mz_logo

Region Neumarkt
Montag, 22. Januar 2018 11

Interview

Urs Meier: Das Pfeifen als Lebensschule

Der Ex-Schiri spricht über seinen größten Fehler, erhaltene Morddrohungen, versuchte Bestechungen und motzende Holländer.
Von Thorsten Drenkard

Im EM-Viertelfinale 2004 zwischen England und Portugal zog der Schweizer Fifa-Schiedsrichter Urs Meier die Wut der englischen Spieler, Fans und Presse auf sich, als er den vermeintlichen Siegtreffer der Three Lions zurecht aberkannte. Foto: Antonio Simoes/dpa

Neumarkt.Herr Meier, was ist die wichtigste Eigenschaft, die man als Schiedsrichter unbedingt haben sollte?

Das Wichtigste ist, dass man Freude am Fußball mitbringt, dass man den Fußball liebt und versteht. Man muss selbst gespielt haben, um zu wissen, was Fußballern weh tut – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Das kann ein Elfmeter in der letzten Minute sein, durch den ein Team womöglich absteigt. Diese Gefühlslagen muss man in sein Spiel einfließen lassen. Je mehr Empathie man für Menschen und Situationen hat, desto besser kann man ein Spiel leiten. Ohne Empathie wird man zwangsläufig Schwierigkeiten haben als Schiedsrichter.

Was ist der größte Fehler überhaupt, den man als Referee begehen kann?

Wenn man nicht ehrlich ist. Wenn man versucht, einen Fehler durch eine Konzessionsentscheidung wieder auszubügeln. Doch eins und eins ergibt eben nicht null, sondern dadurch begeht man gleich den zweiten Fehler. Hinterher ist dann keiner zufrieden. Der Schiedsrichter verliert letztlich an Ansehen und Persönlichkeit. Man muss akzeptieren, dass Fehler dazu gehören. Rückblickend auf meine aktive Karriere muss ich sagen, dass von meinen insgesamt 883 geleiteten Spielen kein einziges fehlerfreies Spiel dabei war.

Urs Meier leitete 883 Spiele in seiner Referee-Karriere. Foto: Paco Campos dpa

Welcher war Ihr größter Fehler als Referee?

Mein größter Fehler war zugleich mein wichtigster. Das war in einem Pokalspiel in Basel zwischen dem heimischen FC und Xamax Neuchâtel. Ich war damals 31 Jahre alt und es war für mich das erste Mal, dass ich vor mehr als 20.000 Zuschauern zu pfeifen hatte. Ich konnte damals mit dem Druck noch nicht umgehen und habe einen Elfmeter für Basel gepfiffen, der zum 3:2 führte, wodurch Basel letztlich weiter kam. Es war aber kein Elfmeter.

Sie sind eingeknickt?

Ja, ich war der Kulisse nicht gewachsen. Hinterher bin extrem enttäuscht von mir selbst nach Hause gefahren und habe mir gesagt: ,Wenn das noch einmal passiert und Du noch einmal schwach wirst, dann hörst Du sofort auf’. Das hat mir letztlich die Stärke gegeben, nicht mehr darauf zu achten, ob ich nun vor 40.000, 50.000 oder 60.000 Zuschauern pfeife. Das hat mich nicht mehr interessiert.

Kann man derartige Kulissen und die damit einhergehende Stimmung einfach so ausblenden?

Das kann man. Ich wollte einfach diesen Scheißmoment, in dem Du weißt, dass Du nicht ehrlich warst, wie nach dem Basel-Spiel, nie mehr erleben. Dieses Gefühl war zum Kotzen. Es sollte mir nie mehr jemand nachsagen können, dass ich nicht ehrlich war.

Eckdaten zur Person Urs Meier im Video:

Eckdaten zur Person Urs Meier

Apropos Ehrlichkeit: Sind während Ihrer aktiven Karriere Vereine an Sie herangetreten und haben versucht, Sie zu bestechen?

