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Region Neumarkt
Freitag, 17. November 2017 7

Streit

Eine Gedenktafel wird zum Politikum

Ein Honorarkonsul will mit dem litauischen Ministerpräsidenten Gefallene in Neumarkt würdigen. Doch sie beißen auf Granit.
Von Bernhard Neumayer

  • Der Kriegsgräberfriedhof ist Grund des Streits. Foto: Neumayer
  • Der Kriegsgräberfriedhof ist Grund eines Streits. Foto: Neumayer

Neumarkt.Der Premierminister eines Landes hat in der Regel andere Aufgaben, als sich über Entscheidungen in der 40 000-Einwohner-Stadt Neumarkt Gedanken zu machen. Doch in Litauen ist genau das der Fall. Der litauische Ministerpräsident, Saulius Skvernelis, beschäftigt sich aktuell zusammen mit Deividas Matulionis, einem Berater des Ministerpräsidenten, auch um einen Streitfall in Neumarkt.

Der Anlass für den Ärger war ein Besuch von Prof. Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten auf dem Kriegsgräberfriedhof am Neumarkter Föhrenweg. Vor etwa einem halben Jahr war der Honorarkonsul der Republik Litauen aus Baden-Württemberg mit einer Delegation auf Deutschlandreise: Berlin, München – und unter anderem auch in Neumarkt.

Prof. Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten ist ein Kämpfer. Foto: Neumayer

Auf dem Plan stand ein Besuch des Kriegsgräberfriedhofs am Föhrenweg. Dabei bemerkte von Stetten, dass die im Krieg gefallenen Litauer, Letten und Esten auf einer Gedenktafel unter dem Begriff „Sowjetbürger“ gelistet sind. Als die Tafeln aufgestellt wurden, waren diese unterdrückten Völker Zwangs-Sowjetbürger. „Das ist heute einfach nicht mehr richtig“, sagt von Stetten und fordert eine geschichtliche Korrektur. „Ich will, dass eine Gedenktafel errichtet wird, auf der steht, wie viele Litauer, Letten und Esten im Zweiten Weltkrieg gefallen sind.“ Denn die Staaten sind wieder selbstständig.

In unserem Video sehen Sie Zahlen und Fakten zur Kriegsgräberstätte in Neumarkt:

Fakten zur Kriegsgräberstätte

Deshalb hat von Stetten eine entsprechende Anfrage per Brief an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gestellt. In dem am 8. Juni verfassten Dokument schreibt von Stetten, dass er einen Litauer beauftragen würde, um die Namen der Gefallenen zu prüfen. Auf einer Gedenktafel soll stehen, wie viele Litauer, Letten und Esten in Neumarkt bestattet sind. Die Kosten würde er komplett übernehmen. „Daran kann es nicht scheitern“, sagt von Stetten auf Nachfrage unserer Zeitung und lacht. Er schätzt, dass eine Tafel „ein paar Tausend Euro“ kostet.

Wolfgang Schneiderhan erteilte dem Professor eine Absage. Foto: dpa

Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Baden-Württemberg, Wolfgang Schneiderhan, antwortete dem Professor knapp zwei Wochen später per Brief und erteilte ihm eine Absage. Wörtlich schreibt er: „Wir (...) müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihrem Vorschlag nicht zustimmen können.“ Er begründet, dass auf dem Kriegsgräberfriedhof Tote verschiedener Nationen ruhen – nicht nur Bürger der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch aus dem früheren Jugoslawien. „Wir befürchten, dass auch die anderen Nationen weitere Gedenktafeln aufstellen möchten, wenn wir eine Nation besonders hervorheben“, schreib Schneiderhan. Das würde zu einer zu großen Veränderung des Friedhofs führen.

„Na und, weitere Tafeln wären nicht schlimm.“

Prof. Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten

Auch Nachfrage unserer Zeitung sagt Antragsteller von Stetten zynisch: „Na und, weitere Tafeln wären nicht schlimm.“ Er kann nicht nachvollziehen, dass sich der Volksbund gegen eine Gedenktafel ausspricht. Das teilte er dem Präsidenten auch mit, der wiederum die Generalsekretärin des Volksbundes in Baden-Württemberg, Daniela Schily, beauftragte, ausführlicher zu antworten.

Sie gibt von Stetten zahlreiche geschichtliche Daten zum Kriegsgräberfriedhof in Neumarkt. Am Ende des Briefes schreibt sie: „Auf Friedhöfen in Deutschland ruhen weit über 500 000 Kriegstote aus Ost- und Südosteuropa.“ Anhand dieser großen Anzahl sei es nicht möglich, ergänzende einzelne Beschriftungen vorzunehmen. Auf Nachfrage unserer Zeitung waren weder Schneiderhan noch Schily zu sprechen. Die Pressesprecherin verwies auf die Briefe.

Am Eingang des Friedhofs stehen Tafeln mit Zahlen und Daten zur Kriegsgräberstätte. Foto: Neumayer

Mit denen setzte sich von Stetten auseinander und antwortete erneut – „weil ich eine Kämpfernatur bin und nicht aufgebe“, sagt er am Telefon. Er fordert geschichtliche Klarheit und Wahrheit. Litauen, Lettland und Estland sind zwangsweise in die Sowjetunion eingegliedert worden. „Dies war Unrecht, wird Unrecht bleiben und kann nicht (...) akzeptiert werden“, schreibt von Stetten. Um seinen Vorhaben noch mehr Nachdruck und politische Power zu verleihen, hat von Stetten an den litauischen Ministerpräsidenten geschrieben.

Litauens Chef schaltet sich ein

Ein Berater des Präsidenten, Deividas Matulionis, antwortete dem Professor vor einer Woche. „Es ist traurig und zugleich unverständlich, dass die litauischen Gefallenen unter dem falschen Begriff „sowjetische Bürger“ in Neumarkt beerdigt wurden“, schreibt Matulionis im Auftrag von Saulius Skvernelis.
Auch Darius Semaška, Botschafter der Republik Litauens in Berlin, unterstützt die Initiative des Honorarkonsuls, wie er in einem kurzen Telefongespräch mit unserer Zeitung auf Englisch bestätigt.

Darius Semaška unterstützt das Anliegen des Professors. Foto: Botschaft der Republik Litauen

In einem Brief schreibt Semaška an von Stetten und betont, dass Litauen nie freiwillig der Sowjetunion beigetreten war. „Nach Berechnungen des Zentrums für die Erforschung für Genozid und Widerstand in Litauen wurden auf diese Weise von August 1944 bis Mai 1945 rund 110 000 Menschen aus Litauen in die Reihen der Roten Armee gedrängt und im Krieg eingesetzt“, schreibt er. Die Bezeichnung „Sowjetbürger“ würdige die Opfer herab und verletzte die Ehre der Lebenden.

„Dann miete ich mir eben ein Privatgrundstück nebenan und lasse die Tafel dort errichten.“

Prof. Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten

Deshalb drängt von Stetten auf eine Gedenktafel – notfalls außerhalb des Friedhofs. „Dann miete ich mir eben ein Privatgrundstück nebenan und lasse die Tafel dort errichten“, sagt er trotzig. Um zu prüfen, wo dies möglich ist, forderte er einen Lageplan von der Stadt Neumarkt an – bisher erfolglos. Auch auf Nachfrage unserer Zeitung gab es keine Auskunft der Stadt. „Es wäre lächerlich, wenn ich ich es nicht schaffen würde“, sagt von Stetten. Er gibt nach wie vor nicht auf – ein Kämpfertyp eben.

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