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Dienstag, 24. Mai 2016 11° 7

Auszeichnung

Gut und schön: Baukunst auf dem Land

Architektur ohne Firlefanz: Objekte in Niederbayern und Oberpfalz wurden in Regensburg mit dem Regionalpreis des BDA geehrt.
Von Marianne Sperb, MZ

Avantgarde in schönster Tradition: Ziegenstall in Seubersdorf, entworfen von Kühnlein Architektur Berching. Der Kubus wurde von der Jury als Paradebeispiel für einfaches Bauen hoher Güte gewählt. Foto: Kühnlein

Regensburg.Die globale Vernetzung hat ihren Preis. Städte verlieren ihre Identität, werden austauschbar. Wohnquartiere und Wolkenkratzer in den Metropolen ähneln sich. Selbst die sogenannten signature buildings, die mit skurrilen Formen Ausrufezeichen in die Silhouette setzen, bleiben keine Solitäre. Ein berühmtes Beweisstück ist die Londoner „Gurke“ (The Gerkin, Büro Foster und Partner), die Jean Nouvel fast zeitgleich in Barcelona in den Stadthimmel rammte.

Genau hier kann regionale Baukunst ein Zeichen setzten. In der Unverwechselbarkeit sieht Jakob Oberpriller die Chance für das Bauen im ländlichen Raum. Die Häuser abseits der großen Städte schöpfen aus reicher Geschichte, bilden historische Hauslandschaften und lassen ihre Prägungen ablesen: Prägungen durch klimatische Bedingungen, durch das Material, das vor Ort zur Verfügung steht, und daraus abgeleitet durch spezifische Handwerkstraditionen. Gewachsene Unterschiedlichkeit eben, so der Vorsitzende des Regionalverbands Niederbayern-Oberpfalz des Bunds deutscher Architekten (BDA). Er sprach am Freitagabend im Regensburger Andreasstadel (auch so einem Beispiel fürurwüchsig-unverwechselbare Baukunst der Region). Bei dem Festakt wurde – zum vierten Mal – der BDA-Regionalpreis für bemerkenswerte zeitgenössische Architektur überreicht.

Die Kraft, Nachahmer zu inspirieren

Lauter ausgezeichnete Architekten: beim Festakt im Andreasstadel, mit Jury-Vorsitzendem Professor Florian Nagler (Vierter von links) Foto: altrofoto.de

80 Objekte standen zur Wahl, mehr als in den Vorjahren. Die Jury unter Vorsitz von Professor Florian Nagler (München) siebte aus, scherte sich nicht groß um Kategorien und wagte – unabhängig von Investitionssumme oder repräsentativem Wert – den beherzten Durchgriff auf Objekte, die kluge Funktionalität mit klarer Ästhetik verbinden, ohne Firlefanz und mit Gespür für die Wurzeln. Vom Ziegenstall bis zur Himmelsleiter, vom neuen Dorfplatz bis zum Konzerthaus-Meteoriten reicht die Bandbreite der preiswürdigen Baukunst aus Niederbayern und Oberfalz.

Je vier Objekte in Niederbayern und der Oberpfalz erhielten Auszeichnungen, je vier Objekte Anerkennungen. „Schöne Sachen machen sie, die Kollegen“, so Florian Naglers Fazit nach der Bewertung der Arbeiten. Die Objekte hätten die Kraft, Nachahmer zu inspirieren. „Ganz offensiv kann man sagen, dass es in der Architektur der Region eine positive Entwicklung gibt“, so Nagler. „Die Breite in der Spitze ist dichter geworden“, zitierte er Uli Hoeneß, Ex-Präsident des FC Bayern.

