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Flucht

Wie Haile vor „der Sklaverei“ floh

Eine 35-jährige Frau erzählt Neumarkter Schülern, wie sie dem Militärdienst in Eritrea entkam und jetzt in Deutschland lebt.
Von Bernhard Neumayer

Haile (rechts) erzählt den Schülern über ihre Flucht aus Eritrea. Foto: Neumayer,

Neumarkt.Keine Verfassung, kein Gesetz und keine Rechte – stattdessen lebenslanger Militärdienst für die Generäle, Diktatur, Vergewaltigung und Folter. So beschreibt E. Haile (ihren Vornamen will sie nicht nennen) die Zustände in Eritrea. Schülern aus der Berufsschule Neumarkt erzählt die 35-Jährige, wie ihr die Flucht gelang und wie sie als Flüchtling in Deutschland aufgenommen wurde.

Zusammen mit Moderatorin Birgit Mair vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) zeigt sie den knapp 120 Schülern aus unterschiedlichen Berufsfeldern Bilder aus ihrer Heimat. Das ISFBB veranstaltet in einem Projekt 40 dieser Vorträge mit Flüchtlingen. Haile hält zum ersten Mal ihren Vortrag und soll den Berufsschülern die Flüchtlingsthematik näherbringen.

Die Stimmung herunterfahren

„Das Thema ist ja in aller Munde“, sagt Schulleiter Albert Hierl. Dank Haile könne ein Austausch zwischen den Schülern und einem Flüchtling auf engstem Raum stattfinden. „Wir wollen die Stimmung, die in den Medien über Flüchtlinge herrscht, etwas auf ein normales Maß zurückführen“, sagt er. An der Berufsschule Neumarkt werden sieben der insgesamt neun Berufsintegrationsklassen im Landkreis geschult. Die zwei anderen Klassen sind in der Berufsoberschule.

„Wir unterrichten bei uns 140 Flüchtlinge“, sagt Hierl. Er habe durchweg positive Erfahrungen mit ihnen gemacht. Sie seien sehr motiviert und interessiert. „Und sie wollen die Sprache lernen“, sagt Hierl. Das sei das Wichtigste. In der Schule wollen er und seine Kollegen die Flüchtlinge auf das Leben vorbereiten und in die Berufswelt integrieren.

Haile zeigt Bilder aus ihrer Heimat. Foto: Neumayer

Haile ist in Deutschland gut integriert – zumindest was die Arbeitswelt betrifft. „Ich war in Deutschland nie arbeitslos“, sagt sie. Seit knapp zwölf Jahren ist sie jetzt in Deutschland. Momentan arbeitet sie als Übersetzerin. Obwohl sie schon so lange hier ist, hat sie keine feste Aufenthaltserlaubnis. „Ich habe immer nur eine befristete für zwei Jahre.“ Deshalb fühle sie sich auch noch nicht wirklich heimisch. „Ich weiß nicht, wo ich meine Heimat finde.“

Haile flüchtet ohne ihren Sohn

In Äthiopien ist Haile aufgewachsen. Ein Teil ihrer Familie wurde nach Eritrea abgeschoben. Sie aber habe vier Jahre als Lehrerin in Saudi-Arabien gearbeitet und kehrte danach nach Eritrea zurück. Dort wurde sie zum Militärdienst zwangsrekrutiert, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits Mutter war. Daraufhin weigerte sie sich, den Militärdienst anzutreten und wurde ins Gefängnis eingesperrt. Sie bestach das Gefängnispersonal und konnte nach zwei Monaten entkommen, musste aber aus dem Land fliehen – ohne ihren Sohn. „Das war eigentlich Hailes große Tragik“, sagt Mair.

Haile sprach mit den Schülern über Flüchtlinge. Foto: Neumayer

Der Vater des Sohnes ist Äthiopier. Haile kommt aus Eritrea. Nach einem Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea wurden alle Eritreer aus Äthiopien abgeschoben. Ein Teil ihrer Familie ist nach Eritrea, Haile aber nicht. Ihren Sohn durfte sie nicht mitnehmen, weil der Vater des Kindes Äthiopier ist. „Eine ganz heikle und schwer zu erklärende Situation“, sagt Mair dazu.

„Für mich ist das Sklaverei“

Haile habe ihren Sohn später – als sie bereits in Deutschland war –illegal zu ihr geholt. „Ich habe es für mein Kind riskiert“, sagt sie. Er hätte in Eritrea in den „brutalen Militärdienst“ gemusst. Das wollte sie ihrem Sohn nicht antun.

Haile spricht über Deutschland, ihre Wünsche und Forderungen an Flüchtlinge. Das Interview lesen Sie hier

Denn der Militärdienst dort sei nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen. „Für mich ist das Sklaverei“, sagt sie. Der Militärdienst sei in Eritrea nicht wie in Deutschland auf eine bestimmte Anzahl an Monaten begrenzt, sondern auf unbestimmt Zeit. „Der Militärdienst in Eritrea ist nur für die Diktatoren“, sagt sie.

Neben dem Militärdienst werde man als Frau in Eritrea vergewaltigt und gefoltert. „Man hat keine Rechte.“ Deshalb ist sie froh, endlich frei zu sein: „Ich genieße, dass ich überall meine Meinung sagen kann.“

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