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Region Neumarkt
Montag, 11. Dezember 2017 7

Sprache

Stirbt der Dialekt an Schulen aus?

An Neumarkts Bildungseinrichtungen ist das Bairische auf dem Rückzug. Schulleiter finden diese Entwicklung bedenklich.
Von Johannes Heil

Mittlerweile achten viele Schulen wieder verstärkt darauf, dass der Dialekt wieder erhalten bleibt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Neumarkt.Es ist eine Geschichte, die sich so abstrus liest, dass man sie kaum glauben möchte. In München warnt eine Schule laut Medienberichten im Internet vor ihrem Hausmeister. Der Grund ist nicht etwa eine Entgleisung oder ein Fehlverhalten des Mannes – die Ursache liegt vielmehr darin, dass der 63-jährige Günter Greiner bairisch spricht. Eltern werden um Geduld gebeten, denn es könne bei Telefonaten zu Kommunikationsproblemen kommen. In der einzigen Millionenstadt im Freistaat ist – so scheint es – das Bairische also mittlerweile aus den Klassenzimmern verdrängt worden. Doch wie ist die Lage im vergleichsweise beschaulichen Neumarkt – wird hier an den Schulen noch Dialekt gesprochen?

Reinhard Kroiß ist stellvertretender Schulleiter am Willibald-Gluck-Gymnasium. Er kommt zu einem eindeutigen Befund: „Unsere Schüler sprechen deutlich weniger Dialekt als früher.“ Vor allem die, die aus der Stadt kommen, sprächen nur noch sehr selten in bairischer Mundart. Jene, die aus dem Landkreis stammen, seien noch eher des Bairischen mächtig. „Ich denke, Dialekte sind deutschlandweit generell auf dem Rückzug.“ Auch in Neumarkt merke man das sehr stark.

Oberpfälzisch und Fränkisch

Das Kultusministerium legt wieder größeren Wert auf Dialekt. Foto: Armin Weigel/dpa

Die Gründe hierfür seien vielfältig. „Durch die Medien und auch den Kindergarten kommen Kinder sehr schnell in Berührung mit dem Hochdeutschen.“ Davon berichtet der gebürtige Niederbayer auch aus eigener Erfahrung. „Meine Kinder sprechen hochdeutsch, und das, obwohl ich zu Hause auch im Dialekt rede.“ Ein weiterer Grund sei die Lage Neumarkts. Anders als etwa in anderen Teilen der Oberpfalz seien hier verschiedene Einflüsse zu spüren. Neben dem Oberpfälzischen sind auch Einflüsse des Fränkischen zu hören, das ja „gleich um die Ecke“ gesprochen werde. Dadurch sei der Dialekt hier eventuell nicht so verwurzelt und identitätsstiftend wie anderswo.

Kroiß sagt aber auch ganz deutlich: „Der Dialekt geht nicht in den Schulen verloren, sondern in den Elternhäusern.“ Denn mittlerweile sei man in den Schulen wieder sehr darauf bedacht, den Dialekt zu erhalten. „Das Kultusministerium legt großen Wert auf den Dialekt.“ Allerdings sei das richtige Maß wichtig. „In einem Referat beispielsweise sollte man schon hochdeutsch sprechen.“ Bei einem normalen Unterrichtsgespräch hingegen sei „regionale Färbung“ überhaupt kein Problem. Es sei indes wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder, die mit beidem – Dialekt und Hochdeutsch – groß werden, beim Sprachlernen Vorteile haben. „Früher hat man geglaubt, dass man durch den Dialekt benachteiligt sei“, sagt Kroiß. „Das ist sicher nicht der Fall.“

Mal verpönt, mal im Trend

Auf dem Land wird der Dialekt noch eher gepflegt. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

In der Knabenrealschule Neumarkt ist der Dialekt laut Schulleiter Hermann Zienecker noch durchaus lebendig. Was sich bildungspolitisch in den vergangenen Jahren in Bezug auf den Dialekt abgespielt hat, ließe sich als Wellenbewegung gut beschreiben. „Mal war es total verpönt, Dialekt zu sprechen, dann war es wieder voll im Trend“, erinnert sich Zienecker. Das wechsle sich in schöner Regelmäßigkeit ab. Persönlich findet er einen bairischen Einschlag als sehr sympathisch. „Es ist aber sehr wichtig, dass man beides sprechen kann – Bairisch und Hochdeutsch.“ Tiefsten Dialekt zu sprechen könne nämlich auch Probleme in sich bergen: „Wenn man Schüler mit Migrationshintergrund oder aus anderen Bundesländern hat, dann kann Dialekt auch ausgrenzen.“

