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Sonntag, 28. August 2016 31° 1

Soziales

Kommt in Nürnberg eine Fixerstube für Abhängige?

Die mudra-Drogenhilfe bemüht sich um einen sogenannten Drogenkonsumraum – der Freistaat bremst bislang die Pläne.
von unserem Nürnberg-Korrespondenten Thomas Tjiang

Bertram Wehner setzt sich für Drogenabhängige ein. Foto: Tjiang

Nürnberg. „Wir wollen das bayerische Drogenhilfenetz durch die Einrichtung von Drogenkonsumräumen ergänzen und verbessern“, konstatiert Bertram Wehner. Er ist der Geschäftsführer des Nürnberger Drogenhilfevereins mudra und hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Betreuungs- und Hilfsprojekte entwickelt. Mit dem Versuch einen Drogenkonsumraum in Nürnberg einzurichten, landläufig abfällig Fixerstuben genannt, steckt er aber momentan in der Sackgasse.

Wehner nennt drei Hauptpunkte, warum er sein Angebot erweitern will. „Aus gesundheitspolitischer Sicht wird das Risiko beim Konsum illegaler Drogen durch direkte medizinische Betreuung gemindert“.

Zweitens werde dadurch der öffentliche Raum insbesondere rund um die Nürnberger Altstadt entlastet, auch der „Drogenkonsum in öffentlichen Toiletten, Parkanlagen oder Kinderspielplätzen.“ Und drittens werden mit so einen „niedrigschwelligen Angebot“ auch die „Kontaktaufnahme mit schwer erreichbaren Drogenabhängigen erleichtert“. Gerade an Heroinabhängige sei sonst kaum heranzukommen. Diese Gruppe, überwiegend im Alter von 30bis 35 Jahren, hat oftmals eine lange Suchtkarriere hinter sich. Anders ist es mit Jugendlichen, die etwa die Trenddrogen Cannabis, Extacy und Speed konsumieren – „mit steigender Tendenz“, sagt Wehner. Denn sie leben noch „in sozialen Bezügen, gehen zur Schule oder in die Ausbildung. Da sind doch Bindungen vorhanden.“ Während die Stadt das Thema Drogenkonsumräume unterstützt, fürchte die Staatsregierung in München einen „rechtsfreien Raum“.

Da die Staatskanzlei mit einer Verordnung aber den Weg ebnen muss, geht es erstmal nicht weiter. Davon will sich Wehner aber nicht entmutigen lassen: „Wir sind seit Jahren gewohnt, dicke Bretter zu bohren.“ Deshalb hält er sich auch mit Kritik zurück. Er sieht die guten Argumente auf seiner Seite: Im laufenden Jahr wurden bis September 597 Notfälle mit einer Überdosis Drogen in letzter Minute ins Nürnberger Klinikum gebracht. Dahinter kann eine Suizidabsicht stehen, mangelndes Wissen bei Notfällen oder der unbekannte Reinheitsgrad. „Der Drogenanteil des illegalen Stoffes schwankt zwischen annähernd Null bis zu 30 oder 40 Prozent.“ In Drogenkonsumräumen könnte zumindest auf eine Mindesthygiene geachtet werden und in Notfällen schneller reagiert werden.

Erfahrungen in anderen Städten bestätigen laut Wehner, dass „keine Gefahr für die öffentliche Ordnung besteht“. Zwar wurde auch im Vorfeld der Eröffnung einer vergleichbaren Einrichtung in Berlin von der Nachbarschaft befürchtet, dass Dealer und Kriminelle angelockt werden. „Falsch“, so hat sich Wehner persönlich überzeugt. „Es wird keine Handtasche mehr geklaut.“ Im Gegenteil. Aus Frankfurt weiß er, dass sich das „Drogenelend im Bahnhofsviertel drastisch reduziert“ hat. In Nürnberg pflegt er deshalb auch bei seinem Kontaktcafe einen engen Kontakt mit der Polizei und einer Präsenz mit „Augenmaß“. Dort kommen 80 bis 100 Personen am Tag zum Aufwärmen, Essen, Duschen oder Wäsche waschen. Die Hausregeln dulden keine Toleranz: Keine Dealen, kein Konsum, keine Gewalt, keine Störung – aber auch keine Beratung.“

Nun haben sich bei der mudra für nächste Woche Landtagsabgeordnete zum Ortstermin angekündigt. Wehner setzt auf Aufklärung: „Man braucht viel Durchhaltevermögen.“

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