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Region Neumarkt
Freitag, 3. Juli 2015 32° 1

Altenpflege

In dieser WG wohnen nur Senioren

Es gibt keinen Luxus und vieles wirkt wie früher – das ist das Konzept der Altenpflegerin Milanka Götz. Sie initiiert in Neumarkt Wohngemeinschaften für ältere Menschen.
von Katrin Böhm

Milanka Götz und Kater Moritz im gemeinsamen Wohnzimmer der WG – er ist der Star bei den Damen. Foto: Böhm

Neumarkt. Milanka Götz ist examinierte Altenpflegerin, geronto-psychiatrische Fachkraft und hat Pflegemanagement studiert. Zwei Jahrzehnte hat sie als Angestellte in der Pflege gearbeitet, dann hielt sie es nicht mehr aus. Der Zeitdruck, die Unmöglichkeit, mit Menschen so umzugehen, wie sie es wollte, die Fremdbestimmung – irgendwann ging das für sie nicht mehr. So gründete sie im Jahr 2003 in Neumarkt ihren eigenen ambulanten Pflegedienst, Dorotheas Viriditas.

Nicht einmal zwei Jahre später kam eine Bekannte zu ihr: Ihre alte Großtante war gestürzt und konnte nicht mehr alleine zu Hause wohnen – nicht nur, weil sie Probleme mit dem Laufen hatte, sondern auch, weil sie beispielsweise alle Herdplatten anstellte und dann einfach vergaß. Die Großnichte kam völlig verzweifelt zu Malinka Götz. In ein Heim wollte sie ihre Großtante nicht geben – und auch die Großtante weigerte sich strikt, einen solchen Schritt zu gehen. Was also sollte sie tun?

Malinka Götz hatte eine Idee: „Wir suchen ein Haus.“ Sie initiierte eine ambulant betreute Wohngemeinschaften für Seniorinnen. Im Jahr 2005 entstand die erste, im Jahr 2007 die zweite. Götz mietete zwei Häuser in Neumarkt an – und vermietete die Zimmer an die Seniorinnen weiter. Diese teilen sich ein Doppelzimmer oder wohnen in einem Einzelzimmer. Was sie an Pflege, Fürsorge oder sonstigen Leistungen brauchen, kaufen sie extra ein, in beiden Häusern ist rund um die Uhr jemand da. Aufgenommen werden Damen mit Pflegestufe null und eins – sie dürfen aber bleiben, bis ihr Lebensweg zu Ende ist, auch wenn die Pflegestufe steigt. Derzeit sind beide Häuser voll belegt.

Alles soll familiär gestaltet sein

Im ersten Haus leben derzeit fünf Damen, alle haben einen gesetzlichen Betreuer, weil sie nicht mehr fit genug sind. Zwei von ihnen sitzen an dem Vormittag, an dem das Neumarkter Tagblatt zu Gast ist, am Frühstückstisch. Es gibt Kaffee und Marmeladenbrot, im Hintergrund spielt der CD-Player Weihnachtsmusik. Auf der roten Wachstuch-Tischdecke tanzen die Schneemänner, in der Mitte des Tischs steht ein weißer Kunststoff-Weihnachtsstern. Die ganze Wohnung ist über und über mit Weihnachts-Deko verziert. Hier finden sich ein paar Engel, dort ein Rentier, im Wohnzimmer steht ein riesiger leuchtender Schneemann in der Ecke, der Christbaum ist mit bunten Kugeln und Strohsternen geschmückt.

„Wir versuchen, alles so häuslich und familiär wie möglich zu gestalten“, sagt Malinka Götz. Dabei ist ihr bewusst, dass das Haus modernen Ansprüchen eigentlich nicht genügt. Es gibt nur ein Bad und nicht für jeden Bewohner ein eigenes Zimmer – darum werden auch nur Frauen aufgenommen –, die Küche ist sparsam eingerichtet. Das Haus selbst stammt aus den 50er-Jahren – es ist zwar noch in Schuss, wer aber Luxus und modernes Wohnen gewöhnt ist oder sucht, der ist hier fehl am Platz.

