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Region Nürnberg
Mittwoch, 17. Januar 2018 7

Engagement

„Einfach die Welt verbessern“

Von der Tafel in die Welt: Martin Aufmuth hat vor fünf Jahren die Hilfsorganisation „Ein-Dollar-Brille“ ins Leben gerufen.
Von Nürnberg-Korrespondent Nikolas Pelke

  • Realschullehrer Martin Aufmuth zeigt seine „Ein-Dollar-Brille“, welche er an seiner selbst entwickelten Optik-Werkstatt gefertigt hat. Fotos: Daniel Karmann/dpa
  • Mit der tragbaren Werkstatt kann der 39-Jährige „Ein-Dollar-Brillen“ fertigen, um in Entwicklungsländern Menschen mit Sehbehinderung zu helfen.

ERLANGEN.Erst Indien, dann Bolivien und danach noch nach Brasilien: Der Reiseplan von Martin Aufmuth ist genauso anstrengend wie aufregend. „Zum Glück habe ich nicht gewusst, was da alles auf mich zukommt, als ich meine Biegemaschine erfunden habe“, erzählt Martin Aufmuth und lächelt, zurück in seinem Wohnzimmer in Erlangen, durch die Reisestrapazen noch immer leicht erschöpft durch seine Brillengläser.

Mit einem kleinen Kasten hat Martin Aufmuth die Welt verändert. Mit seiner Brillenmaschine bringt Aufmuth seit fünf Jahren den ärmsten Ecken der Welt das Sehen bei. Hilfe zur Selbsthilfe ist die Idee hinter seiner genialen Erfindung. „In Slums gibt es weder einen Augenarzt, noch einen Optiker“, erzählt Aufmuth. Überall dort, wo Menschen sich weder Krankenkasse noch Brille leisten können, soll seine Brillenbox zum Einsatz kommen. „Mittlerweile haben wir über 300 Mitarbeiter in acht Ländern, darunter rund 180 Ehrenamtliche in Deutschland“, freut sich Aufmuth.

Einfache Seh-Tests inklusive

In seinem kleinen Kasten steckt nicht nur eine Mini-Fabrik zur Brillenherstellung. In der Brillenbox befindet sich auch eine kleine Optik-Ausrüstung zur Durchführung von einfachen Sehtests. Für einen kleinen Betrag werden die Brillen verkauft. So haben am Ende alle etwas davon. Die Hersteller der Dollar-Brille können von ihrer Tätigkeit leben. Die Patienten können sich die Brillen leisten. Mit seinem System will Aufmuth eine komplette Infrastruktur für Sehhilfen in den ärmsten Regionen der Welt aufbauen.

Nach den ersten fünf Jahren ist der ehemalige Mathelehrer bereits in acht Ländern von Afrika über Indien bis Südamerika mit seiner Hilfsorganisation aktiv. Auf diesem Erfolg ausruhen kann sich Aufmuth nicht. Ganz im Gegenteil. „Der globale Erfolg macht die Arbeit immer komplexer. Wir haben weltweit mittlerweile über 300 Leute, die bei uns mitmachen.“

In Ländern wie Burkina Faso sei Aufmuth mit seiner „Ein-Dollar-Brille“ mittlerweile einer der größten ausländischen Arbeitgeber. Aufmuth leistet heute die Arbeit eines internationalen Konzernlenkers. Ein imposantes Firmenbüro braucht er dafür nicht. Aus einem kleinen Nebenzimmer in seiner Doppelhaushälfte in Erlangen, wo er früher als Mathelehrer die Klausuren korrigiert hat, lenkt und koordiniert er seit fünf Jahren sein wachsendes Brillenimperium.

Nach dem Aufbau setzt Aufmuth nun alles auf den weltweiten Durchbruch seiner bahnbrechenden Idee. Seine „Dollar-Brille“ soll die Welt nachhaltig verändern. Wie Weltfirmen setzt Aufmuth auf einen maßgeschneiderten Expansionskurs. Für jedes Land hat Aufmuth eine passgenaue Strategie. „In Afrika setzen wir auf kleine Shops. In Südamerika auf Marktstände in den Armenvierteln.“ Wie ein Konzernchef muss sich Aufmuth hier durch das Behördendickicht kämpfen und dort auf regionale Befindlichkeiten achten. Aufmuth muss Politiker als Unterstützer gewinnen und Spender von seiner Idee überzeugen.

Hier geht es zum Video

Der Chef und Gründer der vielfach preisgekrönten Hilfsorganisation aus Erlangen verbindet mit seinem Erfolg mittlerweile auch einen politischen Anspruch. „Ich will zeigen, dass Entwicklungshilfe als Social Business funktionieren kann.“ Ziel sei ein selbsttragendes System als Hilfe zur Selbsthilfe. „Mit diesem Ansatz betreten wir international Neuland.“

Der wachsende Erfolg ruft auch Neider auf den Plan. Nicht in allen Ländern macht sich Aufmuth sofort Freunde mit seiner Idee. Manche Ärzte und Optiker fürchten um ihre Pfründe. Aufmuth hat sich vorgenommen, auch diese Widerstände zu überwinden. Als eine Wurzel der mangelnden Gesundheitsversorgung und wachsenden Ungleichheit zwischen Armen und Reichen hat der ehemalige Lehrer die Vorschriften für lange und teure Ausbildungen ausgemacht.

Unglaubliche Lernbereitschaft

„Meine Brillenhersteller müssen keine Unsummen in ihre Berufsausbildung investieren. Deshalb geben sie sich anschließend auch mit einem bescheidenen Gehalt zufrieden“, ist sich Aufmuth sicher und schwärmt von der Lernbereitschaft, die er auf seiner letzten Reise in einem Slum in Indien erlebt hat. „Als unsere jungen Optiker dem dortigen Gesundheitsminister bereits nach der ersten Trainingswoche die richtige Brille anpassten, konnte er gar nicht glauben, dass sie das in so kurzer Zeit gelernt hatten“, freut sich Aufmuth und strahlt.

In solchen Momenten vergisst Aufmuth die Anstrengung hinter den strapaziösen Reisen durch die halbe Welt. In Augenblicken wie diesen scheint die Last der Verantwortung kurz von ihm abzufallen. Dann denkt er nicht über die Lösung der vielen Probleme nach, sondern erinnert sich an die vielen glücklichen Gesichter hinter seiner „Ein-Dollar-Brille“.

Dank seiner Erfindung und seiner Ausdauer können viele Kinder auf der Welt heute besser in der Schule lernen. Dank seiner Brille können Alte wieder Arbeit finden. Bei solchen Gelegenheiten muss er sich manchmal selber kneifen, um die fantastische Geschichte seiner Wunderbrille, die seit fünf Jahren die Welt verändert, wirklich zu begreifen.

„Ich war ein normaler Realschullehrer, der seiner Idee einfach immer gefolgt ist“, erzählt er dann ganz bescheiden. Mit seiner Überzeugungskraft und seinem Erfolg hat Aufmuth vielen Menschen gezeigt, dass jeder Einzelne die Welt besser machen kann. Alles andere, ist sich Aufmuth sicher, ist eine billige Ausrede.

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