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Region Neumarkt
Donnerstag, 29. September 2016 23° 2

Geschichte

Ein Stück Berliner Mauer in Neumarkt

Zu 25 Jahre Mauerfall hat die Berufsschule ein Mauerstück gekauft. Ein Zeitzeuge berichtete von der DDR – und seiner Flucht.
Von Wolfgang Endlein, MZ

Lutz Quester mit einem Stück jener Mauer, die er 1985 bei seiner Flucht aus der DDR hinter sich ließ. Foto: Endlein

Neumarkt.Es ist der Moment, den Lutz Quester als „einen der geilsten meines Lebens bezeichnet“. Der damals 27-Jährige steht im Jahr 1985 am Checkpoint Charlie, jener berühmteste Grenzübergang des damals geteilten Berlins. „Da war eine weiße Linie“, erinnert der heute 56-Jährige sich. Eine weiße Linie zwischen Ost und West, die normale DDR-Bürger so niemals zu Gesicht bekommen hätten. Quester setzt an diesem Tag einen Fuß darüber und schaut gen Osten.

„Und dann habe ich so gemacht“, sagt Quester und macht die Geste des Stinkefingers. Die Geste scheint auch 30 Jahre später nichts an Inbrunst verloren zu haben, auch wenn Quester sie diesmal den Schülern der Berufsschule zeigt und nicht wie einst den DDR-Wachsoldaten. „Die haben mich sogar noch fotografiert“, erinnert sich der gebürtige Dresdner an die absurde Situation. Doch anhaben konnte das DDR-Regime ihm nichts mehr, er war bereits im Westen. In der Freiheit. Jenseits der Mauer, die die DDR-Bürger von jener trennte.

Ein Stück dieser Berliner Mauer steht seit kurzem vor dem Eingang der Berufsschule (siehe Extra-Artikel auf dieser Seite). Sie soll ein sichtbares und greifbares Erinnerungsstück an eine Zeit sein, die die meisten Berufsschüler schon gar nicht mehr bewusst miterlebt haben. Die meisten waren noch Kleinkinder oder noch gar nicht auf der Welt, als die Mauer vor 25 Jahren fiel. Wie davor das Leben hinter dieser Mauer war und wie er es über dieses Hindernis geschafft hat, darüber berichtet Quester auf eindringliche und zuhörenswerte Weise.

An Beispielen aus dem Alltag erklärt er den Schülern, wie sein Unverständnis am DDR-Staat von Jugend an wuchs. Ein Staat, in dem man mit mehreren Wahrheiten leben musste. Da gab es die Wahrheit in der Schule, die von der tödlichen Bedrohung durch den kapitalistischen Feind sprach und dem Paradies DDR. Da waren aber auch die westlichen Sender, die die Eltern heimlich hörten. Die eindrücklichste Wahrheit für den damals kleinen Lutz waren aber die Pakete aus dem Westen von Oma und Tante. „Der Feind ist also da, wo die geilen Pakete herkommen? Ich habe das nicht verstanden.“

Der Keim des Zweifels am System DDR war gelegt – und er wuchs beständig. Lutz Quester wurde indes erwachsen, machte seine Ausbildung zum Elektriker, leistete seinen Wehrdienst und gründete eine Familie. Doch die ihm immer wieder begegnenden Restriktionen und Einschränkungen seiner persönlichen Freiheit lassen ihn zu dem Schluss kommen: „Ich halte es in diesem Land nicht mehr aus“.

Als ein guter Freund einen Ausreiseantrag stellt und dieser überraschend genehmigt wird, kann Quester nicht mehr anders: Er stellt auch einen. Dieser wird abgelehnt. Längst war der Dresdner ins Visier der Stasi geraten, die ihn schließlich vorlud, nachdem er alle vier Wochen immer wieder einen neuen, aber immer wieder abgelehnten Antrag gestellt hatte. Die Ansage der Staatssicherheit: „Wenn Du so weitermachst, endest Du im Gefängnis“. So kam es auch.

Allerdings führte Quester dies bewusst herbei. Er fuhr nach Berlin, um vor der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik mit einem Plakat auf sich aufmerksam zu machen. „30 Sekunden hat es gedauert, dann hatte mich die Stasi verhaftet.“ Es setzt Prügel, Nerven aufreibende Verhöre, er wird zu Gefängnis verurteilt und schuftet in einem Arbeitslager: Dann kauft die Bundesrepublik den politischen Gefangenen frei. Jener Akt, auf den die gesamte Aktion Questers von Beginn abgezielt hatte.

Einige Zeit später fährt Quester nach West-Berlin. Zum Checkpoint Charlie. Er war frei.

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