaftswege an die Bedürfnisse der Radler angepasst werden. Mir als Touristiker ist es wichtig, dass der Untergrund passt. Ich weiß natürlich, dass die Wirtschaftswege auch schwere Fahrzeuge aushalten müssen. Deswegen kommt also nur Asphalt oder feiner Schotter infrage. Letzterer müssten allerdings durch die Bauhöfe gewartet werden, was weiteren Aufwand für die Bauhöfe der Gemeinden nach sich zieht. Radfahrer beschweren sich immer wieder über den Untergrund, dennoch konnten wir dieses Problem noch nicht lösen. Ein Grund hierfür sind natürlich auch die Kosten und vor allen Dingen die Frage, wer sie übernehmen soll. Ein weiteres Thema ist der Transport der Fahrräder. Es gibt ein Projekt „Schiffe und Fahrräder“, man darf die Zweiräder auf dem Schiff mitnehmen. Hier gäbe es einen ganz konkreten Ansatz, um die Kultur des Fahrradfahrens am Kanal weiter zu beleben. Es wäre nämlich schön, wenn sich Anbieter von Kreuzfahrten fänden, die speziell Radtouren anbieten, an anderen Flüssen gibt es solche Anbieter längst. Leider muss man den Eindruck haben, dass die Strecke zwischen Neumarkt und Regensburg für die Reedereien nicht besonders attraktiv zu sein scheint. Offenbar wird hier bevorzugt nachts durchgefahren, wenn die Gäste schlafen. Auch könnte die Zahl der Zugreisenden, die ihr Fahrrad mitnehmen, höher sein. Leider ist zum Bahnhof Kinding der Fahrradtransport nur eingeschränkt möglich. Zur Verbesserung sollen neue Zuggarnituren angeschafft werden. Wir haben vor, den alten Kindinger Bahnhof als Vermieterstation einzurichten. Am Wochenende besteht die Möglichkeit von Neumarkt nach Dietfurt mit dem Bus zu fahren und sein Fahrrad mitzunehmen, am Wochenende ist auch ein Bus mit Fahrradanhänger auf der Linie Hilpoltstein-Greding unterwegs. Die Buslinien sind wichtig als Zubringerfunktion für Einweglinien.

Welchen Stellenwert hat der Fahrradtourismus heute im Altmühltal?

Ab Anfang der 1980er Jahre war der Altmühlradweg eine Attraktion. Er war damals der einzige Fernradweg, heute konkurriert er mit 200 weiteren Radwegen. Die Konkurrenz ist enorm gewachsen, wir konkurrieren allerdings auch gegen die Strukturen, die hinter den Wegen stehen. So sind dies beim Elbe-Radweg überregionale Landesverbände mit Betreuungsgesellschaften, die das puschen können, den Altmühlradweg finanzieren die kleinen Gemeinden. Dennoch sind wir im Ranking unter den ersten zehn Radwegen, obwohl die Wege bei Hamburg oder Dresden mehr Potenzial haben.

Christoph Würflein leitet den Naturpark Altmühltal in Eichstätt und ist damit oberster Touristiker. Foto: Fuhrmann

Was wissen Sie über das Verhalten der Fahrradtouristen? Kommen sie immer wieder?

Die Radtouristen fahren nicht immer die gleiche Strecke, es gibt ganz unterschiedliche Charaktere: Die Sammler, die den Ehrgeiz haben, auf so vielen Fernwegen wie möglich zu fahren. Die Treuen kommen aus Nürnberg, Ingolstadt oder Regensburg. Die Funktion des Altmühlradwegs und auch der kanalbegleitenden Wege besteht darin, dass sie aus den Zentren hinausführen, der VGN bietet Buslinien mit Fahrradmitnahmemöglichkeiten an.

Welches Potenzial sehen Sie noch für das Gastronomiegewerbe, um von den Radtouristen zu profitieren?

Es ist wichtig, dass sich die Hotels auf die Radtouristen einstellen und sichere Abstellmöglichkeiten anbieten. Es ist verständlich, dass die Gäste ein Auge auf ihre teuren Fahrräder haben möchten, auch sollten Dienstleistungen rund um das Rad angeboten werden. Zu eng aufgestellt sind wir bei der Vermietung von Fahrrädern, wir sind aber darauf angewiesen, dass das möglich ist. Manche Händler leihen nicht gerne E-Bikes aus, in Eichstätt ist das gar nicht mehr möglich, in Berching, Beilngries und Dietfurt schon noch, ebenso in Riedenburg, es ist sehr wichtig, dass das auch so bleibt. Viele Menschen möchten ein E-Bike mieten, das ist besonders interessant für heterogene Gruppen mit unterschiedlicher Leistungsstärke. Älteren Menschen bieten E-Bikes die Sicherheit, dass sie damit weitere Strecken fahren können. Ein Drittel ist inzwischen mit E-Bikes unterwegs. Die sind genau unsere Zielgruppe, wir wollen ja die Genussradler anziehen, die die Kulinarik und die Landschaft genießen und vielleicht 25 Kilometer am Tag fahren.