Dieser Problematik ist man auch an der Theo-Betz-Grundschule gewahr. „Bei uns an der Schule gibt es viele Kinder mit Migrationshintergrund“, sagt Konrektorin Christine Fersch. Daher wird im Unterricht darauf geachtet, dass Hochdeutsch gesprochen wird. „Grundsätzlich sprechen an unserer Schule schon immer weniger Kinder Dialekt“, sagt sie. Ein Großteil sei der Mundart gar nicht mehr mächtig. „Ich finde das sehr schade.“ In Grundschulen auf dem Land sei das noch anders. Dort habe das Bairische auch im Elternhaus noch einen anderen Stellenwert. Ganz verschwunden ist das Bayerische an der Theo-Betz-Grundschule aber nicht. „In den Klassen wird beispielsweise auch ein bairisches Weihnachtslied gesungen.“

Gesunden Mittelweg finden

In den Schulen wird weniger Dialekt gesprochen.Foto: Peter Kneffel/dpa

An der Mädchenrealschule hingegen gebe es kein Dialektsterben, wie Schulleiter Günter Lenyk sagt. Es habe sich in den vergangenen Jahren nicht viel geändert. An einer weiterführenden Schule habe das Hochdeutsche zwar naturgemäß einen hohen Stellenwert, doch es sei gleichermaßen von großer Bedeutung, dass der Dialekt erhalten bleibe. Daher werde versucht, einen gesunden Mittelweg zu finden. An der Mittelschule West ist Martin Krämer Schulleiter. Er stellt fest: „Bei uns wird auf jeden Fall noch Dialekt gesprochen.“ Doch es kämen mittlerweile andere sprachliche Einflüsse hinzu. „Viele kommen der Arbeit wegen aus anderen Bundesländern nach Neumarkt. Und auch Kinder mit Migrationshintergrund haben einen Einfluss.“ So entstehe eine bunte Mischung.

Monika Nunner leitete die Katholische Kindertagesstätte St. Elisabeth. Auch sie findet: „Der Dialekt ist nicht mehr so ausgeprägt wie früher.“ Die Eltern versuchten, frühzeitig auf ein korrektes Deutsch zu achten. Doch Nunner sagt auch: „Letztendlich kann man seinen Dialekt nicht verleugnen.“ Und das solle man auch gar nicht. „Ich finde es wichtig, dass der Dialekt erhalten bleibt. Er gehört zu unserer Region dazu.“

Auch bei der Münchner Schule hat sich diese Erkenntnis offenbar in der Zwischenzeit eingestellt. Auf der Homepage ist eine Stellungnahme des Rektors zu lesen – Dinge seien falsch interpretiert worden. „Die bayrische Sprache und das bairische Wir-Gefühl werden an unserer Schule nicht nur gefördert, sie werden gelebt.“

Hier finden Sie ein Interview mit Kreisheimatpfleger Rudolf Bayerl:

Herr Bayerl, wie schätzen Sie als Kreisheimatpfleger die momentane Lage des Dialekts im Landkreis Neumarkt ein?

Ich denke, dass man schon deutlich merkt, dass weniger Menschen Dialekt sprechen.

Was charakterisiert den Neumarkter Dialekt eigentlich?

Im Landkreis Neumarkt kommen sehr viele sprachliche Einflüsse zusammen. Man muss also stark unterscheiden. Zum einen gibt es die Region um Berching, wo man ganz anders spricht als beispielsweise in Lauterhofen. In Parsberg wiederum redet man dann wieder ganz anders. Auch das Fränkische hat natürlich einen beträchtlichen Einfluss auf die Region. Man kann also getrost von einer bunten Dialekt-Landschaft sprechen.

Sehen Sie die Gefahr, dass diese bunte Landschaft einmal aussterben könnte?

Nun, das ist schwierig zu beantworten. Aber es war durchaus eine Frage, die immer wieder einmal aufkam, wie etwa vor ungefähr 50 Jahren oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Was man aber sagen kann, ist, dass manche Begriffe vom Aussterben bedroht sind.

Wie meinen Sie das?

Manche Berufe, die es heute kaum noch gibt – solche Begriffe sind beispielsweise vom Aussterben bedroht. Heutzutage wissen zum Beispiel nicht mehr viele, was ein Sattler ist. Auch in der Landwirtschaft, wo sich in der Technik sehr viel getan hat, werden viele Begriffe bald nicht mehr bekannt sein. Man kann generell auf jeden Fall sagen: Der Dialekt befindet sich im stetigen Wandel.

Was bedeutet für Sie Dialekt?

Dialekt ist der Ausdruck einer Identität. Er vermittelt zudem Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder zu einer bestimmten Region. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass man den Dialekt an die nächsten Generationen weitergibt.

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