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Montag, 20. November 2017 3

Wissenschaft

Stress ist ein Fall für die Forscher

Im Nürnberger Zoo laufen mehrere Forschungsprojekte – gearbeitet wird mit Delfinen, Eisbären, Nashörnern und Manatis.
Von Katrin Böhm

Eisbärin Vera und ihre Tochter Charlotte (hier im Frühjahr 2015) sind ein eingespieltes Team. Für die Stress-Forschung hat Vera gelernt, sich ab und an von ein paar Haaren zu trennen. Foto: Schamberger

Nürnberg.Forschung hat im Tiergarten Nürnberg einen hohen Stellenwert – dafür sorgt Dr. Lorenzo von Fersen, Kurator für Forschung und Artenschutz. Jährlich laufen im Zoo etwa acht Projekte parallel, manche dauern drei Monate, andere mehrere Jahre. mittelbayerische.de stellt fünf Projekte mit vier Tierarten vor.

Wie wirkt sich die Sanierung der Lagune auf die Delfine aus?

Den Delfinen im Nürnberger Tiergarten stehen unangenehme Zeiten bevor – wegen der stetigen Probleme mit den Becken und dem Durchsickern von Salzwasser, das wiederum den Wald rund um den Zoo schwer schädigt, steht eine Sanierung der Lagune an. Doch wie werden die Delfine mit den Nebenwirkungen der Bauarbeiten umgehen? Dem Lärm und den neuen Gegebenheiten? Um handeln zu können, wenn die Tiere im Stress sind, läuft derzeit ein Monitoring-Programm, bei dem das Verhalten des Großen Tümmlers erfasst wird. „Wir wollen sehen, was der Normalzustand ist, um gegebenenfalls reagieren zu können, wenn sich etwas verändert“, sagt Dr. Lorenzo von Fersen. Festgehalten wird zum Beispiel, welcher Delfin wie lange mit welchem kommuniziert.

Die Lagune der Delfine muss saniert werden – wie werden die Tiere damit umgehen? Foto: Karmann

Bisher wurde in dem Programm jeder einzelne Delfin einen Monat lang beobachtet, ein weiteres Monitoring steht laut von Fersen an. Um sichere Ergebnisse zu erzielen, habe man dafür zwei Verhaltensbiologen, die Erfahrung mit Delfinen haben, engagiert und lasse die Beobachtung nicht im Rahmen von Bachelor- oder ähnlichen Arbeiten stattfinden.

Außerdem erfasst der Tiergarten den Cortisolwert der Delfine. Cortisol ist ein Hormon, das der Körper freisetzt, sobald er im Stress ist. Wie hoch der Cortisolwert ist, kann entweder im Blut oder im Speichel festgestellt werden. Derzeit werden bei den Delfinen Speichelproben entnommen und zur Analyse an die Uni Dresden geschickt. Da Cortisol ein wasserlösliches Hormon ist, „sind wir momentan noch am Etablieren der Methode“, so von Fersen. Schließlich wolle man sichergehen, „dass wir tatsächlich das Cortisol messen“. Die zumindest momentan noch sicherere Methode führt daher übers Blut. Die Blutentnahme sei für die Delfine jedoch „nicht stressig, weil die Tiere das schon kennen“.

Die Sanierung der Lagune, die erst vor vier Jahren eröffnet wurde, war ursprünglich für diesen Sommer geplant, wegen immer neuer Gutachten und dem Streit um die Finanzierung verzögern sich die Arbeiten – ein konkreter Termin steht noch nicht fest.

Können Delfine elektrische Reize wahrnehmen?

Delfine haben bei der Geburt am Oberschnabel kleine, sehr gut durchblutete Härchen, Vibrissen genannt. Schon im ersten Jahr fallen diese Haare aus, die Follikel aber bleiben bestehen, außerdem sind in diesem Bereich sehr viele Nervenzellen vorhanden. Warum das so ist, will man im Tiergarten herausfinden. „Möglicherweise, um Elektroreize wahrzunehmen“, sagt Lorenzo von Fersen. Denn: Delfine fressen bekanntlich Fisch und Fische senden Elektroreize aus – wenn Delfine diese wahrnehmen können, tun sie sich bei der Jagd leichter. Um zu überprüfen, ob Delfine Elektroreize wahrnehmen können, wurde im Zoo eine spezielle Apparatur gebaut, in die die Delfine hineinschwimmen – die Delfine lernten, diese immer zu verlassen, wenn sie einen akustischen, sensorischen oder visuellen Reiz spürten. Dass Delfine diese Reize wahrnehmen können, steht fest. „Go or No-Go“ heißt dieses Verfahren in der Forschung – das Tier muss eine Entscheidung treffen und kann diese auch mitteilen.

„Delfine sind sehr launisch. Ich habe früher mal mit Brieftauben gearbeitet. Die machen ihr Ding, immer. Delfine nicht.“

Lorenzo von Fersen

Als die Delfine gelernt hatten, die Station zu verlassen, wenn sie einen der ihnen bekannten Reize wahrnahmen, probierte Student Tim Hüttner, der das Projekt erarbeitet hat, es mit Elektroreizen von zwei Millivolt – und tatsächlich: „Wir haben erste Hinweise, dass die Tiere auf Elektroreize reagieren“, sagt von Fersen. Hieb- und stichfest ist das noch nicht – „jetzt kommt die Statistik. Das muss man immer und immer wieder wiederholen.“ Das Problem dabei: „Delfine sind sehr launisch. Ich habe früher mal mit Brieftauben gearbeitet. Die machen ihr Ding, immer. Delfine nicht. Wenn man merkt, dass einer einen schlechten Tag hat, muss man darum vorsichtig sein.“ Sonst ist die Statistik womöglich hinüber.

