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Region Neumarkt
Montag, 20. November 2017 5

Verbrechen

Der Schlüssel ist da, das Auto weg

Rund um Neumarkt werden immer häufiger teure Autos gestohlen. Die Diebe nutzen eine Lücke in der modernen Technik.
von Wolfgang Endlein

Keyless-Systeme in modernen Autos machen klassische Autoschlüssel und -schlösser obsolet, haben aber auch ein Sicherheitsproblem. Foto: Deck

Neumarkt.Man kennt das von sich selbst: Man kommt nach Hause nach einem langen Arbeitstag und legt die Schlüssel des vor dem Haus geparkten Autos auf die Ablage gleich neben der Haustür. Am nächsten Morgen liegt der Schlüssel immer noch an gleicher Stelle – das Auto aber ist weg.

Dahinter steckt kein Zauberer mit Zauberstab, sondern schlicht Verbrecher, die allerdings keines ihrer klassischen Werkzeuge wie Stemmeisen mehr schwingen müssen. Die Räuber sind technisch hoch gerüstet unterwegs auf der Jagd nach hochwertiger Beute auf vier Rädern. Und sie werden dabei immer häufiger fündig.

So wie beispielsweise jüngst in Pyrbaum (wir berichteten). Ein Jahr war der graue Audi A6 mit einem Zeitwert von 55 000 Euro alt, den sein Besitzer am Dienstagabend vor seinem Anwesen in der Mühlstraße geparkt hatte. Am nächsten Morgen war der Schlüssel da, das Auto aber fort.

Die Zeiten, als Autoknacker noch mit roher Gewalt vorgingen, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Heute wird auf moderne Technik gesetzt. Foto: Diana Pfister

Für die Kriminalpolizei liegt daher die Schlussfolgerung nahe: Der oder die Täter haben das Keyless-Go-System des Autos überlistet. Also jenes System, das uns Autofahrern das Leben leichter machen will. Kein Schlüssel muss mehr in ein Schlüsselloch gesteckt werden, stattdessen trägt man einfach nur den Schlüssel bei sich, um das Auto zu öffnen und mit einem Knopfdruck zu starten.

So wird moderne Technik überlistet

Doch die moderne Autotechnik hat eine Sicherheitslücke, die Verbrechern einen Autobruch ermöglicht, ohne, dass dabei etwas zu Bruch gehen muss. Wie das funktioniert, erklärt Dietmar Winterberg vom Polizeipräsidium der Oberpfalz. „Die Autoschlüssel senden ein Signal“, sagt der Polizist. Dieses fange einer der Täter, der sich dem Schlüssel auf einige Meter nähere mittels eines Empfängers auf und leite das an einen Komplizen weiter, der neben dem Auto stehe. Je nach technischer Ausrüstung könnten so auch größere Distanzen von mehreren hundert Metern überwunden werden, berichtet der ADAC. Die Geräte könnten zudem leicht und kostengünstig selbst gebaut werden.

Wie die Diebe das Keyless-Go-System überwinden, erklärt die Grafik:

Auf diese Weise lässt sich das Auto öffnen und starten. Einen Schlüssel braucht es nun nicht mehr. „Außer die Diebe würden den Motor abstellen. Deswegen tanken sie auch bei laufendem Motor“, erklärt Winterberg. Ist der Wagen erst einmal über der Grenze, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder gefunden wird, sehr gering. „Einige tauchen wieder auf“, sagt Winterberg zwar, aber die Regel ist das nicht. Zumal viele der gestohlenen Autos „ausgeschlachtet“ werden, um die Teile einzeln zu verkaufen, wie der Polizeisprecher erklärt.

Und auf noch einen bemerkenswerten Umstand weißt Winterberg hin: Es sei durchaus üblich, dass die Diebe, hinter denen die Polizei meist Banden aus Osteuropa vermutet, auch auf Bestellung bestimmte Autos stehlen.

Ein weiterer schwerer Autodiebstahl gab es in Berg. Die MZ berichtete in diesem Artikel darüber.

Vor diesem gesamten Hintergrund sind die sich in jüngster Zeit häufenden Pressemitteilungen der Polizei zu Autodiebstählen zu sehen. „Da ist ein Trend erkennbar“, sagt Michael Danninger, Leiter der Polizeiinspektion Neumarkt. Auch in Neumarkt habe man das „Phänomen auf dem Schirm“, aber aus Danningers Sicht ist Neumarkt und der Landkreis bislang noch gut weggekommen. „Wir hatten bislang nur Einzelfälle“, sagt Danninger und fügt zugleich an: „Wir schauen natürlich auch über den Tellerrand“.

Neumarkts Polizeichef Michael Danninger spricht von einem Trend bei den Autodiebstählen. Foto: Seitz

Der zeigt in Mittelfranken 18 gestohlene Autos in den vergangenen vier Wochen, die Mehrzahl von ihnen im höheren Preissegment. Die Polizei hat keine konkreten Zahlen, geht aber davon aus, dass einige davon mittels der Sicherheitslücke geknackt wurden. „Es sind bei einigen noch die Schlüssel da“, erklärt ein Sprecher.

Wie man sich schützen kann

Im angrenzenden Landkreis Regensburg hat die Polizei im Zeitraum von 1. November 2016 bis 26. September 2017 24 Autodiebstähle gezählt, 13 rechnet sie dem Keyless-Phänomen zu. Insgesamt wurde so laut Polizei Autos im Wert von etwas mehr als einer Million Euro entwendet.

Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, was die Polizei und die Autobesitzer tun können. Michael Danninger nennt für die Polizei gezielte Kontrollfahrten in den Abend- und Nachtstunden. Dann, wenn die Zielautos nicht bewegt werden.

Autobesitzern rät die Polizei, hochwertige Fahrzeuge nach Möglichkeit in einer Garage abzustellen. Der Schlüssel sollte außerdem nicht in der Nähe der Haustüre liegen. Eine Möglichkeit seien besonders gesicherte Schlüsseltresore. Für unterwegs gebe es zudem Etuis, die den Schlüssel durch Folien gegen die Funksignale abschirmen. Diese sollte man jedoch vorab auf ihre Wirksamkeit prüfen.

Nicht zuletzt sollte man beim Hersteller seines Fahrzeuges nachfragen, ob das Keyless-Go-System temporär deaktiviert werden kann. Doch beileibe nicht alle Autos bieten diese Funktion. Womit man bei der Verantwortung der Hersteller angelangt ist. Der ADAC fordert hierzu klar: „Die Fahrzeug-Hersteller sind in der Pflicht“.

Die Sicherheitslücken der Keyless-Go-Technik – und wie sich Autofahrer gegen Diebstähle wappnen können: eine Analyse von MZ-Redakteurin Marianne Sperb.

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