Ein poetisch-funktionales Stück Infrastruktur

Jakob Oberpriller: Er führt den Kreisverband Niederbayern-Oberpfalz im BDA, richtete die Verleihung des Regionalpreises aus und wurde für seine Markthalle in Weihmichl ausgezeichnet. Foto: altrofoto.de

Ein Wohnhaus sitzt unauffällig am Hang, im Kontext der Vierseithöfe ringsum, folgt der Landschaftslinie, öffnet sich zu einem Hof: Als gutes Beispiel für unaufgeregtes Wohnen auf dem Land wertete die Jury das Haus für Ingrid und Stefan Kohlmeier im niederbayerischen Egglham, entworfen vom Bad Birnbacher Büro Arc.

Himmelsleiter und Heusterzbrücke in der Tirschenreuther Seenplatte, entworfen von Brückner & Brückner Architekten: ein kleines Kunstwerk, das sich sanft in die Natur schmiegt Foto: P. Maney/R. Reith, Büro Brückner

Eine neue Markthalle schenkt Weihmichl (Nähe Landshut) einen neuen Mittelpunkt. Die Halle mit Wartebereich, Wandelgang, Brunnen, Linde, Licht und knallroten mobilen Marktständen ist ein geglücktes Herzstück für das Dorf, entworfen von Jakob Oberprillers Büro, im Auftrag der Gemeinde.

Brückner & Brückner Architekten sind seit Jahren Stars der Architektenszene. Dass der Nimbus nicht auf welkem Lorbeer ruht, sondern immer wieder neu errungen wird, zeigt ein aktuelles Projekt: die Himmelsleiter und Heusterzbrücke in der Seenplatte Tirschenreuth, ein poetisch-funktionales Stück Infrastruktur. Die Brücke (Bauherr: Landkreis Tirschenreuth) verbindet zwei Ufer, kann aber viel mehr. Sie schwingt sanft durch die Landschaft und berührt an wenigen Punkten den Boden. Sie öffnet grandiose Ausblicke und ist ihrerseits ein grandioser Anblick. Sie strahlt Ruhe, Eleganz und vollständiges Einvernehmen mit der Natur aus – und zeigt dabei eigenständige räumliche Kraft.

Ein kleines Konzerthaus und viele Akteure

Auch ein Ziegenstall kann ein kleines Kunstwerk sein: Der hölzerne Kubus in Seubersdorf, entworfen vom Büro Kühnlein Berching, formt aus einfachen Baustoffen und mit enormer Kreativität ein winziges Gebäude, das selbstverständlich, funktional, echt und zeitlos ästhetisch ist. Kühnlein plante den Stall für den Eigenbedarf – kein Einzelfall. Bei mehreren ausgewählten Objekten waren Planer und Auftraggeber identisch.

Ausdrücklich ehrt der BDA-Regionalpreis nicht nur Architekten, sondern auch Bauherren: weil gutes Bauen eigentlich nur möglich ist, wenn beide Partner auf Qualität setzen, wie Florian Nagler betonte. Den eindrucksvollen Beleg lieferte etwa der Fall Blaibach. Ein kleines, prägnantes Konzerthaus, entworfen von Peter Haimerl München, sitzt als granitumhüllter Solitär auf dem Dorfplatz, zieht – auch wegen seiner brillanten Akustik – Weltklasse-Künstler in den Bayerwald und gibt dem ganzen Ort einen Schub. Die Blaibacher rückten deshalb auch zehn Mann hoch zum Festakt im Andreasstadel an und demonstrierten kraftvoll den Schulterschluss von Architekt und Auftraggeber.

Qualitätvoller Wohnraum für Flüchtlinge

Karlheinz Beer aus Weiden, Bayern-Vorsitzender im BDA und Spitzenkandidat für die Wahl des neuen Präsidenten der Bayerischen Architektenkammer 2016, tippte im Andreasstadel aktuelle Herausforderungen an: Wohnraum für Flüchtlinge. „Ich hoffe, wir müssen in zehn Jahren nicht erkennen, dass wir das riesige Bauvolumen, das jetzt entsteht, nur in Container umgesetzt haben“, sagte er. Container könnten keine Lösung auf Dauer sein; „es braucht menschenwürdige Antworten“. Verschiedene Initiativen packen die Frage nach gutem und günstigen Bauen für Flüchtlinge an. In München filtert gerade die Intiative „Wohnraum für alle“ Ideen.

