Das Lesen im „Buch der Bücher“ sowie das Stöbern in Fachliteratur über Baustilkunst gehört für Philipp fast zum Tagesprogramm.
NEUMARKT. Er erfüllt Klischees, die man gern verwendet, um einen „typischen Bücherwurm“ zu umschreiben, in keiner Weise. Er ist weder introvertiert, noch schüchtern. Er verkriecht sich nicht in stille Ecken, um seiner Leidenschaft zu frönen, sondern ist nett, pfiffig, überaus höflich und aufgeschlossen. Man darf ruhigen Gewissens behaupten, dass Philipp Endres andere, vollkommen klar definierte Lebensziele als die meisten Jungen in seinem Alter verfolgt.
Im Dasein des zwölfjährigen Gymnasiasten spielt die Kirche die zentrale Rolle – „die katholische Kirche“, wie er sogleich artig aber bestimmt interveniert. Die Frage nach dem Berufswunsch erübrigt sich im Vorfeld. Dass der Bub nichts anderes als Pfarrer werden will, steht felsenfest. Bis jetzt gehört er der gut 130-köpfigen Ministranten-Schar der Hofkirche an. Monsignore Richard Distler hat sich längst daran gewöhnt, von Philipp bei jeder Gelegenheit mit klerikalen Fragen gelöchert zu werden.
Besonders fasziniert ist der Junge vom ganzen „Drumherum“ im Leben katholischer Christen. Von den fest verankerten, jahrtausendealten Riten und Zeremonien. Vom goldenen Glanz rund um die Altäre, von den edlen Priester-Gewändern, den Fresken und Gemälden, von kunstfertig geschnitzten Heiligen-Figuren sowie von der weihrauch-geschwängerten Atmosphäre bei festlichen Messen.
Gotteshäuser üben eine magische Faszination auf den aufgeweckten Burschen aus. In seinem Zimmer stapeln sich literarische Werke und Bildbände über Kirchen, Kathedralen und Dome. Fachbücher definieren Details der unterschiedlichen Baustile vom Barock über die Romanik und Renaissance bis zur Gotik. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, ist der Schüler in meist monumentalen, dem Herrn geweihten Bauwerken zu finden. Nicht immer ganz einfach für die lieben Eltern. „Neulich waren wir auf der Zugspitze“, erzählt Vater Norbert Endres. „Meine Frau und ich waren sehr angetan vom großartigen Panorama – beim Sohnemann hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Bis er drunten im Tal eine besondere Kirche entdeckte, die er noch nicht kannte. Damit war die Zeit auf Deutschlands höchstem Berg abgelaufen. Für uns ging es bergab, für Philipp sozusagen bergauf“.
Die große Taufkerze, die er in der Hand hält, hat ihm ein Pfarrer geschenkt. Rechts im Bild ist der „Altar“ zu sehen, den sich der Bub selbst gebaut hat.
Nun verhält es sich bei weitem nicht so, dass der Bub kurz mal um das Gebäude herum und dann für fünf Minuten hinein geht. „Das dauert immer Stunden“, seufzt Mama Tina. Die Familie Endres hat aus der, nun ja, „Not“, eine Tugend gemacht. Fährt zum Beispiel nach Nürnberg zum Einkaufen und setzt das Kind an der Lorenz- oder Sebalduskirche aus. Während andere Eltern sich mit nach Computerspielen plärrendem Nachwuchs herumplagen müssen, können Vater und Mutter in aller Seelenruhe bummeln, hier oder da noch ein Tässchen Kaffee trinken und dann völlig entspannt zum Ausgangspunkt ihrer Expedition zurück kehren. Ihren Philipp müssen sie garantiert trotzdem noch aus der Kirche locken.
Er kenne die sakralen Bauwerke doch schon in- und auswendig, was lockt ihn dennoch immer wieder an? Der Reporter ist etwas verwirrt. „Ich schau mir halt Details an. Ganz genau sogar. Ich entdecke immer wieder was Neues und fotografiere es mit meinem Handy. Das wird mir nie langweilig“. Aha. Selbstverständlich ist Philipp aber nicht bei jedem Nürnberg-Besuch in Kirchen anzutreffen!
Es gibt ja schließlich auch noch das Germanische Nationalmuseum! Ganz klar ein Favorit bei Teenagern, oder? Der Spitzbub versteht den Seitenhieb sofort, geht nonchalant über die zugegeben etwas plumpe Anspielung hinweg. „Malerei und Bildhauerei gehören für mich halt einfach dazu. Besonders begeistert bin ich von den Werken von Veit Stoß und Tilman Riemenschneider“. Das Personal im Museum kennt den Knaben aus der Oberpfalz längst als Stammgast und ehrt ihn mit besonders liebenswürdiger, zuvorkommender Behandlung.
Letzter Versuch des greisen Autors, einen ausgeschlafenen Zwölfjährigen zu überlisten: „Aber nach Besuchen von Kirchen und Museen geht´s doch bestimmt raus in die Natur – Fußballspielen vielleicht?“ Genial daneben. Denn Philipp liebt zwar den Aufenthalt an der frischen Luft, widmet sich dabei aber einem ebenfalls etwas exotischem Hobby: der Archäologie.
Philipp Endres mit den „Schätzen“ die er bei seinen Ausgrabungen gefunden und soweit wie möglich rekonstruiert hat.
Irgendwo unterhalb der Mariahilfkirche auf dem Höhenberg hat er eine ehemalige Einsiedler-Klause entdeckt und schon viele, für ihn sehr interessante Gegenstände ausgegraben. Teile von Tongefäßen oder eiserne Türbeschläge etwa. Daheim versucht er, zusammenzukleben, was zusammengehört. Und ist sehr erfolgreich dabei. Ein richtiger Archäologe braucht Werkzeug, ein echter Papa hat genügend davon, das man sich ausleihen kann (aber möglichst nicht erst nach Tagen wieder mit nach Hause bringen sollte). Da hapert es beim Philipp ein bissel und so kommt es, dass Norbert Endres bei Gartenarbeiten des Öfteren mit hochrotem Kopf ganz leise flucht, damit es der Sohnemann nicht hört und ihn maßregelt.
Meistens darf der Bub auch Fachvorträge besuchen oder Stadtführungen mitmachen. Veranstaltet vom Historischen Verein übrigens, dem Philipp Endres seit einem Jahr angehört. Fassen wir also zusammen: Alter: Zwölf Jahre. Berufswunsch: Pfarrer. Hobbys: Baustilkunst, Malerei, Bildhauerei, Archäologie und „Geschichte insgesamt“. Aber irgendwann in früher Kindheit hat es doch garantiert eine Zeit gegeben, in der der Junge ganz normal mit Bauklötzen oder Playmobil spielte? „Freilich“, grinst Philipp. „Das war, als ich mich noch für alles interessiert habe, das mit Ägypten zu tun hat. Ich habe sogar eine Pyramide von Playmobil gehabt“.