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Region Nürnberg
Montag, 20. November 2017 5

Wirtschaft

Die Form sollte den Erfolg bringen

Der Nürnberger Unternehmer, Michael Gutberlet, hat einen achteckigen Füller zum neuen Leben erweckt.
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Nikolas Pelke

Michael Gutberlet präsentiert stolz die Füllfederhalter-Sammlung der Marke Kaweco. Foto: Pelke

NÜRNBERG.Nein, mit Donald Trump hat der Erfolg von „Kaweco“ nichts zu tun. „Der unterschreibt zwar jedes Gesetz mit einem neuen Schreibgerät. Aber dafür benutzt er keinen Füller, sondern einen Faserschreiber“, sagt Michael Gutberlet, Chef der Nürnberger Füllfederhalterfabrik „Kaweco“. So lange der Papst zu seinen Stiften greife sei „alles ok“, sagt Gutberlet und lacht.

Ein Luxusobjekt sind die kultverdächtigen Füller aus Nürnberg nicht. Ab 20 Euro sind die achteckigen Schreibgeräte, die man praktisch in jeder Hosentasche verstauen und bei jeder sportlichen Gelegenheit stilsicher zücken kann, schon zu haben. „Unser Markenzeichen ist das Design. Unser Erfolgsgeheimnis ist der hohe Wiedererkennungswert. Auf überzogene Preise setzen andere“, sagt Gutberlet und spannt den kleinen Sportfüllfederhalter zwischen Daumen und Zeigefinger. „Das ist wie bei der berühmten Cola-Flasche. Die Form ist der Grund für die Unverwechselbarkeit und letztlich den Erfolg“, erklärt Gutberlet. „Wer den Kaweco Sport einmal gesehen hat, der vergisst ihn nicht wieder“, ist sich Gutberlet sicher und betrachtet liebevoll den achteckigen Stift im Gegenlicht der Arbeitslampe.t

„Mit ihm hat 1960 alles angefangen“, sagt der sportliche 60-Jährige mit der schwarzen Brille und dem silbergrauen Vollbart ohne übertriebenen Pathos in der Stimme und zeigt auf das große Ölporträt in seinem Büro, das seinen Vater Horst wenige Jahre vor dessen Tod im Jahr 2003 zeigt. Der Vater sei Elektriker gewesen, der sein Verkaufstalent durch einen kuriosen Zufall erkannte. Und das kam so: Eines Tages hätte die Bahn zwei Waggons mit Papierblumen an seinen damaligen Arbeitgeber geliefert. Jemand musste die fehlgeleitete Ware aus der Ostzone an den Mann bringen. Der Vater, der keine Mehrarbeit zur Aufbesserung seines Gehaltes scheute, meldete sich freiwillig. „Er hat Musterkoffer gebaut und ist mit den Papierblumen aus der DDR von Friedhofsgärtnerei zur Friedhofsgärtnerei gezogen.“

Aufgeben habe er schon wollen, habe der Vater immer erzählt. Bis das „Wunder“ tatsächlich eintrat und ein Vertreter die gesamte Charge auf einen Schlag aufkaufte. Hinterher zeigte sich, dass ein Betrieb aus dem Papierblumengeschäft die ostdeutsche Billigkonkurrenz damals schnell vom Markt haben wollte. „Mein Vater hat sich einen Anzug gekauft und ist in die Bar in der Luitpoldstraße gegangen.“ Danach stand der Entschluss fest. Gutberlet, das Verkaufstalent, sattelte um und wurde Handelsvertreter in einer der vielen Bleistiftfabriken der Stadt. Damals florierte die Stiftebranche in der Frankenmetropole. In Nürnberg gab es allein zwölf Fabriken, die Bleistifte herstellten. Der Rest ist Geschichte. Und die geht, kurz erzählt, so.

Komponenten geliefert

Der Firmengründer sieht voraus, dass die Schreibwarenbranche den selben Weg wie die Autoindustrie mit ihrer großen Arbeitsteilung und Komponentenvielfalt nehmen wird. 1960 gründet Gutberlet senior das Unternehmen und verkauft Einzelteile wie Mechaniken und Hülsen an deutsche Hersteller von Parker in Baden-Baden über Lamy in Heidelberg bis zu den fränkischen Fabriken von Staedler bis Schwan-Stabilo. Zur Hochphase belieferte Gutberlet rund 450 Kunden aus der Industrie mit seinen Komponenten zur Herstellung von Schreibgeräten. Das war um das Jahr 2000. Damals, erinnert sich Gutberlet junior, hätte sich der Niedergang zahlreicher deutscher Stiftfabriken aus zwei Gründen bereits schon einige Jahre nach dem Fall der Mauer abgezeichnet.

Die Götterdämmerung der heimischen Schreibgeräteindustrie eingeläutet hätte der Siegeszug des Kugelschreibers. Die meisten Hersteller von Füllfederhaltern hätten sich in der Folgezeit auf einen ruinösen Preiswettbewerb mit dem Wegwerfartikel eingelassen.

MZDies hätte zweitens dazu geführt, dass die Produktion aus Kostengründen nach Fernost verlagert wurde. Nur Mont Blanc sei erfolgreich den umgekehrten Weg gegangen und habe konsequent auf Qualität (und hohe Preise) gesetzt. In Japan sehen sie zum ersten Mal mit eigenen Augen, dass die einheimischen Frauen zum Schminken einen „ganz normalen Stift mit wasserlöslicher Tinte“ verwenden. Die Idee vom edlem Filzstift für das Auge war geboren. Die Frauen waren auch hierzulande verrückt nach dem neuen Kosmetikstift im chicken Alugehäuse.

Nach diesem Erfolg wagte sich Michael Gutberlet daran, eine alte Ikone des Füllfederhalters aus eigener Kraft neu aufzulegen. Die Markenrechte von Kaweco hatte er sich schon während des großen Niedergangs der Industrie in der Mitte der 90er Jahre gesichert.

Nichts weniger als eine Revolution der Firma vom Zulieferer zum Hersteller musste gemeistert werden. Gutberlet hatte einen Riecher dafür, dass die Zeit für die Wiedergeburt des praktischen Schreibgerätes gekommen war. „2003 haben wir angefangen, die Marke wieder anzuschieben.“

Rückschläge eingesteckt

In den Folgejahren muss Gutberlet auch Rückschläge einstecken, aus denen er Schlüsse zieht. Erstens setzt Kaweco fortan auf die Formensprache der klassischen Moderne. Besonders die unverwechselbare Achtkantform stellt sich als Glücksfall heraus. Selbst wenn der Kaweco in tausend Teile zerschellen würde, könne man den ganzen Taschenfüllfederhalter darin noch wieder erkennen.

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