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Region Neumarkt
Dienstag, 16. Januar 2018 7

Zucker

Der tägliche Kampf mit Diabetes

Zum Welt-Aktionstag erzählen uns zwei Patienten, wie sie unter ihrer Krankheit leiden – und was ihnen dennoch Hoffnung macht.
Von Bernhard Neumayer

Helgard Kübler misst den Blutzucker bei Diabetes-Patientin Gertrud Emma Zander. Im Hintergrund sieht Brigitte Distler zu. Foto: Neumayer

Neumarkt.Diagnose Diabetes: Während Brigitte Distler geschockt von dieser Nachricht ihres Arztes war, reagierte Gertrud Emma Zander „gar nicht“, wie sie selbst sagt. Die 75-Jährige hat nie daran gedacht, einmal an der vererbbaren Zuckerkrankheit zu leiden. „Weil niemand aus meiner Familie zuvor Diabetes hatte“, sagt Zander, die wie Distler in der Diabetiker Selbsthilfegruppe Neumarkt ist. Geleitet werden die regelmäßigen Treffen von Apothekerin Helgard Kübler. Anlässlich des heutigen Welt-Diabetes-Tages bereitete Kübler in der Kloster-Apotheke in der Bahnhofstraße einen kleinen Stand vor, der in der Diabetes-Aktionswoche bis Freitag über die Krankheit informiert.

Tabletten reichten nicht mehr aus

Helgard Kübler hat die Diabetiker Selbsthilfegruppe in Neumarkt gegründet. Foto: Neumayer

Bei Distler ist die Krankheit schon vor über 25 Jahren diagnostiziert worden. Bei einem Gesundheitstag 1990 hatte sie ihren Blutzucker kontrollieren lassen. Er lag damals mit 180 mg/dl deutlich zu hoch. Laut Zahlen der Deutschen Diabetes-Gesellschaft sind Werte unter 100 mg/dl bei nüchternem Magen normal. Liegt die Zahl über 125 mg/dl, kann Diabetes vorliegen. „Zuerst habe ich Tabletten bekommen“, erzählt die heute 71-Jährige. Nachdem es damit aber nicht besser wurde, schickte man sie auf Kur nach Bad Füssing. Für Distler war die Ernährungsumstellung kein großes Problem, wie die Pöllingerin sagt. Nicht zu viele Kohlenhydrate, mehr Gemüse – „Das war die Vorgabe der Beraterin auf der Kur in Bad Füssing“, sagt Distler, die in ihrem Garten ihr Gemüse selbst anbaut und gerne isst. „Nur meine Familie leidet, wenn ich nicht mehr so oft Kuchen backe.“

In unserem Video erklärt Diabetesberaterin Anett Bisanz, welche Symptome auf eine Diabetes-Erkrankung hinweisen:

Schutz vor Diabetes

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Regulierung des Blutzuckerspiegels gestört ist. Nur bei rund 300 000 Menschen in Deutschland ist eine angeborene Autoimmunkrankheit (Typ 1) Ursache für die diagnostizierten Fälle. Bei mehr als sechs Millionen Menschen ist dagegen ein Wechselspiel aus Fehlernährung, Bewegungsmangel und genetischen Anlagen der Grund für erkannte Erkrankungen (Typ 2).

In der Neumarkter Selbsthilfegruppe sind die meisten der 15 Teilnehmer von Typ 2 betroffen, sagt Kübler. Sie hat die Gruppe im Februar 2001 zusammen mit Anja-Marie Thumann wiederbelebt, nachdem sie einige Jahre zuvor nicht mehr aktiv war. Kübler ist selbst nicht von Diabetes betroffen, fühlt sich aber trotzdem für die Patienten ein klein bisschen verantwortlich. Ihre Mutter war an Typ 2 erkrankt. „Die Krankheit und die Nachfragen der Kunden in der Apotheke waren für mich die zwei entscheidenden Gründe, die Gruppe wieder zu gründen“, sagt Kübler.

Anja-Marie Thumann referiert am Mittwoch im Zuge der Diabetes Aktionswoche. Foto: Neumayer

Ihre Kollegin Thumann wird morgen um 18 Uhr im Vortragsraum der Rathaus-Apotheke, die der Senior-Chef Erich Dorfner immer für die Treffen der Gruppe zur Verfügung stellt, darüber referieren, worauf Diabetes- und Bluthochdruck-Patienten achten sollen: „Für mich ist es entscheidend, die Patienten zu begleiten und ihre Eigenverantwortung zu stärken.“

Hilfe für Diabetes-Patienten

Wissenschaftler gehen davon aus, dass weitere zwei Millionen Menschen in Deutschland unter Diabetes leiden, ohne davon zu wissen. Die Zahl der Vorstufen der Krankheit schätzt Norbert Stefan, Diabetesforscher am Uni-Klinikum Tübingen, auf noch einmal 20 Prozent – das wären rund 16 Millionen Menschen in Deutschland. Belegen kann er das nicht. Stefan orientiert sich an Statistiken in den USA. Patienten, die an Diabetes leiden, unterstützt Anett Bisanz. Sie ist seit 2014 Diätassistentin und Diabetesassistentin am Klinikum Neumarkt und bespricht mit Ärzten, Angehörigen und dem Patienten, wie sie ihm helfen kann. „Entscheidend ist dabei, was der Betroffene will“, betont Bisanz. Wie hat der Patient Spaß an Bewegung? Wie kann man die Essengewohnheiten optimieren, ohne sie komplett über den Haufen zu werfen? Wie kann man die Patienten unter die Menschen bringen?

Diabetes: Zahlen und Fakten

  • Krankheit:

    6 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Diabetes.

  • Zuwachs:

    300 000 Patienten kommen jährlich in der Bundesrepublik dazu.

  • Dunkelziffer:

    2 Millionen Menschen in Deutschland etwa wissen noch nicht, dass sie von Diabetes betroffen sind.

  • Tod:

    75 Prozent der Menschen mit Diabetes sterben vorzeitig an Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

  • Kosten:

    35 Milliarden Euro Kosten entstehen für das Gemeinwesen in Deutschland pro Jahr durch Diabetes und seine Folgekrankheiten für Behandlung, Pflege, Arbeitsunfähigkeit und Frührente.

Anett Bisanz ist Diabetesberaterin am Klinikum Neumarkt. Foto: Neumayer

Die gemeinsamen Aktivitäten der Selbsthilfegruppe stärken ihre Psyche, betont Distler. „Der Austausch mit anderen Betroffenen tut uns sehr gut“, erzählt Distler, die viermal am Tag Insulin spritzen muss. Jeweils vor den Einstichen ermittelt sie mit einem Messgerät ihren Blutzuckerspiegel. „Dann trage ich den Wert in mein Heftchen ein und spritze mich“, sagt Distler.

Zander hingegen hat das Mitschreiben satt. „Anfangs habe ich das gemacht, aber mittlerweile ist mir die Lust vergangen“, sagt die Neumarkterin, die seit rund acht Jahren in der Gruppe ist. „Dort bin ich unter Menschen und lerne in den Vorträgen viel über meine Krankheit“, erzählt Zander. Sie muss sich einmal in der Woche spritzen, zusätzlich nimmt sie Tabletten. Das ist ihr Alltag. „Ich lebe einfach – aber ich habe trotzdem Angst, an den Spätfolgen zu sterben“, sagt Zander.

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