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Region Neumarkt
Mittwoch, 18. Oktober 2017 20° 2

Anbau

Vernichtung von Gurken stößt auf Kritik

Ein Video, auf dem ein Landwirt seine Ernte vergräbt, geht viral. In Neumarkt fallen die Reaktionen gemischt aus.
Von Johannes Heil

Minigurken werden in großen Mengen produziert. Foto: Weigel/dpa

Neumarkt.Bauer Franz Hagn hat die Schnauze gestrichen voll. Deshalb entschied er sich zu einem drastischen Schritt. Der Landwirt aus dem unterfränkischen Segnitz baut Minigurken an, die er an Lebensmittelhändler weiterverkauft. Doch dann im Mai erreichte ihn die Nachricht, dass Rewe und Co. Minigurken künftig nur noch in mit Plastikfolie abgepackter Form verkaufen werden – so behauptet es Landwirt Hagn. Bislang hätte er seine Ware in loser Form abliefern können. Durch die vermeintliche Umstellung werde er nun seine Ware nicht mehr los. Bis zu zwei Tonnen Gurken erntet er eigener Auskunft nach pro Tag. Seinen Schaden schätzt er auf rund 100 000 pro Tag.

Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, drehte der Landwirt gemeinsam mit einem fränkischen Online-Portal ein Video, auf dem zu sehen ist, wie er Unmengen an Gurken auf einem Feld verteilt und sie anschließend mit einem Traktor unterpflügt. „Schau dir das an, so eine Scheiße“, kommentiert eine Stimme aus dem Off. Das Video stieß auf Facebook auf große Resonanz, es ging viral. Über vier Millionen Aufrufe konnte es bislang verzeichnen. Auch wenn im Landkreis Neumarkt der Gurkenanbau nicht im ganz großen Stil betrieben wird, so schlägt das Video von Bauer Franz Hagn auch hier durchaus hohe Wellen.

Hier sehen Sie das Video:

Vernichtung ist hochproblematisch

Harald Gebhardt, Leiter des Amtes für Ernährung Landwirtschaft und Forsten Neumarkt (AELF) steht der Aktion des Bauern skeptisch gegenüber: „Das Vernichten von Lebensmitteln erachte ich immer als hochproblematisch“, sagt Gebhardt. Natürlich könne man durch ein solches Video eine breite öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Aber letztendlich dürfe das natürlich nicht die Lösung sein. „Auch beim Milchstreit war es sehr bedenklich, als die Milch auf die Äcker gekippt wurde.“

Gebhardt betont: „Natürlich ist es optimal, wenn regionale Produkte auch regional vermarktet werden. Es wäre schade, wenn Hemmnisse im Handel diese Kette stören würden.“ Aber Gebhardt verwendet hier bewusst den Konjunktiv. Denn die von Hagn attackierten Rewe und Edeka konterten dem unterfränkischen Landwirt sofort und stritten die Vorwürfe ihrerseits verärgert ab.

Hier finden Sie weitere Informationen zu dem Video des Bauern:

Reaktionen im Netz

  • Resonanz:

  • Auf Facebook wurde das Video über 100 000 mal geteilt. Es wurde produziert vom Onlineportal „Fränkische Illustrierte“. In der Kommentarleiste des Videos wurde kontrovers diskutiert.

  • Kritik:

  • „Wieso kann man die Gurken nicht am Straßenrand billiger verkaufen, anstatt sie zu vernichten?“, schreibt eine Frau. Ein anderer schreibt: „Warum gibt man es nicht der Tafel oder ähnlichen Institutionen?“

  • Zuspruch:

  • Eine Userin schreibt: „So eine Schweinerei, die ganze Welt ertrinkt in Plastik und die müssen ihre Gurken wegschmeißen, weil sie nicht richtig in Plastik verpackt sind! Ja wo leben wir denn???“

  • Verwunderung:

  • „Ich kann mir das nur so erklären, dass die Supermärkte die Erfahrung machen, dass sich verpacktes Gemüse besser verkaufen lässt. Was hätten sie sonst für einen Vorteil?“, wundert sich eine Nutzerin auf Facebook.

In einer Stellungnahme gegenüber dem BR hieß es seitens Rewe: „Wir können die Aktion des Erzeugers weder nachvollziehen noch gutheißen. Die Aussage des Landwirts, dass es eine Abnahme von Minigurken durch Rewe in 2017 geplant sei, ist schlichtweg falsch. Grundsätzlich vermarktet Rewe sowohl unverpackte Minigurken von lokalen/regionalen Erzeugern als auch Minigurken in der Pappschachtel mit einer Folie drum.“ Edeka ließ über einen Sprecher verlautbaren, dass Minigurken seit Jahren in beiden Formen – verpackt und lose – angeboten würden. An dieser Wahlmöglichkeit solle auch weiterhin festgehalten werden.

Pascal Nießlbeck betreibt in Neumarkt einen Gemüseladen und die Online-Plattform ruebenretter.de, auf der er Gemüse verkauft, das eigentlich einwandfrei ist, aber den Kriterien im Supermarkt nicht entspricht und somit aussortiert würde. Er schlägt sich ganz klar auf die Seite des Landwirts: „Es ist eine Schweinerei, was die großen Ketten teilweise mit den Gemüsebauern machen“, sagt Nießlbeck. Das vermeintliche Vorgehen der Lebensmittler erachtet er als „unmenschlich“: „Der Bauer muss davon leben, nun aber muss er seine gesamte Ernte vernichten“, sagt Nießlbeck. Aus Solidarität mit dem Bauern hat er das Video auf der Facebook-Seite von ruebenretter.de geteilt.

Grundsätzlich sei es unsinnig, so Nießlbeck weiter, Gurken in Folien einzuschweißen. „Die Gurken haben ja schon eine natürliche Schutzhülle, da macht es keinen Sinn sie auch noch in eine Plastikfolie einzuwickeln.“ Zumal man grundsätzlich ja eigentlich an Plastik sparen sollte.

Verständnis für Verzweiflungstat

Auch Dr. Josef Guttenberger, Vorstand der Kreisgruppe Neumarkt beim Bund Naturschutz zeigt Verständnis für den Landwirt: „Es war bestimmt eine Verzweiflungstat“, sagt er. „Umsonst schmeißt er bestimmt nicht seine Ernte weg.“ Für Guttenberger ist in dem Fall eine übergeordnete Thematik zu beobachten. „Es ist ein Unding, was bei uns alles verpackt wird“, sagt er. Für die Lebensmittel-Verkäufer sei das natürlich einfacher, da man so die Ware einfach nur noch in das Regal stellen müsse. Sinn mache das aber eigentlich keinen. „Wir haben ohnehin große Schwierigkeiten mit Plastikmüll. Diese Probleme fangen schon im Kleinen an.“ Guttenberger rät den Verbrauchern, immer zu nicht eingeschweißter Ware zu greifen. „Warum sollte eine Gurke schlechter schmecken, wenn sie nicht in Plastik eingeschweißt ist“, sagt er.

Dieser Ansicht ist auch Florian Märtl vom Neumarkter Biomarkt Dinkelähre. „Bei Gurken sind Plastikhüllen nur unnötiger Verpackungsmüll“, sagt er. Daher würden in seinem Geschäft ausschließlich lose Waren verkauft. Warum die Gurken dennoch verpackt werden, erklärt er sich so: „Ich denke, dass sie so steriler und geschützter erscheinen.“ Dass Bauer Hagn seine Ernte wieder aufs Feld hinausfährt, findet er zwar nicht gut, sagt aber: „Das sind die unschönen Nebeneffekte des Großhandels.“

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