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Samstag, 20. Januar 2018 10

Technik

Die „Männlein“ laufen seit 500 Jahren

Das Hochbauamt der Stadt Nürnberg gewährt Einblicke in die berühmte Uhr an der Frauenkirche. Ein Tipp nicht nur Technikfreaks.
Von Nürnberg-Korrespondent Nikolas Pelke

Die Figuren symbolisieren Kurfürsten, die dem Kaiser huldigen. Sie drehen sich nach dem Mittagsläuten einmal im Kreis. Foto: pelke

NÜRNBERG.Jeden Tag das gleiche Schauspiel: Unten staunen die Touristen. Oben laufen die Männlein. Pünktlich um 12.01 Uhr huldigen die Kurfürsten dem Kaiser im Glockenspiel der Frauenkirche. Was die Touristen auf dem Hauptmarkt während der vierminütigen Show nicht zu sehen bekommen, ist das spektakuläre Uhrwerk im Inneren des Kirchturms.

Die Stadt will nun den Vorhang zu dem verborgenen Schauspiel lüften. Regelmäßige Führungen zu der Turmuhr soll es für Besucher zwar nicht geben. Aber immerhin wird das Glockenspiel mit einer Broschüre ins rechte Licht gerückt, die besonders Historiker und Technikfreaks begeistern dürfte – aber nicht nur sie.

Empore ist zu klein für Besucher

„Wir haben immer wieder Anfragen von Uhrenfreunden bekommen. Doch für Führungen ist die Empore nicht geeignet. Die Platzverhältnisse sind einfach zu beengt“, erklärt Stephan Fink vom städtischen Hochbauamt, das sich um den Erhalt der Turmuhr kümmert. Weil die Stadt den „Uhrenschatz“ im Turm der Frauenkirche nicht länger geheim halten wolle, habe man sich dazu entschlossen, das imposante Meisterwerk der Uhrmacherkunst mit einer detailreichen Broschüre zu würdigen. „Im Jahr 1885 hat der damalige Pfarrer die Kunstuhr mit dem Männleinlaufen der Stadt geschenkt“, sagt Fink, der mit seinem Team die Turmuhr am Laufen hält. Die Uhr sei freilich noch viel älter.

Das Uhrwerk ist hoch kompliziert. Foto: Pelke

Zwischen 1506 und 1509 wurde das komplizierte Uhrwerk von Johann Georg Heuß errichtet. Seitdem öffnen sich jeden Tag die Türen im westlichen Giebel der Frauenkirche nach dem Mittagsläuten der Kirchenglocken. Nach dem Vorspiel der Posaunenbläser, Trommler und Pfeifer ziehen seit über 500 Jahren die sieben Kurfürsten an Kaiser Karl IV. vorbei. Die Nürnberger Uhrenmacher-Legende, Ludwig Riedl, habe sich der Turmuhr nach dem Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Frauenkirche in den 50er Jahren mit viel Liebe, Herz und Verstand angenommen. Der Erhalt des Männleinlaufens sollte die Krönung seines Lebenswerkes werden.

Das Kunstwerk war in Gefahr

Die von Riedl erdachten, imposanten Zahnräder treiben die bunten Figuren hinter der Fassade des Gotteshauses noch heute an. Wie von Geisterhand schicken Stangen und Rädchen die berühmten Männlein auf die tägliche Rundreise, um dem Kaiser auf der Empore der Frauenkirche in mechanischen Gesten ihre Anerkennung und Unterwerfung kundzutun.

Im 19. Jahrhundert war der Erhalt der Turmuhr ernsthaft in Gefahr. Die Zeiger der Zeit standen schlecht für den Fortbestand des Männleinlaufens. Epochale Ereignisse wie die Säkularisation und die Eingliederung Nürnbergs in das bayerische Königreich warfen ihren düsteren Schatten auf den Erhalt des kostspieligen Uhrwerks.

Klaus Looshorn kümmert sich um das mechanische Uhrenwerk. Foto: Pelke

„Umso größer erscheint angesichts dieser verfahrenen Ausgangssituation die Leistung des damals 24-jährigen Ludwig Riedl, als er 1904 eine völlige Neukonstruktion des gesamten Werks wagte und damit ein exzellentes und seiner Aufgabe in jeder Beziehung gewachsenes Arbeitsergebnis ablieferte“, schreiben die Autoren der Broschüre. Nach dem Krieg erwies sich Riedl erneut als Retter. „Absolut zuverlässig“ laufe das Uhrenwerk von Ludwig Riedl noch heute, freut sich Stephan Fink und steigt die Treppen hinauf in die Herzkammer des Glockenspiels.

Sandkisten für den Notfall

Verwirrend viele Seilzüge und Zahnräder sorgen für den präzisen Ablauf der Show. Gewichte von insgesamt rund 850 Kilogramm hängen an den Seilen, um die mannshohen Kurfürsten auf die kurze Ehrenrunde über den Hauptmarkt zu schicken. Allein der Antrieb für den Umzug der Fürsten benötige ein Gewicht von weit über 50 Kilogramm, erklärt der Technische Oberrat aus dem Hochbauamt.

Selbst an Vorsichtsmaßnahmen habe Ludwig Riedl gedacht, schwärmt Stephan Fink. Um Schäden bei einem plötzlichen Seilriss durch herabsausende Gewichte zu vermeiden, stünden massive Sandkisten für den Notfall bereit. Nach Meinung von Experten könnte die Turmuhr wohl noch in den nächsten 100 Jahren ohne Probleme ihren Dienst verrichten.

Unten auf dem Hauptmarkt warten derweil die Touristen auf den Beginn des täglichen Schauspiels. Nach den Glockenschlägen und dem Vorgeplänkel drehen die Männlein ihre Runden. Mit rasselndem Getöse wird das horizontale Zahnrad, welches starr mit dem eisernen Reif und den darauf befestigten Kurfürsten verbunden ist, über eine feste Welle und eine 90-Grad-Umlenkung angetrieben.

Über Seilzüge werden zwei Schlagmänner aktiviert, die abwechselnd während des gesamten Umzugs der Kurfürsten ihre Schlagglocken läuten. Nach dem märchenhaften Schauspiel schließen sich wieder die Türen im Kirchturm der Frauenglocke.

Die Touristen indessen strahlen, verstauen wieder ihre Fotoapparate und machen sich auf zur nächsten Touristenattraktion. Bis am nächsten Tag die Funkuhr in der Frauenkirche pünktlich um 12.01 Uhr die Männlein wieder auf ihre spektakuläre Reise schickt.

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