mz_logo

Gemeinden
Montag, 25. September 2017 17° 3

Politik

Kein OB-Kandidat trotz Schulz-Euphorie

Im Bund hofft die SPD, das Kanzleramt erobern zu können. In Neumarkt treten die Genossen erst gar nicht im Kampf um das Rathaus an.
von Wolfgang Endlein

Das Parteibuch der SPD erfreut sich in jüngster Zeit vor allem bei jüngeren Menschen wieder steigender Beliebtheit. Foto: Michael Kappeler

Neumarkt. Die SPD hat mehrere Gesichter: Auf der einen Seite ist die SPD im Bund derzeit in aller Munde. Wie groß der Grad der Euphorie um den Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten, Martin Schulz, inzwischen ist, lässt sich nicht zuletzt an den zunehmend nervösen Reaktionen der politischen Konkurrenz ablesen. Auf der anderen Seite ist da die SPD in Neumarkt, die erstmals keinen Kandidaten ins Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters schickt (wir berichteten). Es ist ein Novum, das so gar nicht zum Gefühl des Aufwinds bei den Genossen passen will.

Kanzlerkandidat Martin Schulz hat die SPD in den vergangenen Wochen in einen euphorischen Zustand versetzt. Foto: Markus Scholz/dpa

„Die Entscheidung ist schon gefallen, als es den Schulz-Effekt noch gar nicht gab“, sagt Gertrud Heßlinger. Es sei nach wie vor die richtige Entscheidung, ist die zweite Bürgermeisterin überzeugt. Die Frage, ob sich die Neumarkter SPD damit Chancen verbauen oder gar sich schlecht in der Öffentlichkeit darstellen könnte, beantwortet die SPD-Stadträtin mit einem klaren Nein. Die getroffene Entscheidung sei zudem nichts Ungewöhnliches. Auch andere Parteien hätten bei diversen Wahlen schon auf eigene Kandidaten verzichtet.

„Hat einen blöden Beigeschmack“

SPD-Urgestein Karl-Heinz Brandenburger – er sitzt seit 1984 für die Partei im Neumarkter Stadtrat – ist hinsichtlich der getroffenen Entscheidung zwiegespalten, wie er sagt. „Einerseits hat es einen blöden Beigeschmack, dass wir niemanden aufstellen, andererseits ist der Aufwand einfach zu groß.“ Plakate, Faltblätter und sonstige Werbeartikel: Auf Minimum 14 000 bis 15 000 Euro beziffert Brandenburger die Kosten für einen OB-Wahlkampf, die der Ortsverein selbst tragen müsste. Auch der SPD-Ortsvorsitzende Johannes Foitzik spricht von einem niedrigen fünfstelligen Betrag, den ein solcher Wahlkampf den Ortsverband kosten würde.

Wie es die anderen Parteien im Stadtrat mit einem eigenen OB-Kandidaten halten, erklärt das Infostück:

Wer kandidiert noch?

  • Die Grünen:

    Laut Grünen-Chef Thomas Leykam werden sich die Neumarkter Grünen im März entscheiden, ob sie einen Kandidaten für das Rennen um das Neumarkter Rathaus aufstellen werden und wer dies im Fall der Fälle sein soll.

  • FLitZ:

    Die Freie Liste Zukunft macht sich indes noch keinen Druck hinsichtlich einer Entscheidung. Wie Stadtrat Dieter Ries unserer Zeitung sagte, gebe es noch keinen genauen Termin für eine Entscheidung.

  • FDP:

    Die Liberalen haben schon seit Längerem angekündigt, keinen OB-Kandidaten aufzustellen, was sie zuletzt auch nicht getan haben.

  • CSU:

    Richard Graf wird es werden, das ist bei der CSU ausgemacht. Offiziell benannt werden soll er Ende März.

  • UPW:

    Dass Thomas Thumann wieder antritt, ist eine ausgemachte Sache innerhalb der UPW. Wie auch bei der CSU ist die Nominierung eine Formsache. Und noch eine Parallele: Die Nominierung soll Ende März stattfinden.

