mz_logo

Gemeinden
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Die letzten Spuren jüdischen Lebens

Die Restaurierung des Schreiberhauses in Neumarkt förderte unter Schutt und Lehm Vergessenes zutage: ein jüdisches Ritualbad.
Von Heike Thissen

  • Rudi Bayerl kniet neben dem kleinen Fenster am Schreiberhaus in Neumarkt. Was für ein besonderer Raum sich dahinter verbirgt, war vier Jahrhunderte lang ein Geheimnis. Foto: Heike Thissen
  • Eine Treppe führte hinunter ins so genannte „lebendige Wasser“, das aus fließendem Grundwasser bestand. Früher befand sich dort die Mikwe. Foto: Heike Thissen

Neumarkt.Für andere ist es nur ein kleines, vergittertes Fenster in der rechten Außenwand des Neumarkter Schreiberhauses. Doch für den Vorsitzenden des Historischen Vereins, Rudi Bayerl, ist es ein wichtiges Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen des Gebäudes. Seit dem 15. Jahrhundert gibt es diese Öffnung in der Wand, und dass sie so wichtig ist, hängt mit dem zusammen, was sich hinter ihr befindet: eine Mikwe – ein jüdisches Ritualbad – und mit ihr eines der letzten Relikte der jüdischen Bevölkerung Neumarkts. „Wir wussten nichts von dieser Mikwe, bis wir damit begannen, das Haus zu restaurieren“, sagt Bayerl.

Geheimnisvolle Treppe ins Nichts

2006 hätten die Handwerker festgestellt, dass in einem Kellerraum des ältesten Bürgerhauses der Stadt eine geheimnisvolle Treppe offenbar ins Nichts führte. „Der Raum war zugeschüttet, sodass man davon all die Jahre zuvor nichts gesehen hatte“, erinnert sich Bayerl. Die Handwerker gruben weiter, legten schließlich eine ganze Treppe frei und an ihrem Ende ein Becken, in dem Grundwasser stand. „Und auf einmal passte alles zusammen: das geöffnete Fenster, die Nischen in der Wand und die Stufen, die hinab ins Tauchbecken führten.“

All die Elemente, die im Schreiberhaus nach und nach ans Tageslicht kamen, sind typisch für ein rituelles Tauchbad der Juden. Das Fenster sorgte für frische Luft, die in dem kleinen, feuchten Raum nicht fehlen durfte. In den Nischen legten die Gläubigen ihre Kleider ab. Und über die Stufen stiegen sie hinab ins Becken, das mit so genanntem „lebendigem Wasser“ gefüllt war, also mit fließendem Grundwasser. „Menschen jüdischen Glaubens nutzen die Mikwe nicht, um sich körperlich zu reinigen, sondern rituell“, erklärt Bayerl. Mikwen wurden und werden häufig von Frauen benutzt, nachdem sie ein Kind geboren haben, aber auch nach der Menstruation oder am Vorabend der Hochzeit.

Auch Männer tauchen im Wasser unter, um sich vor dem Beginn des Schabbats oder vor Feiertagen zu reinigen. Dabei darf nichts den Körper vom Wasser trennen: kein Lippenstift, kein Make-up, kein Ehering, keine Kontaktlinse und erst recht keine Kleidung. Für jüdische Frauen ist das Untertauchen in der Mikwe religiöse Pflicht, für Männer ist es nicht vorgeschrieben.

„Wir wissen viel über die Mikwe und ihre Bedeutung für den jüdischen Glauben, aber wir wissen nichts über die Menschen, die das Tauchbecken im Schreiberhaus eingebaut haben“, bedauert Bayerl. Er kann lediglich mutmaßen. „Wir haben die Balken im Haus untersuchen lassen und dabei herausgefunden, dass es um das Jahr 1430 erbaut worden sein muss“, sagt der Kreisheimatpfleger. Über den Erbauer dieses ältesten Bürgerhauses der Stadt sei jedoch nichts bekannt.

Ob er Jude war? Vermutlich eher nicht. „Wir gehen davon aus, dass es ein Kaufmann von außerhalb war, der innerhalb der Stadtmauer in dritter Reihe hinter der Marktstraße das Haus gebaut hat. Das muss in der mittelalterlichen Stadt ein herausragendes Bauwerk gewesen sein – im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Bayerl.

Private Mikwen hatten nur Reiche

Vielleicht war der Erbauer ein Mehl- oder Getreidehändler. Dass diese in den Jahrzehnten danach im Schreiberhaus lebten und arbeiteten, ist überliefert. „Ich gehe davon aus, dass einer von ihnen das Haus an einen jüdischen Kaufmann verkauft hat“, sagt Bayerl. Es müsse einem reichen jüdischen Bürger gehört haben, schreibt Hans Georg Hirn in seinem Buch über die Neumarkter Juden. Nur die hätten es sich leisten können, in ihren Häusern eine private Mikwe einzubauen.

„Die Zeitspanne, in der die Mikwe in Benutzung gewesen sein kann, ist relativ kurz. Das Haus wurde nach 1430 erbaut, doch erst ab 1449 wissen wir von vier jüdischen Familien in der Stadt, die sich nach einer Vertreibung 1391 hier angesiedelt haben. Und ab 1555 wurden die Juden wieder aus den pfalzgräflichen Gebieten vertrieben. Es bleiben also nur knapp 100 Jahre, in denen die Mikwe in Gebrauch gewesen sein kann“, rechnet Bayerl nach. Für mehr als 300 Jahre waren die Juden aus der Stadt verbannt, die Mikwe stand also unbenutzt im Keller des Schreiberhauses.

Spätestens 1610 wurde sie zugeschüttet, stellte der Restaurator bei seinen Untersuchungen fest. „Das war vom nachfolgenden Besitzer vermutlich gar nicht böse gemeint. Er konnte nur mit der Treppe, die in den Boden führt, nichts anfangen“, sagt Bayerl. Fast 400 Jahre lang lag die Mikwe unberührt und unentdeckt verschüttet unter Lehm und Schutt. Inzwischen gehört sie zu den letzten Spuren jüdischen Lebens in der Stadt.

Weitere Teile unserer Serie „Geheimnisse der Oberpfalz“ finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht