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Samstag, 16. Dezember 2017 10

Geschichte

Ein Zeitzeuge erzählt von seiner Flucht

Siegfried Heilig überlebte die Nazi-Zeit. Neumarkter Knabenrealschülern berichtete er, wie schlecht es ihm damals ging.
Von Bernhard Neumayer

Zeitzeuge Siegfried Heilig erzählte von seinen Erlebnissen. Foto: Neumayer

Neumarkt.Der 82-Jährige kämpft mit den Tränen, mit schwacher Stimme versucht er weiterzureden. Für einen kurzen Moment muss er mit seinem Vortrag aber pausieren. „Ich kann nicht mehr“, sagt er ganz leise und wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht.

Es ist Siegfried Heilig deutlich anzumerken, wie schwer es ihm fällt, über seine Vergangenheit zu reden. Doch es ist ihm wichtig. Er und seine Familie gehören den Sinti und Roma an, einem Volk, das in der Nazi-Zeit verfolgt wurde und vernichtet werden sollte. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, spricht er regelmäßig vor Schülern.

Die Zehntklässler der Knabenrealschule hörten sich im Landratsamt den Vortrag an. Foto: Neumayer

Am Dienstag sprach er zusammen mit Moderatorin Birgit Mair vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung in Nürnberg im Landratsamt zu knapp 200 Zehntklässlern der Knabenrealschule Neumarkt. „Ich wünsche das keinem Menschen, was ich als kleines Kind mitgemacht habe“, sagt Heilig.

In der Schule wurde er gehänselt

In der Schule habe es mit Hänseleien und Schlägen angefangen. Beispielsweise wurde sein Pausenbrot – eine Scheibe Brot mit Zucker – in den Sand geschmissen. Die Lehrer unternahmen nichts. „Wir hatten keinerlei Rechte in der Schule“, sagt Heilig, der nach nur einem Jahr nicht mehr zur Schule gehen durfte und deshalb auch keinen Schulabschluss hat.

Denn ab März 1943 war die Gestapo hinter dem gebürtigen Magdeburger und seiner Familie her. Auf einem Platz mit vielen Wohnwagen wollte die Geheime Staatspolizei alle Sinti einsammeln und nach Auschwitz transportieren. Auch an dem Wohnwagen, in dem Heilig und sein Vater lebten, klopften sie an. Doch sie ignorierten das Klopfen und öffneten die Türe nicht.

Heiligs Großmutter kam daraufhin aus ihrem Wohnwagen und erzählte der Gestapo, dass es nur ein Packwagen zum Transport sei. Menschen würden darin nicht wohnen. So nahmen die Beamten zwar die Großmutter mit nach Auschwitz, Heilig und sein Vater aber überlebten. „Meine Großmutter hat mir so das Leben gerettet“, sagt er.

Viele andere Sinti und Roma-Mitglieder dagegen wurden ermordet. „Damals lebten eine Millionen Sinti in Europa“, erzählte Mair. Etwa die Hälfte sei umgebracht worden. Heilig erinnert sich noch an ein kleines Kind, das von einem SS-Mann totgeschlagen wurde. „Der Junge wollte nur seinen Teddybären, der ihm runtergefallen war, wieder aufheben“, erzählt er eine der Geschichten, die er auf seiner Flucht erlebt hatte.

Auf der Flucht vor der Gestapo

Über zwei Jahre mussten er und sein Vater sich verstecken. Sie durften nicht als Sinti erkannt werden. Auf ihrer Flucht übernachteten sie in Schweineställen und Wäldern. Tagsüber arbeiteten sie für Bauern. Zu essen bekam Heilig verfaulte Kartoffeln. „Mein Vater kaute auf Baumrinde, weil er so Hunger hatte.“

Dass sie überhaupt für die Bauern arbeiten durften und nicht entdeckt wurden, hatten sie dem damaligen Landrat des Kreises zu verdanken. Er habe sie gedeckt und vor der Gestapo gewarnt. „Immer, wenn die Beamten in unserem Ort waren, gab er uns Bescheid und wir zogen weiter.“

Heute lebt Heilig in Nürnberg, hält Vorträge in Bildungseinrichtungen und ist im Landesverband Bayern der Sinti und Roma. Zum Abschluss richtete er noch einen Appell an die Schüler: „Ihr seid das Volk. Macht das Beste daraus, dass so etwas wie damals nie mehr passiert.“

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