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Region Neumarkt
Donnerstag, 14. Dezember 2017 11

OB-Wahl

Rastlos unterwegs für den Job des OB

Richard Graf will das Neumarkter Rathaus für die CSU zurückholen. Die MZ hat ihn einen Tag lang im Wahlkampf begleitet.
von Wolfgang Endlein

Gut sichtbar ist Richard Graf dieser Tag in Neumarkt unterwegs. Neben dem Smart ist auch noch ein Ape, ein dreirädriges Rollermobil aus Italien, mit dem Konterfei von Graf auf der Außenhaut in der Stadt zu sehen. Foto: Endlein

Neumarkt.„Servus! Hallo!“ Ungezählte Male hat Richard Graf die doppelte Grußformel an diesem Tag schon gesagt. Diesmal gilt der Gruß einem Mann, der vor der Front des kleinen Autos vorbeiläuft, auf dem sich das Konterfei des CSU-Kandidaten als künftigen Oberbürgermeister anpreist. Richard Graf grüßt durch das offene Fenster. Der Mann greift Grafs Blick auf. Einen kurzen Moment scheint es so, als ob beide ins Gespräch kommen. Und es hätte nicht verwundert, wenn der erste Satz mit „Du …“ begonnen hätte und im Weiteren ein paar scherzhafte Sätze über das politische Treiben Grafs dieser Tage gefallen wären. Doch dann belässt es der Mann bei einem Kopfnicken und geht weiter.

Nach mehr als sieben Stunden an der Seite von Richard Graf, ist die Frage überfällig: Ob er all die Menschen wirklich kenne, die er da so vertraut grüßt? „Nö“, antwortet der CSU-Kandidat für die Neumarkter Oberbürgermeisterwahlen, während er um eine Kurve Richtung des nächsten Wahlkampftermins steuert.

Im Videointerview spricht Richard Graf über den Stress des Wahlkampfs:

Richard Graf über den Neumarkter OB-Wahlkampf

Es ist in der Politik und insbesondere im Wahlkampf eine Kunst, zu Menschen, die man noch nie zuvor gesehen hat, eine unmittelbare Nähe herzustellen. Graf kann das. Nah rückt er an einen heran, wenn er etwas erzählt. Sein Blick sucht stets den des Gesprächspartners. Auch die Sprache des 56-Jährigen ist in Tonlage und Wortwahl auf menschliche Nähe ausgelegt.

„Können wir Du sagen?“, fragt Graf einige Stunden zuvor einen jungen Mann, der ihm, dem Stadtrat und OB-Kandidaten, ein persönliches Anliegen näher bringen will. „Das macht das Sprechen einfacher“, erklärt Graf und hält dem jungen Mann die Hand hin. Er sei im Übrigen der Richard.

Graf: „Ich bin kein Zählkandidat“

„Nach der Wahl sag’ ich fei a no Richard“, betont eine Anwohnerin der Remontenstraße bei einem anderen der vielen Termine Grafs an diesem Tag. „Ich will kein anderer nach der Wahl sein“, versichert Graf. Zumindest, was das Menschliche anbelangt, beruflich will er sich selbstverständlich verändern. Andernfalls würde er erst gar nicht bei der OB-Wahl am 24. September antreten.

„Ich bin kein Zählkandidat“, betont der 56-Jährige. „Wenn ich antrete, dann, weil ich auch gewinnen will.“ Dafür müsste er aber den seit zwölf Jahren amtierenden Rathauschef einer florierenden Stadt, die mit ihren Kennzahlen auf vielen Feldern nur so vor Kraft strotzt, schlagen. Ist der Versuch, Thomas Thumann (UPW) vom OB-Stuhl zu stürzen, also ein Himmelfahrtskommando? „Es gab schon Menschen, die zu mir gesagt haben: ,Hast Du einen Vogel?’“ Graf sieht das nicht so, räumt aber ein: „Ich komme aus einer klaren Außenseiterposition“. Diese habe sich aber deutlich verbessert. Zumindest hat Graf und sein Umfeld diesen Eindruck gewonnen. Einen subjektiven, wie er selbst zugibt. Dennoch ist für Graf klar: „Ich bin auf Schlagdistanz“.