Es sieht eben aus, wie es oft bei Omas aussieht – wie in einer vergangenen Zeit. Genau das ist aber auch das Konzept. „Ob sich jemand wohlfühlt, liegt nicht daran, wie modern ein Haus gebaut ist, sondern wie die Atmosphäre ist“, sagt Götz. Und gerade ältere Menschen fühlten sich vor allem dort wohl, wo sie sich an frühere Zeiten erinnert fühlen. Und in diesen war Luxus auch ein Fremdwort.

Die meisten mögen es übersichtlich

Außerdem, so hat Malinka Götz festgestellt, schätzen die Seniorinnen in ihrer WG die kleine Gruppe – ein großes Haus und viele Bewohner überforderten die alten Menschen eher. Und auch wenn die WG klein ist, so wird auch hier jeden Tag etwas geboten. Es gibt Gedächtnistraining und Gymnastik, es wird Memory gespielt, geredet, gesungen und vorgelesen, man geht ins Café, im Sommer in den Biergarten und im Winter auf den Weihnachtsmarkt. Im Großen und Ganzen verstehen sich die Bewohnerinnen untereinander gut, es gibt aber immer mal wieder den Fall, dass eine nicht so gut dazupasst oder nicht gut drauf ist. Theoretisch könnte die Gruppe beziehungsweise die gesetzlichen Vertreter der Bewohner zwar nach dem Probewohnen sagen, dass einer nicht aufgenommen werden soll – „das ist aber noch nie passiert“.

Götz ist sich ihres Konzepts sicher: „Das ist die Zukunft.“ Gerade auch wegen des finanziellen Aspekts. „Ein Heim können sich viele Leute doch gar nicht leisten.“ Das Thema Geld ist ebenfalls ein Ansatzpunkt – im Gegensatz zu einem Heim können die Angehörigen in der Seniorinnen-WG mithelfen und dadurch Geld sparen. „Wir haben Kinder, die ihre Mutti selbst zum Arzt fahren oder für sie kochen. Und eine Dame ist so fit, dass sie sogar noch selbst kocht.“ Für alle Aufgaben, die die Angehörigen selbst übernehmen, müssen sie nichts bezahlen – eingekauft werden nur Leistungen, die sie wünschen, wie etwa Körperpflege.

Dieses Konzept stößt nicht bei allen Menschen auf Begeisterung. Während Angehörige es zumeist positiv aufnehmen, hat sich Milanka Götz schon viel mit Ärzten und Behörden auseinandersetzen müssen, die nicht begeistert über die Räumlichkeiten sind. Zu eng, zu verwinkelt, zu problematisch.

Im Frühjahr wird ein Haus gebaut

Kritikern will Milanka Götz im neuen Jahr den Wind aus den Segeln nehmen – sie will im Frühjahr ein Haus bauen und die beiden Seniorinnen-WGs darin zusammenlegen. Dann etwa soll jede Seniorin ihr eigenes Zimmer mit Dusche und Toilette haben. Die Miete wird sich nach den Quadratmetern des Zimmers und nach dem in Neumarkt üblichen Preis für Wohnen in einem Neubau richten.

Auch in dem neuen Haus gibt es schon keine Plätze mehr, denn zum Großteil ziehen die bisherigen Bewohner der beiden WGs in das neue Haus. Eines der gemieteten Häuser will Milanka Götz als Ausweichmöglichkeit behalten, das andere gibt sie auf. Dass es auch in dem neuen Haus nicht mehr als zwölf Plätze gibt, hat einen einfachen Grund: Für eine ambulant betreute Wohngemeinschaft ist eine Personenanzahl zwischen fünf und zwölf gesetzlich vorgeben – ab 13 Senioren wäre die WG ein Heim und müsste ganz andere Vorgaben erfüllen.

Abgesehen davon würde sie gar keine solch große WG wollen, sagt Götz. „Ich möchte keinen Massenbetrieb.“ Den, so sagt sie, habe sie lange genug miterlebt – „das möchte ich nicht noch einmal haben“.

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