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Region Neumarkt
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Umwelt

Eine Neumarkterin putzt den Nordpol

Birgit Lutz sammelt auf den Stränden Unrat. Weil es im Müll viele Kunststoffanteile gibt, sieht sie für die Meere schwarz.
Von Lothar Röhrl

Birgit Lutz (rechts) ist zusammen mit anderen Besatzungsmitgliedern der „Antigua“ am „Kontrollstrand“ dabei, den gefundenen Müll zu kategorisieren. Dieser wird danach ins Labor nach Bremerhaven geschickt. Fotos: Lutz

Neumarkt.Alle reden vom Klimawandel, doch für Birgit Lutz ist die Vermüllung der Meere und damit die Vergiftung durch Kunststoff die weitaus größere Gefahr für diesen Planeten. Die Neumarkterin (Jahrgang 1974), die jetzt am Schliersee lebt, hatte im August 2007 ihr Herz für den hohen Norden Europas entdeckt. Grönland und Spitzbergen – beide nahe am Nordpol – haben es ihr angetan. Umso mehr schmerzt sie, was die moderne Zeit diesen Naturparadiesen antut. Die zunehmende Vermüllung der Gewässer wird am ehesten sichtbar, wenn man sich an den Stränden umschaut. Das tut die gebürtige Neumarkterin auf der Inselgruppe „Spitzbergen“ seit 2015 nicht nur genau. Sie und die Besatzung des Segelschiffs „Antigua“ sammeln den gefundenen Müll. Dieser besteht zum Großteil aus Plastik.

Der „Großsegler“ hat den Vorteil, dass Birgit Lutz und ihr Team Strände anfahren können, die mit großen Touristenschiffen nicht erreichbar sind. Mittlerweile bieten diese auch Ausflüge zum Müllsammeln an. Denn für Touristen wurde ein „Clean Up Svalbard“-Projekt gegründet. Der auf den Ausflügen gesammelte Müll wird in Longyearbyen, dem Hauptort Spitzbergens, in einen Container geworfen.

Das tun auch Birgit Lutz und die anderen Besatzungsmitglieder der „Antigua“. Im Gespräch mit dem Tagblatt betonte Lutz, dass das Müllsammeln nur ein Nebenprodukt der Fahrten ist. Denn eigentlich geht es mehr um Exkursionen, mit denen Touristen als Gäste an Bord das empfindliche Ökosystem näher gebracht wird.

Mehrere Tonnen Müll analysiert

Birgit Lutz geht noch weiter: Das für touristische Expeditionen eingesetzte Segelschiff ist seit zwei Jahren Teil eines wissenschaftliches Projekts. Das „Citizen Science Project“ hatte Lutz 2016 mit zwei Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven auf die Beine gestellt. Heuer wurde es fortgesetzt. Mehrere Tonnen sind schon zusammen gekommen.

An einem Nachmittag pro Reise geht es speziell ums Sammeln von Plastik. Mehrere Tonnen sind dabei schon zusammen gekommen. Dafür wird erst ein Areal abgemessen. Dann wird es so gut wie möglich gesäubert. Das Ergebnis schockt Birgit Lutz jedes Mal: „Wir haben Mengen von neun bis 524 Gramm Müll pro Quadratmeter. Das ist vergleichbar mit den am dichtesten besiedelten europäischen Gebieten.“ Der Anteil von Kunststoff an diesem Müll machte 80 Prozent aus. Für den meisten sorge laut Birgit Lutz die Fischerei. So fallen viele Netze bei den Touren der Fangschiffe von Bord. Allein in der kleinen Ostsee gehen so pro Jahr 5000 bis 10 000 Netze verloren. In den im Meer treibenden oder an Land gespülten Netzen verheddern sich dann ungezählte Tiere. 2016 kamen bei sieben solcher wissenschaftlichen Reinigungen insgesamt 992,4 Kilogramm zusammen.

Birgit Lutz hat dem Neumarkter Tagblatt eine Reihe von Bildern beim Sammeln auf Sørvika zur Verfügung gestellt:

Neumarkterin säubert den Nordputz

Zudem steuert die „Antigua“ seit 2015 einen „Kontrollstrand“ mit dem Namen Sørvika an. Dieser liegt im Murchisonfjord auf der Spitzbergeninsel „Nordaustlandet“. An den komme kaum jemand anders heran. Nach der allerersten Reinigung mit einer enormen Menge an Müll seien zehn Monate später auf gut 1800 Quadratmetern 41 Kilogramm Müll gefunden worden. 14 Monate später waren es auf der gleichen Fläche etwa 28 Kilogramm. Dabei wurden die einzelnen Teile gezählt. Das Resultat: 6645. Darunter befanden sich auch Sonnencreme-Tuben, die an spanischen Stränden ins Meerwasser geworfen worden waren. Über den warmen Golfstrom, der an Großbritannien und Norwegen vorbei bis weit in den Norden hinaufzieht und erst dort absinkt, gelangten die Tuben und alle anderen Abfälle bis nach Spitzbergen. Schon unterwegs werden sie zur Todesursache für viele Tierarten. Denn Plastik löst sich im Salzwasser in giftige Kleinteile auf. Diese „sekundäre Mikroplastik“ wird von Vögeln und Fischen gefressen, welche die Kleinteile für etwas Fressbares halten.

„Bald großes Problem für Kinder“

Warum Birgit Lutz so vor der Produktion von Kunststoff als Gefahr für alles Leben nicht nur in den Weltmeeren warnt, verdeutlichte sie an drei Zahlen: 1950 waren weltweit noch 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff produziert worden, 2014 waren es schon 300 Millionen Tonnen in diesem Jahr und für das Jahr 2050 werden 33 Milliarden Tonnen erwartet. All dieses Plastik werde seinen Weg über die Nahrungskette auch in den menschlichen Körper finden. „Wir vergiften uns ganz einfach. Von diesem Problem werden unsere Kinder und spätestens unsere Enkel betroffen sein.“

Für Birgit Lutz ist all das noch zu wenig bekannt. Denn in Politik und Gesellschaft werde zu wenig darüber informiert. Dem will sie nicht tatenlos zuschauen. Und das nicht nur durch immer wieder neue Fahrten zum Müllsammeln, sondern auch durch Vorträge an Schulen, in Büchereien oder Info-Abenden. Dort stellt sie derzeit auch ihr neues Buch „Heute gehen wir Wale fangen...“ vor. Sie hat es über die Ureinwohner von Grönland geschrieben. In diesem zeigt sie, wie Menschen in den Industrieländern von der Inuit-Kultur lernen könnten – bevor diese bald für immer verschwinden werde. Und sie will den Menschen eine Stimme geben. „Grönland und Spitzbergen haben mir so viel geschenkt. Mit meinem Buch über die Menschen Grönlands und das Plastikmüllprojekt möchte ich es etwas zurückgeben“, fasste sie ihre Haltung zusammen.

Erschreckendes in der Tiefe

Übrigens: Birgit Lutz berichtete uns, dass das AWI (Alfred-Wegener-Institut) auch eine Untersuchungsstation in der Tiefsee, in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen, hat. Dort sind an der Meeresoberfläche 27 Teile Müll pro Quadratkilometer gezählt worden, und unten am Meeresboden 8081 Teile pro Quadratkilometer - also das 300-fache! Das heißt: Das was man so sieht, ist nur ein Bruchteil des tatsächlichen Problems!

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