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Dienstag, 17. Oktober 2017 21° 3

Ausländerhass

Was nie mehr passieren darf

Eine Veranstaltungsreihe erinnert in Nürnberg an die Reichspogromnacht vor 75 Jahren und zeigt, dass Ausländerfeindlichkeit heute ein Problem ist.

Nürnberg.Bei der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland und dem bereits besetzten Österreich Synagogen in Brand gesetzt, Geschäfte verwüstet und Juden angegriffen und in Konzentrationslager verschleppt. Verschiedene Gruppen und Institutionen laden in Nürnberg zu Gedenkveranstaltungen ein und zeigen, dass noch längst nicht alle aus der Geschichte gelernt haben.

Lesung mit Johannes Seebauer

Mit der Lesung „Flammen, Ruinen, Blut und Tränen...“ und einer kleinen Ausstellung erinnert das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände an die Pogromnacht vor 75 Jahren in Nürnberg. Der Nürnberger Schauspieler Hannes Seebauer trägt dazu am Samstag um 18.30 Uhr im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Bayernstraße 110, Berichte über die Ereignisse des 9. November 1938 vor. Der Eintritt für Lesung und Ausstellung ist frei. Eine Platzreservierung unter Telefon (09 11) 2 31-56 66 wird empfohlen. In der Nacht zum 10. November 1938 brandschatzte die SA die Synagoge in der Nürnberger Essenweinstraße. Bewaffnet zogen SA-Horden durch die Stadt, zerstörten und plünderten die Wohnungen und Geschäfte der jüdischen Bevölkerung. 160 Personen wurden in das Polizeigefängnis getrieben. Zeitzeugenberichte und Protokolle aus Ermittlungsakten der Nachkriegszeit – gelesen von Schauspieler Hannes Seebauer, in den historischen Kontext eingeordnet durch Dr. Alexander Schmidt vom Dokumentationszentrum – zeichnen an diesem Abend ein Bild der schrecklichen Ereignisse in jener Nacht vor 75 Jahren. Begleitend dazu zeigt bis Ende Januar eine kleine Ausstellung unter dem Titel „Der 9. November 1938 – Pogromaktionen in Bayern“ im Foyer des Dokumentationszentrums Fotografien aus acht bayerischen Städten, ergänzt durch Berichte zu jener Nacht.

Goldene Koffer erinnern an Deportierte

Bereits am Donnerstag blicken Studierende mit einer Kunstaktion auf die Reichspogromnacht zurück. Golden lackierte Koffer, die mit Glasscherben gefüllt sind, werden von 10 bis 14 Uhr an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität in der Langen Gasse 20 in Nürnberg stehen. Wie die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) und die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) mitteilten, seien die Koffer in Erinnerung an aus Nürnberg deportierte Juden mit Namenskärtchen versehen. Die Nürnberger Künstlerin Somayeh Farzaneh hat die Aktion gestaltet. Die Kunstaktion sei auch ein Gedenken für Opfer rechter Gewalt in der Gegenwart, sagten die Verantwortlichen Monika Tremel (KHG) und Kerstin Voges (ESG). „Wir müssen uns bewusst sein, dass Freiheit und Menschenwürde nicht von sich aus vorhanden sind, sondern immer durch eine demokratische und offene Gesellschaft geschaffen und gesichert werden.“ In den Vorlesungspausen (11.10 bis 11.30 Uhr und 13 bis 13.15 Uhr) finden an der Fakultät in verschiedenen Gängen Lesungen aus Texten von Autoren statt, die von den Nationalsozialisten verfemt waren.

Ausstellung über die Opfer der NSU

Die Opfer und die Verbrechen der Terrorgruppe NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) sind Thema einer Ausstellung. Auf 22 Tafeln wird ist sie ab Freitag im DGB-Haus am Kornmarkt 5-7 (siebter Stock) zu sehen. Die Ausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ setzt sich mit den Anschlägen der NSU in den Jahren 2000 bis 2007 auseinander. In einem ersten Teil werden die Biografien der Ermordeten dargestellt. Zu Wort kommen auch Angehörige der Mordopfer. Der zweite Teil beleuchte die Neonaziszene der 1990er Jahre und die Unterstützung neonazistischer Kreise für den NSU. Die als Wanderausstellung konzipierte Schau ist bis zum 22. November in Nürnberg zu sehen und kann dann ausgeliehen werden. Geöffnet ist sie montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr, Freitag von 8 bis 15 Uhr. Führungen sind auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Zur Ausstellung ist ein 60-seitiger Begleitband erschienen.

Zeitzeuge Dr. Mannheimer spricht im DGB-Haus

Im DGB-Haus am Kornmarkt 5-7 spricht am Samstag um 15 Uhr bei einer Gedenkveranstaltung der Zeitzeugen und Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Dr. Max Mannheimer. Fast die ganze Familie Mannheimers wurde in Ausschwitz ermordet. Er selbst überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz und Dachau. Sein Engagement als Zeitzeuge und seine Kunst sind Teil der persönlichen Auseinandersetzung mit der eigenen schmerzhaften Vergangenheit.

Gedenkweg und Theater in der Jugendkirche

Mehrere evangelische und katholische Jugendgruppen veranstalten am 9. November ab 18 Uhr einen Gedenkweg. Zusätzlich wird am 8. und 9. November in der Jungen Kirche LUX jeweils um 20 Uhr das Theaterstück „Sophie Scholl. Widerstand des Gewissens... um des Lebens willen“ gespielt. Stationen des Nürnberger Gedenkwegs sind die Straße der Menschenrechte, die Gedenktafeln für die zerstörten Nürnberger Synagogen und das Mahnmal für die Opfer der Terrorgruppe NSU sein, wo die Jugendlichen an Passanten Tee ausgeben. Sie erinnern damit an den vom NSU ermordeten Nürnberger Kioskbetreiber Ismail Yasar, der an einer Schule an kalten Tagen kostenlos Tee ausschenkte. „Wir wollen deutlich machen, dass wir heute gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Zivilcourage zeigen können“, sagte der katholische Stadtjugendseelsorger Ralph Saffer. An der Lorenzkirche wird der evangelische Stadtdekan Jürgen Körnlein an den ehemaligen Pfarrer der Lorenzkirche, Julius Schieder, erinnern, der 1938 aus Protest während der Reichspogromnacht im Gottesdienst die zehn Gebote verlesen hatte und dann die Kirche verließ.

Die Zehn Gebote

In zahlreichen Gottesdiensten in Nürnberg werden am Sonntag die Zehn Gebote verlesen. Damit wird an den stillen Protest der Nürnberger evangelischen Kirche gegen die Verbrechen der Reichpogromnacht vor 75 Jahren erinnert. Der Nürnberger Kreisdekan Julius Schieder hatte nach den Zerstörungen und Gewalttaten gegen die Juden am 9. November 1938 den Nürnberger Pfarrern geraten, am darauffolgenden Sonntag ein Zeichen zu setzen und die Zehn Gebote zu verlesen. Die Weisungen der Zehn Gebote würden jüdischen und christlichen Glauben miteinander verbinden. Ursprünglich dem Volk Israel übergeben, gehörten sie zu den „Basics“ christlicher Ethik. Im Gottesdienst in der Lorenzkirche zum Beispiel wird Regionalbischof Stefan Ark Nitsche im Dialog mit Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein die Predigt halten. Auch im Fernsehgottesdienst des Bayerischen Rundfunks aus der Nürnberger Reformationsgedächtniskirche werden die Zehn Gebote verlesen. (epd/mz)

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