Was eine erhebliche Summe für einen Ortsverband wie den Neumarkter sei, wie Brandenburger und die anderen Genossen sagen. Spenden spielten nämlich kaum eine Rolle, sagt Foitzik. Der Ortsverband finanziere sich vor allem durch Gelder der Mandatsträger, die diese an den Verband abführten, und durch die Mitgliedsbeiträge. Wobei der Neumarkter Ortsverband mit seinen 120 Mitgliedern bislang vom Schulz-Effekt, der bundesweit viele Neumitglieder nach sich zieht, noch nicht profitiere, wie Foitzik sagt. „Das betrifft in der Oberpfalz vor allem Hochschulstandorte wie Regensburg, Weiden oder Amberg.“ 60 neue, meist junge Mitglieder seien in der Oberpfalz jüngst der Partei beigetreten.

Neumarkts SPD-Chef Johannes Foitzik (l.) hofft, dass der Aufwind durch Kanzlerkandidat Martin Schulz in der Partei auch weiter anhält. Foto: Regnet

Der finanzielle Aufwand ist dabei die eine Seite, die die Sozialdemokraten bei ihrer Entscheidung erwogen haben, die andere ist der persönliche Einsatz, den ein Kandidat leisten muss. Heßlinger fasst es so zusammen: „Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag“.

Was die Neumarkter Genossen zu Martin Schulz sagen, erfahren Sie in diesem Artikel.

Heßlinger weiß, wovon sie spricht. 2008 kandidierte sie für die SPD um den Chefsessel im Rathaus. Neben dem Beruf viele Termine absolvieren, sich auf diese vorbereiten, bis in die Nacht hinein am Computer Fragen von Bürgern sachkundig beantworten, das koste Zeit und Kraft. Heßlingers Fazit ihrer Kandidatur fällt ernüchternd aus: „Es war ein niederschmetterndes Ergebnis“.

Mitnahmeeffekt bleibt diesmal aus

„Keiner der OB-Kandidaten der vergangenen Jahrzehnte war mit seinem Ergebnis zufrieden“, sagt Johannes Foitzik. Heßlinger erreichte bei der vergangenen OB-Wahl 6,19 Prozent der Stimmen. 4,55 Prozent waren es 2005 für Ursula Plankermann. Die wohl auch diesmal prognostizierbare Chancenlosigkeit der SPD im Rennen um das OB-Amt in Neumarkt machte die Entscheidung für die Genossen wohl auch leichter. Noch dazu, weil auch diesmal wieder OB- und Stadtratswahl getrennt sind. Ein sogenannter „Mitnahmeeffekt“, bei dem ein eigener OB-Kandidat Stimmen für die Stadträte generieren könnte, ist somit ausgeschlossen. „Die Vernunft hat gesiegt“, fasst Foitzik die Entscheidung zusammen.

Die MZ hat mit den Parteien über die möglichen Themen im anstehenden OB-Wahlkampf gesprochen. Hier geht es zum Artikel.

Auch, weil es mit dem Bundestagswahlkampf einen zweiten Wahlkampf zu schlagen gilt, bei dem sich die Genossen mehr Aussichten ausrechnen als bei der OB-Wahl. Johannes Foitzik soll im Sog des Schulz’schen Aufwinds ein gutes Ergebnis einfahren.

SPD-Urgestein Karl-Heinz Brandenburger hat jedenfalls nach schwierigen Jahren für die SPD Kampfeswille in sich wiederentdeckt, wie er sagt. „Vor einigen Monaten hätte ich das nicht geglaubt: Aber sogar ich alter Hund habe wieder richtig Lust, die Ärmel hochzukrempeln, rauszugehen, zu plakatieren und alles andere, was eben zu einem Wahlkampf dazugehört“.

Und mit einem guten Bundestagswahlkampf und -ergebnis, das sagen die Neumarkter Genossen, wolle man in drei Jahren bei der Stadtratswahl auch wieder groß auf lokaler Ebene angreifen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht