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Region Neumarkt
Samstag, 16. Dezember 2017 4

Herausforderung

Die nächste Stufe der Inklusion

Behinderte und nicht-behinderte Schüler sollen in der Lebenshilfe Neumarkt lernen – wenn alle Hürden überwunden sind.
Von Bernhard Neumayer

Eine intensivere individuelle Betreuung für jeden Schüler soll in den Partnerklassen möglich sein. Foto: dpa

Neumarkt.Mattis ist sechs Jahre, hat drei Geschwister und lebt mit seinen Eltern im Landkreis Neumarkt. „Er ist ein lebensfroher Mensch“, sagt seine Mutter Violetta Paprotta. Und das, obwohl er nicht gesund ist. Mattis leidet unter Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Weil er geistig behindert ist, besucht Mattis mit seinen sechs Jahren noch den Kindergarten. Ein Ort, an dem er – wie zuhause – mit nicht-behinderten Menschen spielt und lebt. Im September 2018 wird Mattis eingeschult. „Den Weg, dass unser Sohn sowohl mit behinderten als auch nicht-behinderten Kindern zusammen lernt, wollen wir in der Schule weitergehen“, sagt seine Mama.

Violetta Paprotta ist Mattis Mutter. Foto: Neumayer

An der Grund- und Mittelschule Berngau gibt es seit dem Schuljahr 2015/16 eine Kooperation mit der Lebenshilfe. Geistig behinderte Schüler des Privaten Förderzentrums der Lebenshilfe werden mit nicht-behinderten Schülern in Berngau in geeigneten Fächern unterrichtet.

Einmaliges Projekt in der Oberpfalz

Zum neuen Schuljahr soll diese Partnerschaft vertieft werden und die Schüler in der Lebenshilfe unterrichtet werden, wie bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend vorgestellt wurde. Eine Grundschulklasse aus Berngau soll in den neuen Räumen der Lebenshilfe am Höhenberg gemeinsam mit geistig behinderten Schülern lernen. „In der Oberpfalz gibt es dieses Projekt noch nicht“, sagt Cliff Rüdinger-Härlin, der Schulleiter der Lebenshilfe. In Nürnberg, Deggendorf und in Kempten gebe es diese Form bereits. „Für den Schulstandort Neumarkt hätte eine Partnerklasse in den Räumen der Lebenshilfe Signalwirkung.“

In unserem Video sehen und hören sie Dr. Wolfgang Dworschak von der LMU München. Er schätzt die Chancen des Projekts ein:

So stehen die Chancen des Projekts

Doch die Tatsache, dass Rüdinger-Härlin im Konjunktiv spricht, zeigt, dass das Projekt noch nicht in trockenen Tüchern ist. Es ist noch unklar, wie viele geistig behinderte Kinder mit nicht-behinderten Schülern lernen sollen und wer diese unterrichtet.

Lesen Sie hier: Ein Beispiel für gelebte Inklusion

„Wir brauchen zusätzliche Lehrer“, stellt Schulamtsdirektor Franz Hübl fest. „Aber das ist das geringste Problem“, sagt er. Eine größere Herausforderung sei die Beförderung der Schüler. Denn die Kooperation läuft zwar zwischen der Schule Berngau und der Lebenshilfe. Es sollen aber Kinder aus dem gesamten Landkreis in der Partnerklasse lernen dürfen. „Man kann aber nicht verlangen, dass jede Gemeinde einen Bus organisiert, um einen Schüler aus einem Ort zur Lebenshilfe zu fahren.“

Auf Plakaten drückt die Lebenshilfe die Wichtigkeit der Zusammenarbeit aus. Foto: Neumayer

Wie der Transport der Schüler gestemmt werden soll, weiß auch Willibald Gailler noch nicht. „Wir müssen das erst prüfen und ausloten, was möglich ist“, sagte der Landrat, der von diesem Projekt „begeistert“ ist, wie er mitteilte: „Aber dieser Weg ist eine besondere Herausforderung, die viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern benötigt.“

Eltern könnten ein Problem werden

Die Statistik zeigt, dass der Freistaat in Sachen Inklusion in der Schule noch Luft nach oben hat. „Während rund die Hälfte der Kinder mit Lern- und Sprachbehinderung und etwa ein Drittel der Kinder mit Sprach-, Seh- oder Hörbehinderung in einer Einzelinklusion integriert werden, sind es bei Kindern mit geistiger Behinderung nur sechs Prozent in Bayern“, sagt Dr. Wolfgang Dworschak vom Lehrstuhl „Pädagogik bei geistiger Behinderung“ an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Für die Kinder mit geistiger Behinderung ist dagegen das kooperative Lernen von großer Bedeutung. 15 Prozent von ihnen besuchen eine Partnerklasse.“

Cliff Rüdinger-Härlin ist der Schulleiter der Lebenshilfe. Foto: Neumayer

Geht es nach der Lebenshilfe, soll dieser Prozentsatz durch die Kooperation mit Berngau in Zukunft gesteigert werden. Die Angst, dass das eigene Kind in einer gemischten Klasse untergehen könnte, will Schulleiter Rüdinger-Härlin den Eltern nehmen. „Die Klasse ist kleiner und hat mehr Betreuungspersonal. Jeder Schüler wird mit einem auf ihn abgestimmten Lehrplan individueller gefördert“, nennt er die Vorteile des Projekts.

Er weiß aber auch, dass die Eltern das Zünglein an der Waage sind. „Wenn wir in fünf Jahren die fünfte Partnerklasse starten, reden wir darüber nicht mehr“, sagt Rüdinger-Härlin und hofft darauf.

Wenn alles klappt, kann auch Mattis weiter mit nicht-behinderten und behinderten Kindern aufwachsen.

Hier lesen Sie: Der steinige Weg zur Inklusion

Lesen Sie hier: Ein Plädoyer für ganz besondere Kinder

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