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Umwelt

Die Helden beim Einkaufen

Thomas Linhardt will in Nürnberg den ersten „Zero Waste“-Laden eröffnen – die Resonanz ist schon jetzt riesig.
Von Katrin Böhm

Thomas Linhardt wie er sich selbst sieht – als klassischen Verkäufer, der sich für seine Kunden schick macht. Foto: Linhardt

Nürnberg.Jeder, der in einem ganz normalen Supermarkt einkauft – es muss gar nicht mal ein Discounter sein – kennt das: Dreierlei Paprikaschoten oder zwei rote Spitzpaprika werden in einer Plastiktüte angeboten, die Gurke, womöglich sogar bio, ist in Folie eingeschweißt. Den Sechserpack Äpfel gibt‘s auf einem Karton, überzogen mit Plastik, das Kilo Karotten in einer Plastikschale, Salate liegen in einer Plastiktüte im Kühlfach. Von dem vielen Plastik, das um Nudeln, Müsli, Joghurt, Spülmittel und hunderte andere Supermarkt-Produkte gewickelt ist, ganz zu schweigen.

Wer reflektiert darüber nachdenkt, kommt schnell zu der Frage, ob so viel Plastik wirklich sein muss – so wie Thomas Linhardt. Der 38-jährige Nürnberger kam ebenso schnell zu einer Antwort – nein, natürlich nicht. Sobald er einen geeigneten Laden, möglichst in Gostenhof, gefunden hat, will er in Nürnberg den ersten „Zero Waste“-Laden aufmachen.

Alle Produkte gibt es unverpackt

Auch Essig und Öl können in Zero-Waste-Läden abgefüllt werden. Foto: Linhardt

Alles soll man dort kaufen können – nur nicht verpackt. Und zwar nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Produkte wie Haferflocken, Trockenfrüchte, Nudeln, Reis, Quinoa, aber auch Waschmittel. 250 lose Produkte sollen von Anfang an das Sortiment bilden. „Man soll hier seinen Wocheneinkauf erledigen können.“ Zum Konzept des Ladens gehört nicht nur, dass er frei von Abfall ist, sondern auch, dass Kunden beraten werden. Als „modernen Tante-Emma-Laden“ stellt sich Thomas Linhardt sein Geschäft vor – er sieht sich in der klassischen Verkäuferrolle aus vergangenen Zeiten. Schick will er sich für seine Kunden machen, mit Hemd, Hosenträgern und Fliege im Markt stehen.

„Es war schon immer mein Ding, zu kochen. Und ich mag gute Produkte.“

Thomas Linhardt

Dass er einmal seinen eigenen Laden betreiben wollen würde, war für den 38-Jährigen schon immer klar. Eigentlich ist er gelernter Werbetechniker und Mediengestalter, 2012 eröffnete er nebenbei einen Online-Shop, in dem er Feinkost verkaufte. „Es war schon immer mein Ding, zu kochen. Und ich mag gute Produkte“, sagt er. Aus dem Online-Shop sollte ein realer Feinkost-Laden werden, doch dann stieß Linhardt auf das Konzept „Zero Waste“. Er erkannte, dass „diese Unverpackt-Sache immer größer wurde“ und dass es in und rund um Nürnberg zwar schon Feinkostläden, nirgends aber einen „Zero Waste“-Laden gibt.

Hier finden Sie weitere Informationen zu den „Zero Heroes“:

Plastikmüll und Zero Heroes

  • Fakten über Plastikmüll:

    Die Deutschen produzieren immer mehr Verpackungsmüll – im Jahr 2014 waren es 17,8 Millionen Tonnen (2013: 17,1 Millionen), wie aus den jetzt veröffentlichten Zahlen des Umweltbundesamts hervorgeht. Die Ursachen sind vielfältig: Beispielsweise werden immer mehr kleinere Verpackungen und Essen und Trinken „to go“ gekauft.

  • Müll in Deutschland:

    Insgesamt produziert jeder Deutsche pro Jahr 500 Kilogramm Müll – diese bundesweiten Zahlen entsprechen auch den bayerischen, wie es beim Landesamt für Umwelt heißt.

  • Wer sind die Zero Heroes?