Der Tiergarten forscht auch mit seinen Panzernashörnern – denn die haben Fußprobleme.Foto: Sigl

Warum haben Nashörner Probleme mit den Füßen?

Die Panzernashörner im Tiergarten haben Fußprobleme, sie leiden unter Entzündungen zwischen Fuß und Ballen und Rissen. Daher wurde zunächst das Verhalten der beiden Nashörner den ganzen Tag über genau festgehalten. Es wurde vor allem erfasst, wann, wie oft und wie lange die Nashörner den Fuß heben – je mehr der Fuß schmerzt, desto häufiger heben die Nashörner den Fuß. Das gilt als sicher, denn bei entsprechender Medikation belasten Nashörner den Fuß weit häufiger als ohne Schmerzmittel.

Jetzt geht es darum, herauszufinden, woran die Schmerzen liegen – doch das kann dauern. Die Ursachen können vielfältig sein: Läuft das Tier zu wenig? (Der Tiergarten hat daher das Futter schon an 50 statt an drei Futterstellen verteilt). Muss die Nahrung umgestellt werden? Braucht es Fußpflege? „Wir wissen es nicht.“

Blick durch die Scheibe im Blauen Salon – hier werden die Pfeiftöne der Manatis überprüft. Foto: Karmann

Pfeift jedes Manati auf seine eigene Weise?

So viel ist klar: Manatis pfeifen. Doch verändert sich dieser Pfiff im Laufe des Lebens? Und ist er situationsabhängig? Wie stereotyp der Pfiff einer Seekuh ist, versucht der Tiergarten in einem Forschungsprojekt herauszufinden. Die Daten der zwei Nürnberger Manatis sollen dann dazu benutzt werden, um Seekühe in der Natur schützen zu können – wenn die Laute stabil sind und sich nicht verändern, „dann sind wir akustisch in der Lage, Tiere in einer Bucht zählen zu können“, sagt Lorenzo von Fersen. Eines der größten Probleme bei Manatis, besonders in der Freilandforschung, sei es nämlich, dass diese Tiere nicht zu sehen seien. Die in Nürnberg aufgenommenen Laute werden im Deutschen Primatenzentrum in Göttingen analysiert.

Eisbärin Vera und ihre Tochter Charlotte (hier im Frühjahr 2015) sind ein eingespieltes Team. Für die Stress-Forschung hat Vera gelernt, sich ab und an von ein paar Haaren zu trennen. Foto: Schamberger

Wie stressig ist ein Umzug für einen Eisbären?

Der Nürnberger Tiergarten hat mittlerweile sieben Eisbären-Transporte begleitet, um die Grenzen zu ermitteln, ab wann ein Eisbär großen Stress hat. „Akuter Stress ist ja das gesündeste, was es gibt. Aber wenn ich das jeden Tag habe, dann ist das chronisch. Und daher brauchen wir Werte, ab wann der Cortisolwert normal ist.“ Wie bei den Delfinen wird dazu Cortisol gemessen – derzeit allerdings über Kotproben, die etwa im Zeitraum eine Woche vor bis eine Woche nach dem Transport genommen werden. Künftig sollen die Werte vor allem über die Haare ermittelt werden – mit dieser Methode kann rückwirkend über viele Monate festgestellt werden, wie sich die Werte entwickeln. Diese Methode muss allerdings noch etabliert werden, sagt Lorenzo von Fersen – hier geht es noch um ganz grundsätzliche Dinge, etwa, ob das Haar gemörsert oder zerrieben werden soll oder wie oft es zur Vorbereitung gewaschen wird. Nach den sieben Transporten hat sich herauskristallisiert, dass es sowohl individuelle als auch situationsbedingte Unterschiede gibt. „Das ist so, wenn man in Zoos forscht. Wir forschen mit Individuen, nicht mit einer ganzen Art.“

Alle Serienteile über den Nürnberger Tiergarten finden Sie hier!

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Lernen, wie die Tiere ticken

  • Herr Dr. von Fersen, der Nürnberger Tiergarten ist einer von wenigen Zoos, die sich einen Kurator für Forschung und Artenschutz leisten – warum ist Forschung in Zoos so wichtig?

  • Es ist ganz einfach: Wir müssen wissen, wie die Tiere ticken, um sie schützen zu können. Und um diese Forschung machen zu können, brauchen wir Zoos. Ohne Zoos würden wir über viele Tierarten, zum Beispiel auch über Delfine, wenig wissen.

  • In der Wissenschaft differenziert man zwischen angewandter Forschung und Grundlagenforschung. Was sind die Unterschiede?

  • Die Grundlagenforschung ist die Just-for-fun-Forschung Das ist wie bei einem Künstler, da kann man sich richtig austoben. Da mache ich als Wissenschaftler etwas, was so keiner glaubt. Man muss nur eine Hypothese formulieren – ob das einem Tier weiterhilft, ist völlig egal. Da geht es um das Tierwissen. In der angewandten Forschung geht es etwa darum, Methoden zu entwickeln, um bestimmte Dinge herauszufinden, da geht es in die Praxis.

  • Ein Beispiel in Nürnberg?

  • Bei uns im Tiergarten ist das beispielsweise die Stressforschung bei den Eisbären. Interview: Katrin Böhm

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