Welche Veränderungen hat die Etablierung des E-Bikes gebracht?

Das E-Bike hat ganz neue Wege erschlossen, wie den Limes Radweg, der starke Steigungen enthält. Wir haben viele Sternradler, die von einem festen Punkt aus Touren unternehmen. Viele Siebzigjährige würden ohne die neue Technik vielleicht gar nicht mehr radfahren. Nachdem wir vor fünf Jahren mit dem Stromtreter-Projekt begonnen haben, bewerben wir solche Wege, die abseits der Ebenen liegen. Der Markt wächst pro Jahr um 500 000 Bikes. Auch junge Menschen kaufen inzwischen E-Bikes.

Während sich E-Bike-Fahrer vermutlich an die Fahrrad-Wege halten, begeben sich Mountainbiker auch auf Abwege, wie gehen Touristiker mit diesem Konflikt um?

Wir versuchen zu entzerren zwischen Mountainbikern und Wanderern. Altmühl–Jura arbeitet derzeit an einem Projekt, mit dem Wege für Mountainbiker gefunden werden sollen. Unsere Strategie ist es, Ortsnetze zu bilden, die dann miteinander vernetzt werden. Die Mountainbiker werden immer mehr, wir haben ein dynamisches Bevölkerungspotenzial, der Erholungsdruck wächst, man muss schauen, dass sich die Leute nicht gegenseitig auf die Füße treten.

Radfahrer zu zählen, gestaltet sich vermutlich eher schwierig, kann man dennoch sagen, wie viele in etwa im Altmühltal unterwegs sind und wie viele von ihnen in der Gegend übernachten?

Etwa 60 000 Radler sind im Altmühltal pro Jahr unterwegs. Im Bereich des Kanals wahrscheinlich noch mehr, das haben Zählungen am Radweg gezeigt, die sind natürlich nicht hundertprozentig genau. Eine Befragung durch Studenten hat ergeben, dass etwa ein Drittel der Fahrradfahrer übernachtet, ein Drittel von ihnen sind Tagesausflügler, ein Drittel Urlauber, die hier ihr zeitweises Domizil aufgeschlagen haben, ein weiteres Drittel sind Streckenradler, die hier durchfahren. Auffallend ist, dass die Tagesausflügler fast alle in den umliegenden Städten gestartet sind.

Woher kommen die Gäste?

Das können wir nur anhand der Anfragen nach Prospekten feststellen. An der Spitze sind die Nachfragen nach Fahrradtouren, gefolgt von Wanderprospekten und Unterkunftsverzeichnis, demnach sind die Bayern an erster Stelle, gefolgt von Nordrhein Westfalen und Thüringern.

Alle Serienteile unseres MZ-Spezials „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ finden Sie hier.

Gut zu wissen

  • Übernachtungen 2016:

    Bei den gewerblichen Übernachtungen im Altmühltal verzeichnet die Statistik für 2016 ein Plus von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht 1,443 672 Millionen Übernachtungen im gewerblichen Bereich – ein absoluter Rekord für den Naturpark Altmühltal und eine Fortsetzung des positiven Trends der letzten Jahre“, erklärte der Geschäftsführer des Naturparks Altmühltal Christoph Würflein.

  • Zuwachs:

    Das bedeutet einen Zuwachs von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist ein Aspekt, der durchaus erfreulich ist.

  • Marktpotenzial:

    Es gibt ein Marktsegment im Naturpark Altmühltal, das laut Christoph Würflein überhaupt nicht ausgeschöpft wird. Hierbei handelt es sich um Familienurlaube. Hierfür müssten die Betriebe investieren und spezielle auf die Bedürfnisse von Eltern mit kleinen Kindern eingehen, erläutert Christoph Würflein. Dass die Nachfrage da ist, das würden die Urlaube am Bauernhof zeigen. Die würden stark nachgefragt und seien bereits auf Wochen hinaus ausgebucht. Man habe als Familie kaum eine Chance einen Platz in den Ferien zu bekommen. Investieren würde sich also lohnen.

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