Die Chronologie des Tages von Richard Graf, bei dem ihm die MZ begleitet hat, zeigt die Bildergalerie:

Die Dinge seien in Neumarkt nicht so heil, wie sie bei oberflächlicher Betrachtung erschienen, ist der CSU-Mann überzeugt. „Das Meinungsbild hat sich unserer Einschätzung nach geändert.“ Die Meinung über die Amtszeit von Thomas Thumann, meint Graf damit, ohne dessen Namen zu nennen. Projekte würden mehr denn je hinterfragt.

„Das Ganzjahresbad braucht kein Mensch“, sagt ein älterer Herr, der wie rund 15 andere Anwohner auf dem Parkplatz in der Remontenstraße im Halbkreis um Richard Graf steht. Sie sind gekommen, um sich bei Graf über die Stadtverwaltung und Thumann zu empören. Die Anwohner fürchten seit dem Bekanntwerden der jüngsten Pläne zur Parkplatzsituation im Bad-Umfeld um ihre Parkplätze (wir berichteten) und werfen OB Thumann Wortbruch vor. Der amtierende Rathauschef wird diese Sichtweise in den Wochen danach zurückweisen.

„Du hast ja auch dafür gestimmt.“

Bürgerin zu Richard Graf wegen dessen Zustimmung zum Ganzjahresbad

Es ist einer von mehreren Terminen an diesem Tag, die ähnlich verlaufen. Graf kommt zu Bürgern, die ein Problem mit der Stadtverwaltung haben. Graf informiert sich, gibt Ratschläge zum weiteren Vorgehen, vor allem aber will er seine Unterstützung ausdrücken und sich klar vom amtierenden OB distanzieren.

Richard Graf sucht das Gespräch mit einem Bürger bei einem seiner vielen Wahlkampftermine. Foto: Endlein

Das geht aber nicht ohne Fallstricke ab. „Du hast ja auch dafür gestimmt“, sagt eine Anwohnerin der Remontenstraße zu Graf auf dessen Votum für das Ganzjahresbad gemünzt. „Unter der Prämisse, dass es 40 Millionen Euro kostet und die Parkplätze ausreichen“, erklärt der Stadtrat. Scheibchenweise werde nun aber von der Stadtverwaltung eröffnet, dass beides nicht eingehalten werden könne, legt Graf seine Lesart der Dinge dar.

Im März wählte der CSU-Stadtverband Richard Graf zum Kandidaten. Den MZ-Bericht von der Sitzung finden Sie hier.

Diese fällt bei der Gruppe von Anwohnern auf fruchtbaren Boden. Sie sind hörbar auf den amtierenden Rathauschef nicht gut zu sprechen. Ob diese Treffen mit einer Hand voll Bürgern aber repräsentativ für eine sich wandelnde Stimmung in der Stadt sind? Repräsentativ vielleicht nicht, gibt auch Graf zu, an den Stimmungsumschwung will er dennoch glauben.

Die Termine an diesem Tag nähren diesen Glauben. Schließlich trifft Graf überall auf Menschen, die ihm gewogen zu sein scheinen. Wozu er seinen Teil beiträgt. Der Vater einer 14-jährigen Tochter und eines zwölfjährigen Sohnes kann mit Menschen und die Menschen mit ihm.

