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Region Neumarkt
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 3

Engagement

Schüler nähen Kostüme für Musical

Rotraud Siede ist nicht nur Lehrerin in Neumarkt, sondern auch Schneiderin – das ist praktisch für die Initiatoren von „Hitlerjunge Adolf“.
von katrin böhm

  • Lehrerin Rotraud Siede zeigt Leo, wie er die Klettverschlüsse an den Röcken anbringen muss. Fotos: Böhm
  • Selbst gemacht: Eine Kopie von „Fang-den-Hut“ aus dem Jahr 1945
  • So geht‘s: Janina hilft Pascal an der Nähmaschine.

Neumarkt. Im Klassenzimmer der Klasse 7/8 h in der Erwin-Lesch-Schule liegen keine Bücher auf den Tischen, keine Hefte und keine Ordner. Stattdessen steht auf fast jedem Platz eine Nähmaschine. Dahinter sitzen angestrengt Jungs und Mädchen. Die meisten von ihnen haben noch nie einen Faden durch die Öse einer Spule gezogen, was ein Nähfuß ist, weiß kaum jemand. Doch all dies werden sie lernen – denn sie haben einen Auftrag: Sie schneidern Kostüme für das neue Musical „Hitlerjunge Adolf“ des Musical und Theatervereins Neumarkt M.U.T.

Die Kniffe dazu bringt ihnen Rotraud Siede bei – sie ist nämlich nicht nur Lehrerin, sondern auch gelernte Schneidermeisterin. Als sie von dem neuen Projekt des Vereins hörte, war für sie schnell klar, dass sie sich mit ihrer Klasse an der Ausstellung, die zusätzlich zu dem Musical, initiiert wird, beteiligen wird. Sie kam mit Regisseur Franz Xaver Müller ins Gespräch und erzählte ihm, dass sie Schneiderin ist. Seine Antwort: „Solche Leute brauchen wir.“

Die ersten Röcke sind schon fertig

Und so kam es, dass die Schüler von Rotraud Siede im Fach Berufs- und Lebensorientierung zwölf Röcke schneidern – angelehnt an die Hosen, die in der Nazi-Zeit die Mitglieder der Hitlerjugend trugen. Die erste Nähgruppe hat ihr Werk bereits vollbracht – die ersten sechs Röcke sind fertig – , die zweite hat eben damit begonnen. Und so kommt es, dass Nicole am Bügeltisch Stoff aufbügelt, dass Leo Klettverschlüsse an die Röcke annäht und dass Romina im Zick-Zack-Modus Stoff vernäht. Janina kennt sich neben Rotraud Siede am besten mit der Nähmaschine aus – sie springt hin und her, um ihren Mitschülern zu Hilfe zu eilen, wenn bei einem mal wieder ein Faden gerissen ist oder die Nähmaschine nicht so arbeitet wie sie sollte.

Obwohl es im Lehrplan für diese Klassenstufe nicht in dieser Dimension vorgesehen ist, war es Rotraud Siede wichtig, auch den geschichtlichen Hintergrund zu vermitteln: Sie lud den Zeitzeugen Baldur Walter ein – der ehemalige Studiendirektor der FOS erzählte von seiner Kindheit während der Nazi-Zeit – dadurch wurde den Schülern ein greifbares Bild des Dritten Reichs vermittelt. „Vor allem im Rahmen solcher Projekte sind die Schüler dann auch sehr interessiert an dem Thema“, ist Siedes Erfahrung.

Die Klasse trägt neben den Röcken einen zweiten Part zu der Ausstellung bei: Sie hat Spiele aus der Zeit um 1945 wiederaufleben lassen – dank Rotraud Siedes Onkel Eberhard. Der war 1945 zehn Jahre alt und erst von Berlin nach Zittau und dann weiter in die Nähe von Coburg geflüchtet – der Familie war kaum etwas geblieben, schon gar keine Spielsachen. Aus der Not heraus malte der zehnjährige Eberhard Siede Spielbretter auf Packpapier: Er zeichnete „Pachisi“, eine Form von Mensch-ärgere-dich-nicht, und „Fang den Hut“, er entwarf das Rennbahnspiel neu und bastelte Multi Crux, eine Art Scrabble, nach.

Einen Teil der Originale gibt es noch

Die Originale von Pachisi und Fang-den-Hut haben die Zeit überstanden – Rotraud Siede hat sie kopiert und im Kunst- und Geometrieunterricht mit ihrer Klasse Spielfiguren gebaut. Dabei haben ihre Schüler auch viel darüber erfahren, was man früher in seiner Freizeit so anstellte. Halma oder Fang-den-Hut kannte kein einziger Schüler mehr – gerade einmal Mensch-ärgere-dich sagte den meisten noch etwas.

Wenn die Arbeiten für das Musical beendet sind, wenden sich die Schüler wieder ihrem eigentlichen Projekt zu: Sie schneidern aus Tetra-Paks kleine Taschen und verkaufen sie zum Beispiel bei Schulfesten. Dafür haben sie eine eigene Schülerfirma gegründet – mit der stellen sie sich Mitte März bei der siebten bayerischen Messe für Schülerfirmen in Fürth vor.

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