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Region Neumarkt
Samstag, 20. Januar 2018 10

Entlohnung

Hebammen fühlen sich erneut brüskiert

Eine Neuregelung würde bedeuten, dass sie am Klinikum Neumarkt nur noch die Betreuung von zwei Frauen abrechnen dürfen.
Von Lothar Röhrl

Die GKV wollte eigentlich die Qualität der Versorgung durch Hebammen verbessern, doch sie selbst sehen eine neue Regelung skeptisch.Foto: Arno Burgi, dpa

Neumarkt.Selbst wollen sie Neugeborenen den Weg in die Welt möglichst leicht machen. Doch ihnen selbst macht die Politik das Leben schwer. Erst hatte es vor Jahren eine Versiebenfachung der von jeder Hebamme zu bezahlenden Haftpflichtversicherung auf 7639 Euro pro Jahr gegeben. Nach Protesten refinanzierte die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) dies durch einen Zuschlag. Nun droht jeder Beleg-Hebamme ab 1. Januar ein massiver Einkommensverlust. Obwohl sie fühlen, dass ihnen erneut massiv in den Geldbeutel gegriffen wird, geben sich Hebammen wie Kerstin Hartmann betont idealistisch. „Keine werdende Mutter braucht zu befürchten, dass es eine Einschränkung der Versorgung gibt.“

Um was es geht, hat Oliver Schwindl, der Pressesprecher des Klinikums Neumarkt für das Neumarkter Tagblatt zusammen gefasst: „Im September hat eine Schiedsstelle zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Spitzenverband) und den Hebammenverbänden unter anderem über eine Neustrukturierung der Arbeitsorganisation freiberuflicher Hebammen und die Höhe ihrer Vergütung entschieden.

Abrechnung: Teufel im Detail

Dies hat erhebliche Auswirkungen auf das in Bayern weit verbreitete und im Landkreis Neumarkt bewährte Beleghebammensystem.“ Demnach dürfe ab 1. Januar eine Beleghebamme, die im Rahmen eines Schichtdienstes in der Klinik tätig ist, nur mehr maximal zwei Frauen gleichzeitig betreuen. Dies wird zur Folge haben, dass eine dritte Frau – unabhängig davon, ob es sich um eine bevorstehende Geburt handelt oder nur um Beschwerden in der Schwangerschaft – zwar betreut werden kann. Doch diese Leistungen dürften nicht mit der Krankenkasse abgerechnet werden.

Zum anderen sollen Beleghebammen, die nicht im Schichtdienst arbeiten und stattdessen mit ihren Frauen zur Geburt in die Klinik kommen, ihre „geburtshilflichen Leistungen“ in Zukunft nur mit den Kassen abrechnen können, wenn sie die Gebärende bereits einen gewissen Zeitraum im Vorfeld der Geburt betreut haben. Daraus resultierend wäre eine Vertretung oder kurzfristige Übernahme durch eine andere Hebamme, beispielsweise bei überlanger Geburtsdauer oder Erkrankung der Hebamme nicht mehr möglich und auch nicht abrechenbar.

Klinikum sieht Vorteil schmelzen

Schwindl hebt hervor, dass Klinikleitung und die am Haus tätigen Beleghebammen die neue Regelung aufgrund des Hebammenmangels kritisch sehen. Zwar könnten die Hebammen laut Schiedsspruch rückwirkend ab Juli 2017 höhere Sätze abrechnen. Das würde kurzfristig zu einem Erlöszuwachs von 17 Prozent führen. Wenn aber die Einschränkung auf eine vergütete Betreuung von gleichzeitig nur zwei Gebärenden komme, schmelze der Vorteil schnell weg.

Das gelte erst Recht für Kliniken und Krankenhäuser, die weniger als 1000 Geburten pro Jahr haben. Das Neumarkter Haus fällt laut Kerstin Hartmann mit 850 bis 900 pro Jahr in diese Kategorie. Vor kurzem hatte die Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen, Astrid Giesen (Regensburg), im Gespräch mit der MZ von der Gefahr der Fortsetzung der Flucht aus dem Hebammen-Beruf gewarnt. Sie sah den Bestand von Entbindungsstationen mit weniger als 1000 Geburten im Jahr mittelfristig in Gefahr. Giesen hatte das auf Häuser wie Cham, Schwandorf und Straubing bezogen.

Doch in Neumarkt möchten Kerstin Hartmann, ihre Kolleginnen und die Leitung des Klinikums Neumarkt das bestehende und bewährte Beleghebammensystem über fortführen. Denn: Eine Rückkehr zum Angestellten-Hebammensystem hätte für die Klinik erhebliche ökonomische Nachteile. Es soll zunächst abgewartet werden, wie sich das neue Betreuungs- und Abrechnungssystem, das der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) mit den Hebammenverbänden abgeschlossen hat, bewährt.

Große Dinge hält Kerstin Hartmann auf ein Zugeständnis der Schiedsstelle. So kann eine dritte Frau über einen gewissen Zeitraum – und zwar eine Stunde – betreut und dazu auch abgerechnet werden, wenn eine Kollegin aus dem Rufdienst bereits verständigt worden ist und sich auf dem Weg ins Klinikum befindet. Dieser sehr häufige Fall konnte somit etwas entschärft werden.

Kein Abweisen in Neumarkt

Wichtig ist allen Beteiligten, dass weiterhin eine individuelle und kompetente Betreuung aller Frauen garantiert wird, die das Klinikum Neumarkt aufsuchen. Es werden keine Schwangeren aufgrund der neuen Anforderungen in ein anderes Krankenhaus verwiesen. In dieser Schlussfolgerung sind sich laut Oliver Schwindl Klinikleitung und laut Kerstin Hartmann auch die Beleghebammen einig. Hartmann ist sicher, dass die auf eine Stunde festgelegte „Überschneidungszeit“ einiges an Härten im Betriebsablauf der Geburtsstation am Neumarkter Klinikum und auch in der Abrechnung „kompensieren“ kann.

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