Rauchen neben der Mülltonne

„Servus Herr Bürgermeister“, schallt ihm in einem Café in der Klostergasse der scherzhafte Gruß einer Männerrunde entgegen. Graf hat hier Heimspiel. „Das könnte das Rathaus V werden“, sagt Graf ebenso scherzhaft über seine Stammkneipe und läuft gleich durch, an der Theke vorbei in die improvisierte Raucherecke im Hinterhaus. Dort flammt das Feuerzeug auf und entzündet einen Zigarillo, dem an diesem Tag schon viele vorhergegangen sind und noch mehr folgen werden. „Das ist mein nächstes Projekt“, sagt Graf über seinen Tabakkonsum und das Ziel, diesen zu beenden. Aktuell ist daran aber nicht zu denken. Der Wahlkampf stresst schon genug.

Auch Richard Grafs Hauptkonkurrent, Oberbürgermeister Thomas Thumann, ist bereits im Wahlkampf. Über den Auftakt seiner Kampagne, berichtete die MZ in diesem Artikel.

Immerhin, jetzt neben der Mülltonne mit dem Aschenbecher darauf im Hinterhaus eines Neumarkter Cafés, ruht der Stress kurzzeitig und die Gedanken steigen wie der Rauch des Zigarillos in die Höhe, dort wo Graf ab und an Entspannung sucht. Mit einem Flugdrachen habe alles angefangen, berichtet der passionierte Flieger. „Das ist die schönste Art zu fliegen. Man fühlt sich den Vögeln am nähesten.“ Inzwischen hebt Graf aber nur noch mit seinem Ultraleichtflugzeug ab. Vom Stöckelsberger Flugplatz führen ihn seine Flüge bisweilen sogar in die weite Welt, zuletzt bis nach Portugal. Vor allem aber geht es weit weg vom Stress des Alltags. An diesem Tag kann er dem Wahlkampfstress am Boden aber nicht entfliehen.

Richard Graf und sein Handy sind in diesen Tagen unzertrennlich. Foto: Endlein

Zigarillo, Uhr und Handy begleiten Graf durch den Tag

Weshalb Graf einige Stunden zuvor vor dem CSU-Büro in der Hallertorstraße ebenfalls an einem Zigarillo zieht, bevor er auf die Uhr blickt. Gemeinsam mit dem regelmäßig klingelnden Handy bilden Zigarillo und Uhr den Dreiklang, der Graf durch diese prall gefüllten Tage begleitet. Sieben Termine stehen an diesem Tag an: Graf verabschiedet Kinder beim FC Neumarkt Süd auf eine Ferienfahrt, trifft sich mit diversen Bürgern, tauscht sich mit Händlern in der Innenstadt aus, stattet einem Seniorenheim einen Besuch ab und macht mit einem Stand Wahlkampf. Nicht immer sind es in diesen Wochen des Wahlkampfs so viele Termine an einem Tag. „Ich protze heute etwas“, sagt der 56-Jährige mit einem Lächeln. Wenn die Zeitung einen Tag mit dabei ist, dann will er schließlich etwas vorzeigen.

Frühmorgens der erste Termin: Zu Gast beim FC Neumarkt Süd, wo Richard Graf eine Kindergruppe auf Ferienfahrt verabschiedet. Foto: Endlein

„Ich bin ein Kümmerer.“

Richard Graf über seine Berufsbezeichnung

So ein Terminreigen will gut organisiert sein. 8.15 Uhr zeigt die Uhr an Grafs Handgelenk an. Ein letzter Zug am Zigarillo, denn drinnen im CSU-Büro wartet schon die Morgenrunde, in der alles Wichtige des Tages und der nächsten besprochen wird. Graf fragt nach Neuem, gibt Anweisungen, blättert in seiner Mappe mit Zetteln, macht sich Notizen. Man sieht, derartige Runden sind nichts Neues für ihn. Auch nicht, diese und dazugehörige Teams zu leiten.

Angelika Lyschek ist die rechte Hand von Richard Graf bei der täglichen Organisation des Wahlkampfes. Foto: Endlein

Wenn Graf nicht gerade Wahlkampf macht, kümmert er sich seit drei Jahrzehnten darum, dass große IT-Projekte bei Unternehmen den richtigen Weg gehen. Mit seinem erlernten Beruf des Elektroingenieurs hat das nur noch am Rande etwas zu tun. Wie er seinen Beruf bezeichnet? Graf rattert eine Bezeichnung aus mehreren englischen Wörtern herunter. Er lächelt dabei im Wissen, dass damit für die meisten wenig anzufangen ist. „Ich bin ein Kümmerer“, kürzt er die Sache ab.

Lernen von der Wirtschaft

Eine Bezeichnung, die aus seiner Sicht auch auf den Posten eines Oberbürgermeisters übertragbar ist. Wie Graf überhaupt vieles von seinem bisherigen Berufsleben in das, was er sich für die nächsten Jahre im Neumarkter Rathaus erhofft, mitnehmen will. Weshalb ihn neben den offensichtlichen Themen des Wahlkampfes wie Ganzjahresbad, Flugfeld oder Innenstadt auch das eher versteckte der Arbeitsweise der Stadtverwaltung mit dem Oberbürgermeister an der Spitze umtreibt.

Graf will Arbeitsweisen, wie er sie in der Wirtschaft gelernt hat, ins Rathaus mitbringen. Vor allem geht es ihm aber um ein verändertes Denken, wie er sagt. „Der Bürger ist Kunde“, sagt der 56-Jährige. Derzeit sei die Stadtverwaltung nicht so bürgernah, wie sie es sein sollte. Nicht wegen der Mitarbeiter, wie Graf betont. Diese arbeiteten in dem Rahmen, den ihnen die aktuelle Stadtspitze vorgebe.

„Ich denke von der Lösung her, nicht in Paragrafen.“

Richard Graf

„Ich denke von der Lösung her, nicht in Paragrafen“, schildert Graf, wie er die Betonung setzen würde. Womit er indirekt natürlich einen Unterschied zum Juristen Thomas Thumann herausstellt. Kein Jurist zu sein, darin sieht Graf keine Schwäche, sondern eine Stärke. Gleiches gilt für sein Profil als politischer Quereinsteiger, der erst vor vier Jahren in die CSU eingetreten ist. „Ich habe noch keine Seilschaften“, sagt der Pöllinger, der nichtsdestotrotz mit Politik aufgewachsen ist. Sein Vater war lange Stadtrat, worin ihm der Sohn folgte, als er erkannte: „Der Virus Politik hat mich erwischt, als ich gemerkt habe, dass man etwas verändern kann“.

Richard Graf auf Besuch im Seniorenheim: Auch dort sitzen potenzielle Wähler. Foto: Endlein

Allzeit bereit für ein „Servus! Hallo!“

Das will er künftig vom Chefsessel im Rathaus aus tun, weswegen Graf schon vorneweg im Wahlkampf möglichst oft Bürgernähe sucht – und wenn das bedeutet, dass er Volkslieder singen muss. Die CSU ist findig, sich im Gedächtnis zu verewigen. Deshalb liegen im BRK-Seniorenheim in Woffenbach auch Liederhefter mit dem Konterfei von Staatssekretär Albert Füracker aus. In die Runde der singenden Senioren schneit Graf am späten Nachmittag hinein. „Ich wollte mich mal zeigen, damit Ihr mich kennt“, sagt Graf an die Gruppe gewandt. „Warum habt’s Ihr denn so eingeheizt?“ Er schwitzt mächtig angesichts der Temperaturen im Raum. Das blaue Hemd ist danach durch. Graf wechselt vor dem Seniorenheim schnell zu einem weißen Polo-Shirt. Es ist ein Sinnbild für die Mühen des Wahlkampfes um das OB-Amt, der allmählich heiß läuft. Dann steigt Graf in seine rasende Wahlplakatwand auf vier Rädern und düst zum nächsten Termin. Allzeit bereit für ein „Servus! Hallo!“.

Alles rund um die Wahl in Neumarkt lesen Sie immer aktuell hier.

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