    Thomas Linhardt will nicht nur einen Zero-Waste-Laden eröffnen, sondern auch generell auf die Problematik von viel zu viel Abfall aufmerksam machen – dabei hat er Mitstreiter, zum Beispiel Anne Mäusbacher (Beach Cleaner) und Anne Thieseler (Grüner Alltag). Gemeinsam mit den beiden Annes hält Linhardt Vorträge – diese sind so beliebt, dass sie innerhalb kurzer Zeit ausgebucht sind. Wer Glück hat, kann sich am 29. Oktober um 14 Uhr „Zero Waste Leben und unverpackt Einkaufen“ im „Josephs – die Servicemanufaktur“ in Nürnberg (Karl-Grillenberger-Straße 3) anhören.

  • Ist Zero Waste gleichzeitig bio?

    Nein. Die Waren, die Thomas Linhardt anbieten will, werden „hauptsächlich bio“ sein, aber nicht ausschließlich. Wert legt Linhardt darauf, Händler und Bauern aus der Region zu unterstützen, „bei denen ich weiß, dass ihre Waren bionah sind“. Obst und Gemüse kommen aus dem Knoblauchsland, auch die Molkereiprodukte werden aus der Region stammen. Für Quinoa, der eigentlich in Südamerika angebaut wird, ist Linhardt im Gespräch mit einem Erzeuger aus dem Münsterland.

Er informierte sich auf Messen über den Trend, besuchte Zero-Waste-Läden in anderen großen deutschen Städten wie Stuttgart oder Augsburg und machte ein Seminar im Zero-Waste-Laden in Kiel, in dem es darum ging, wie es funktionieren kann, einen solchen Laden zu eröffnen. „2012 war Zero Waste für mich noch kein Begriff.“

„Früher hab ich viel zu viel eingekauft, man braucht ja nur an die Zucchini im Sechser-Pack denken – und dann wurde die Hälfte weggeschmissen.“

Thomas Linhardt

Mitstreiterin bei den Zero Heroes: Anne Thieseler, hier beim Abfüllen in einem Zero-Waste-Laden. Foto: Linhardt

Die ersten Läden in Deutschland eröffneten 2014, mittlerweile gibt es etwa 30, sagt Linhardt. „Deutschland ist da hintendran, in Frankreich gibt es schon Ketten mit 200 Filialen. Auch in Kanada und den USA ist das Thema ganz groß.“

Auch Thomas Linhardt hat seither sein Leben Schritt für Schritt umgestellt. Er achtet viel mehr als früher darauf, regionale Produkte zu kaufen, hat sich einen Saison-Kalender angeschafft, nach dem er sich richtet. Und er kauft achtsamer ein. „Früher hab ich viel zu viel eingekauft, man braucht ja nur an die Zucchini im Sechser-Pack denken – und dann wurde die Hälfte weggeschmissen.“ Er versucht, Essen besser zu verwerten, kauft an der Kasse keine Plastiktüten mehr und zum Bäcker nimmt er schonmal die Semmeltüte vom Vortag mit. „Ich denke, jeder kann etwas tun und Müll vermeiden.“

Noch fehlt die geeignete Immobilie

Dennoch ist der 38-Jährige kein Missionar und keiner, der auf Extreme setzt – so werden beispielsweise die großen Behälter und Schütten im Laden aus Kunststoff sein. Glasbehälter seien beim erneuten Befüllen einfach zu schwer – und abgesehen davon dreimal so teuer. „Es muss ja auch wirtschaftlich sein.“ Und: Die Waren, die unverpackt verkauft werden, werden erst einmal verpackt angeliefert. Hier wird er versuchen, möglichst große Packungsgrößen einzukaufen und auf Papiersäcke zurückgreifen.

Dass ein Zero-Waste-Laden in Nürnberg erfolgreich laufen kann, davon zeugen die vielen positiven Rückmeldungen – innerhalb weniger Wochen sammelte Linhardt als „Zero Hero“ 5000 Likes auf Facebook, ständig wird er gefragt, wann man endlich einkaufen kann. Bald, hofft er – schließlich bereitet er sich seit einem halben Jahr auf nichts anderes vor. Es fehlt nur noch die Immobilie...

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