Bestechen nein, doch zu beeinflussen ja, bis 1997 war das leider international gang und gäbe. Da haben die Vereine immer wieder versucht einem schöne Geschenke zu machen, komischerweise immer vor, nie nach den Spielen.

Was für Geschenke waren das?

Ach, das kann ein Uhr oder ein Anzug gewesen sein. Man musste damals ständig ,Nein’ sagen. Bis die UEFA 1997 ein neues Konzept zur Korruptionsbekämpfung und Wettkampfmanipulation eingeführt hat – danach hatte man Ruhe.

Ist es als Amateur- und Hobbyschiedsrichter Bestechung, wenn man einer Mannschaft zum Aufstieg ein Bier in Aussicht gestellt bekommt?

Man sollte vor einem Spiel immer aufpassen, dass man nicht zu viel Kontakt zu den Teams hat. Nicht, dass später im Spiel eventuell Fehler oder umstrittene Entscheidungen passieren, die hinterher damit in Zusammenhang gebracht werden können. Man sollte sich vor dem Spiel zurückhalten.

Und hinterher?

Da muss man auch immer betrachten, wie das Ganze zuvor abgelaufen ist. Aber es gibt viele Vereine, die nach dem Spiel den Schiedsrichter auf ein Bier und eine Kleinigkeit zum Essen einladen. Das sollte man eigentlich immer so machen, auch wenn man verloren hat, sonst ist das auch irgendwie komisch. Aber es ist immer besser, wenn man mit einem Gespräch auseinandergeht.

Neumarkter Schiedsrichter erklären, was ihnen am Job des Unparteiischen gefällt:

Neumarkter Schiedsrichter erklären, was ihnen am Job des Unparteiischen gefällt.

Wieso mangelt es an Schiedsrichtern?

Die Rahmenbedingungen für junge Schiedsrichter sind dieselben wie früher geblieben, aber das ist nicht mehr attraktiv. Ich glaube nicht, dass es noch zeitgemäß ist, dass man junge und ältere Schiedsrichter zusammen ausbildet. Die Ausbildung muss auf jungen Referees zugeschnitten sein.

Liegt es allein an der Ausbildung?

Nein, natürlich nicht. Dass hat auch mit der Verantwortung zu tun, die jeder von uns neben dem Fußballplatz hat. Wenn zum Beispiel Eltern am Spielfeldrand den Schiedsrichter beleidigen, sollten Vereinsvertreter, andere Zuschauer oder Eltern nicht einfach zusehen, sondern denjenigen oder diejenige zur Rede stellen und ihm oder ihr vor Augen führen, was sie mit ihren Beleidigungen eigentlich anrichten. Es geht auch um Zivilcourage – da nehme ich mich nicht aus.

Hier lesen Sie einen Artikel zu den Stationen einer Schiedsrichter-Karriere.

Was richten regelmäßige Anfeindungen oder Beleidigungen bei Schiedsrichtern, gerade Neulingen an?

Ein Schiedsrichter-Neuling ist eigentlich wie ein kleiner, junger Baum, wie ein junges Pflänzchen, das man einsetzt und dem man Wasser, Liebe und Sonne geben sollte, damit es wächst und stark wird. Aber das Gegenteil ist der Fall: Man tritt auf ihm herum. Da darf es nicht verwundern, wenn manche nach einem halben Jahr als Schiedsrichter sagen: ,Den Scheiß’ mache ich nicht mehr mit.“

Was können Sie Neulingen raten?

Versucht einfach wegzuhören. Es passiert allen Schiedsrichtern, dass sie angefeindet werden, auch den ganz großen. Letztlich ist es ein Stahlbad, das einen abhärtet.

Was für Handwerkszeug für das Leben bekommt man als Fußball-Schiedsrichter mit auf den Weg?