Ausstellung im Andreasstadel

  • Die Auswahl

    Die Jury unter Vorsitz von Professor Florian Nagler sichtete 80 Arbeiten, 44 aus der Oberpfalz und 36 aus Niederbayern. Acht Auszeichnungen und acht Anerkennungen wurden vergeben, jeweils vier für Niederbayern und die Oberpfalz. Preisrichter waren neben Nagler Prof. Rolf Dieter Ahnesorg (Architekt in Neustadt/Weinstraße), Karl Rhöse (Architekt in Landshut), Christian Schittich (Architekt, Architekturjournalist in München), Petra Schober (Stadtplanerin in München).

  • Auszeichnungen in Niederbayern

    Wohnhaus von Arc Architekten Partnerschaft Bad Birnbach (Bauherr: Ingrid und Stefan Kohlmeier); Martkhalle von Oberpriller Architekten Hörmannsdorf (Bauherr: Gemeinde Weihmichl); Haus der Generationen von Neumann & Heinsdorff Architekten München (Bauherr. Markt Mallersdorf-Pfaffenberg); Wohnhaus von Neumeister & Paringer Architekten Landshut (Bauherr: Anke und Bernhard Paringer)

  • Anerkennungen in Niederbayern

    Neubau Stadtlücke Landshut von Deppisch Architekten und Architektur Manuel Benjamin Schachtner Freising (Bauherr: Franz Xaver Schachtner); Grund- und Gesundschule Fürstenstein von koeberl doeringer architekten Passau (Bauherr: Gemeinde Fürstenstein); Wohnbebauung Sedanstraße Straubing von wöhr heugenhauer architekten München (Bauherr: Städtische Wohnungsbau GmbH STraubing); Kulturzentrum Aventinum Abensberg von Pure Grupe und Harnestplanung Regensburg (Bauherr: Stadt Abensberg)

  • Auszeichnungen in der Oberpfalz

    Ergänzung Burgsaal Parsberg von der Architektengemeinschaft Gebauer, Wegerer, Wittmann Regensburg (Bauherr: Stadt Parsberg); Konzerthaus Blaibach von Peter Haimerl Architektur München (Bauherr: Gemeinde Blaibach); Ziegenstall von Kühnlein Architektur Berching (Bauherr: Michael Kühnlein jun.); Himmelsleiter udn Heusterzbrücke von Brückner & Brückner Architekten Tirschenreuth Würzburg (Bauherr: Landkreis Tirschenreuth).

  • Anerkennungen in der Oberpalz

    Grundschule Prüfening von twoo architekten gmbh Köln (Bauherr: Stadt Regensburg); Spannbandbrücke Tirschenreuth von Annabau Architektur und Landschaft Berlin (Bauherr: Stadt Tirschenreuth); Historischer Stadl Kneiting von Max Zitzelsberger Kneiting (Bauherr: Rudolf und Martha Schott); Jurahaus Böll Eglasmühle von Kühnlein Architektur Berching (Bauherr: Christine und Stefan Böll)

  • Die Ausstellung

    Alle eingereichten Projekte werden in einer Wanderausstellung präsentiert: bis 12. Dezember (täglich 15.30 bis 20 Uhr) im Regensburger Andreasstadel (Stadtamhof); der Eintritt ist frei. Danach gehen die 80 Tafeln auf die Reise durch Niederbayern und die Oberpfalz. Alle Projekte versammelt die Broschüre „Auszeichnung qualitätsvoller Architektur – Regionalpreis Niederbayern Oberpfalz 2015“, zu beziehen über Jakob Oberpriller und im Buchhandel, Info: www.regensburg-niederbayern-oberpfalz.bda-bayern.de; www.regiNO.de.

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