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Region Neumarkt
Sonntag, 19. November 2017 3

Geschichte

Stolpersteine erinnern an NS-Opfer

Zwölf Steine wurden in Neumarkt verlegt. Dabei wurde betont, dass das Erinnern an den Holocaust nicht aufhören darf.
von Wolfgang Endlein

Künstler Gunter Demnig passt die fünf Stolpersteine für die Familie Haas vor dem Anwesen Nummer 39 in der Marktstraße ein. Fotos: Endlein

Neumarkt.Der Kontrast könnte nicht größer sein: Auf der von der Sonne beschienenen Terrasse des Cafés in der Bahnhofstraße genießen die Gäste den Feierabend – und wundern sich anfangs über den Auftrieb nebenan. Zahlreiche Menschen haben sich versammelt und hören Geschichten über ein Grauen, das so gar nicht zu dem prächtigen Feierabend passen will. Vor allem aber schauen sie auf drei Pflastersteine, in die Namen eingraviert sind. Namen von Neumarkter Juden, die einst in dem Anwesen Nummer 13 lebten und dann den Tod in den Konzentrationslagern fanden.

Ein Video von der Verlegung in der Marktstraße sehen Sie hier:

17 neue Stolpersteine wurden verlegt

Die drei neu verlegten Stolpersteine, die in der Bahnhofstraße Kurt, Henriette und Herrmann Baruch gedenken, sind aber nicht die einzigen, die an diesem Montag verlegt werden. Insgesamt 17 neue Stolpersteine erinnern künftig in Sulzbürg und in Neumarkt an das, was niemals vergessen werden darf. So formuliert es Myrna Haas, die Ehefrau von Ernest Haas, dem einzigen Neumarkter Juden, der die Konzentrationslager überlebte. Sie ist eigens aus den USA gemeinsam mit ihren beiden Söhnen Michael und Andrew angereist, um mitzuerleben, wie für ihren 2016 verstorbenen Mann ein Stolperstein vor dem Haus 39 in der Oberen Marktstraße verlegt wird.

Taschentuch ist letzte Erinnerung

Die Söhne von Ernest Haas – Michael (l.) und Andrew – waren auch nach Neumarkt gekommen.

Möglich gemacht hat das die Initiative Stolpersteine, die das europaweite Projekt des Künstlers Gunter Demnig bereits zuvor mit Stolpersteinen für die Familie Hahn nach Neumarkt gebracht hat (wir berichteten ). Möglich gemacht haben das aber auch die Paten der Stolpersteine, zu denen unter anderem die MZ-Redaktionsleiterin in Neumarkt, Eva Gaupp, gehört. Ihnen ist es an diesem Montag auch vorbehalten, die Namen auf den Steinen mit Leben zu füllen. Dazu tragen sie Kurzbiografien vor, die aufzeigen, wie übel den Neumarktern aus den Familien Haas, Baruch und Löw in der NS-Zeit mitgespielt wurde.

MZ-Redakteurin Eva Gaupp kommentiert die Verlegung der Stolpersteine:

Kommentar

Die Erinnerung darf nie aufhören

Das ist doch jetzt schon fast 80 Jahre her. Kann man die Vergangenheit nicht irgendwann auch mal ruhen lassen?“, hat mich eine ältere Frau kürzlich gefragt....

Als Beispiel dafür kann nicht zuletzt die Familie Haas gelten. Seligmann Haas, der Großvater von Ernest Haas, wurde ebenso wie andere seiner Familie nach der Deportation aus Neumarkt in ein KZ dort ermordet. So auch die Eltern von Ernest Haas, Semi und Frieda, die in der Marktstraße einen Textilwarenladen betrieben. Das letzte Lebenszeichen seiner Mutter war für Ernest Haas ein Taschentuch, in das zwei Scheiben Brot eingewickelt waren. Er behielt das Taschentuch bis an sein Lebensende.

Ein bewegender Moment

Diese Anekdote ist einer der bewegendsten Momente der Gedenkfeiern, die Schüler des Ostendorfer Gymnasiums moderieren und mit jüdischer Musik begleiten. Mittendrin stehen Myrna, Michael und Andrew Haas, die bei aller Traurigkeit über die Schicksale hinter den Namen auf den Steinen keinen Groll gegen das heutige Deutschland zu hegen scheinen. Freundlich schütteln sie viele Hände und sind offen für die vielen Gesprächspartner. Gute Menschen hätten sie und ihr Mann in Neumarkt in den vergangenen Jahren kennengelernt, hat Myrna Haas eine einfache Erklärung dafür.

Weitere Bilder von der Verlegung sehen Sie hier:

Die Verlegung der Stolpersteine

Als einen dieser Menschen kann man wohl auch Ludwig Eichenseer bezeichnen. Er hat die Patenschaft für den Stolperstein von Seligmann Haas übernommen, der im Haus Nummer 17 in der Stephanstraße gewohnt hat.„Ich komme aus Sulzbürg und wohne in einem Haus mit einer langen jüdischen Geschichte“, erzählt Eichenseer, warum er sich für die 120 Euro teure Patenschaft entschieden hat.

Auch in der Bahnhofstraße wurden Blumen an den Stolpersteinen niedergelegt.

„Very emotional“, sagt indes Luise Beyer zu Myrna Haas, während sie vor der Tür des Hauses Nummer 39 in der Marktstraße für ein Foto posieren. Beyer ist die Besitzerin des Grundstücks, auf dem einst das Haus der Familie Haas gestanden hat, bevor es im Krieg zerstört wurde. Sie bringt den Tag und die gesamte Aktion auf den Punkt: „Ich find’s eine gute Sache“.

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