Sehr viel. Deshalb sage ich auch den Eltern: ,Schickt Eure Kinder mit 13, 14, 15 Jahren zum Fußball.‘ Es gibt keine bessere Lebenschule. Wo hast Du sonst die Chance, in diesem Alter Menschen zu führen. Man lernt Entscheidungen zu treffen und dafür gerade zu stehen, man lernt, mit Druck umzugehen, die Menschenkenntnis wird gefördert, hinzu kommt noch der Fitness-Aspekt. All das zusammen ist eine unglaubliche Lebensschule.

Eine Schiedsrichter-Reportage zu einem Neumarkter Stadtderby in der B-Klasse lesen Sie hier.

Im schlimmsten Fall werden aus Beschimpfungen gar Morddrohungen. Das ist Ihnen im Nachgang des Viertelfinal-Spiels England gegen Portugal bei der EM 2004 passiert, als Sie den vermeintlichen Siegtreffer der Engländer – zurecht – nicht gaben und Portugal schließlich weiterkam. Was hat die anschließende Hetzjagd, gerade englischer Medien, mit Ihnen damals gemacht?

Man kann natürlich sagen, was einen nicht umbringt, macht einen stärker – so war es auch bei mir. Das Schlimmste für mich war eigentlich, dass die Rückendeckung durch die UEFA nicht da war – obwohl ich ja richtig gelegen hatte. Das ist das Bitterste, wenn Du merkst, dass jene Organisation und jene Menschen, die in dieser Situation eigentlich für Dich da sein müssten, Dich im Regen stehen lassen. Aber im Nachhinein betrachtet, hatte das alles auch etwas Gutes.

Wirklich?

Ja, die Schweiz hat sich unheimlich mit mir solidarisiert, es gab unglaubliche Unterstützung für mich in der Öffentlichkeit. Letztlich ist durch die ganze Sache meine Popularität gestiegen. Ich war vier Tage lang auf der Titelseite der ,Sun’, David Beckham hat es nur auf drei Tage gebracht.

Mit ZDF-Moderator Johannes B. Kerner (M.), und Jürgen Klopp kommentierte er mehrere Welt- und Europameisterschaften. Foto: Gero Breloer dpa/lbn

Welcher Trainer oder Spieler hatte während Ihrer aktiven Zeit immer etwas zu meckern?

Vor allem das holländische Nationalteam, das war eigentlich immer so eine Motz-Mannschaft. Alles war nicht richtig, alles war nicht gut genug – es war mit ihnen immer schwierig.

Und wer hatte immer einen lockeren Spruch auf den Lippen?

Gianluigi Buffon ist so einer, der beim Aufwärmen im Kabinengang immer einen Spruch und ein Lächeln für uns Schiedsrichter hatte. Auch Arsenal London unter Arsene Wenger war im Umgang immer eine lockere Mannschaft.

Fehlt ihnen das Pfeifen als Schiedsrichter?

Nein. Ich habe vier Jahre lang mit mir gearbeitet und mich gefragt, wann der richtige Zeitpunkt ist. Ich war vorbereitet, deshalb vermisse ich es auch nicht. Wobei, vor knapp vier Jahren habe ich einen kleinen Rückfall gehabt.

Erzählen Sie.

Es war das Mailänder Derby zwischen Inter und dem AC Mailand. Als ich auf die Haupttribüne gegangen bin und mich so umgesehen habe, da habe ich schon gesagt: ,Geil!‘. Auch das Old Firm, das Derby zwischen Celtic Glasgow und den Rangers, das ich heuer im März gesehen und diese einzigartige Atmosphäre erlebt habe, hätte ich gerne noch als Schiedsrichter mitgenommen – der Celtic Park fehlt mir aber leider in meiner Karriere.

Das sagen MZ-Leser zum Umgang mit Schiedsrichtern in Neumarkt:

Weitere Artikel unserer MZ-Themenwoche „Fußball-Schiedsrichter“ finden Sie unter: www.mittelbayerische.de/region/neumarkt/schiedsrichter/

Weitere Sportmeldungen aus der Region: www.mittelbayerische.de/sport/regional/neumarkt/

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht