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Region Neumarkt
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 3

Vorpremiere

Mehr „Historical“ als Musical


Von Lothar Röhrl

Die Bezeichnung Musical trifft nicht ganz, was „Hitlerjunge Adolf“ ist und sein will. Der Kunstbegriff „Historical“ wäre besser – wenn es sie im Theaterjargon gäbe. Mit seinem zweiten Projekt ist der „Musical- und Theaterverein Neumarkt“ einerseits seiner Absicht treugeblieben, Licht in das dunkelste Kapitel der Neumarkter Stadtgeschichte zu bringen und vor den neuen Gefahren für die Demokratie zu warnen.

Andererseits hat die Produktion in mehrerlei Hinsicht Neuland betreten: So stehen dieses Mal fiktive Personen im Mittelpunkt der Handlung. Diese verrät Details aus der Zeit in Neumarkt direkt nach Kriegsende: Plünderungen, Hunger, Internierungslager und ihre Petticoats zum Tanz mit GIs schwingende „Froileins“.

Warnung vor der rechten Szene

Noch stärker als beim „Letzten Brief“, der das lange unbekannte Schicksal der Neumarkter Jüdin Ilse Haas an den Tag gebracht hat, wird beim „Hitlerjungen Adolf“ vor der Gefahr von Rechts gewarnt. Ebenso unbeabsichtigt wie beklemmend ist, dass dieses „Historical“ in eine Phase der Geschichte der Bundesrepublik fällt, die die Zerbrechlichkeit dieser sich gerne in ihrem wirtschaftlichen Wohlstand sonnenden Demokratie offen legt.

Denn diese wird weniger von Schatten der braunen Vergangenheit eingeholt, als viel mehr bloß gestellt, weil der Staat schlecht auf neuen Terror von Rechts vorbereitet ist. Noch schlimmer ist, dass die Argumente und Methoden der Verführung junger Menschen zum Rechtsextremismus die gleichen geblieben – und auch erfolgreich sind. Es scheint, als seien 80 Jahre Abstand nicht zum Lernen aus der Geschichte genutzt worden.

Das sind Botschaft und Warnung des neuen „M.U.T.“-Projekts zugleich. Auch wenn die Vorkommnisse um den NSU-Terror keinen Einfluss auf Textschreiber und Regisseur Franz Xaver Müller gehabt haben dürften, zeigen diese auf, was es heißt, eben nicht den Anfängen zu wehren. Damals Hitlerjugend, heute Neonazi-Szene; damals Judenhass, heute Bekämpfen von Ausländern und allen, die in einer multi-kulturellen Gesellschaft die Garantie für den inneren Frieden dieser Bundesrepublik sehen.

Mit einem intelligenten Regieeinfall wird dieser rote Faden, der Vergleich von damals und heute, in diesem „Historical“ durchgehalten: Verschieb- und rollbare weiße Elemente schaffen Spielorte. Ein Kniff, der parallele Handlungen ermöglicht: parallel getrennt mal in örtlicher, mal in zeitlicher Erscheinungsform.

Brillante Ideen zur Umsetzung

In dem wahrlich nicht für Theateraufführungen gebauten Reitstadel hat Regisseur Franz X. Müller weitere erstaunlich wirkungsvolle Kniffe eingesetzt: Die weiße Wand hinter der Bühne sowie die weiße Deckenabhängung darüber werden als übergroße Projektionsflächen für Videoeinspielungen genutzt. So gewinnen einige Szenen wie die Bombardierung Neumarkts 1945 und eine Gegenüberstellung des faschistischen Brauchtums damals und heute an Aussagekraft. Der Einsatz von dramaturgischen Lichteffekten tut sein Übriges dazu: Ob in Farbe oder im grellen Scheinwerferlicht – die so erzeugten Stimmungen tragen das Geschehen mit.

Auch so wird für das Auge viel geboten: Fantastisch, wie viel Wert auf detailgetreue Kleidung gelegt wurde. Der Kostümschneiderei gebührt ein Extralob etwa für die Pettycoats der jungen Damen. Eines aber bleibt dem Zuschauer bei so viel Hitlergruß, zackigem Marschschritt und martialischen T-Shirt-Aufdrucken erspart: das Hakenkreuz. Man hat sich für eine stilisierte Abwandlung entschieden. Was damit gemeint ist, weiß man eh – und schärft hoffentlich den Sinn, mehr auf Symbole zu achten, mit denen heutzutage der neue Rechtsextremismus bewusst chiffriert auftritt.

Fürs Ohr bietet dieses „Historical“ wie schon der „Letzte Brief“ einiges. Selten sind es liebliche und mitsingbare Melodien, die die Komponisten Max Gmelch, Andreas Flierl und Marcel Estermann geschrieben haben. Kantige Melodienführung überwiegt – doch Sängerinnen und Sänger wie Jana Bärtl, Cornelia Lang, Sophie Schütt, Marcel Estermann und Andreas Flierl meistern dies mit ihren Stimmen. Überhaupt beeindruckt die Gesamtleistung der 60 Personen auf der Bühne und der anderen 90 in der Vorbereitung. Nur eine Kritik sei erlaubt: Gerade jungen Zuschauer wird das Stück etwas zu lang sein.

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