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Region Nürnberg
Donnerstag, 25. August 2016 30° 1

Vortrag

Man kann sich leider nicht schlau essen

Ein Gehirnforscher erklärte in Nürnberg, was dran ist an Brainfood, emotionalen Frauen und wortkargen Männern – nichts!
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Thomas Tjiang

Gehirnforscher Dr. Henning Beck räumt kenntnisreich und unterhaltsam mit den Neuromythen rund um das Gehirn auf. Foto: Thomas Tjiang

Nürnberg.Der Satz „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ ist Legende, das Buch dazu ein Bestseller. Für den Biochemiker und Neurowissenschaftler Dr. Henning Beck ist es vor allem eines: „Mein Lieblingsmythos“. Der Hirnforscher hat mit seinem Thema „Hirnrissig – Die 20,5 größten Neuromythen“ das Planetarium Nürnberg bis auf den letzten Platz gefüllt, manche Interessierte konnten an der Kasse nicht einmal mehr eine Restkarte ergattern.

Beck bestritt den Auftakt der Veranstaltungsreihe „Von Sinnen“, zu der das Nürnberger Museum Turm der Sinne bis Mitte Mai alle zwei Wochen einlädt.

Großes Gehirn macht noch nicht klug

„Anatomisch“, räumt der Hirnforscher ein, „sind die Gehirne von Mann und Frau tatsächlich unterschiedlich.“ Männliche Gehirne seien beispielsweise größer. Das habe aber eher eine physiologische Funktion, denn „Männer sind größer, das Gehirn muss mehr steuern“. Die Ableitung daraus, dass mehr Hirn auch mehr Intelligenz bedeutet, wischt Beck lapidar weg mit dem Hinweis auf einen Wal und sein vergleichsweise Riesengehirn: „Der ist trotzdem keine geistige Leuchte“.

Frauen haben zudem ein größeres Gedächtniszentrum, die Merkfähigkeit und mentale Landkarte sind besser ausgeprägt. Entgegen mancher Vorurteile haben Männer dafür ein größeres Emotionszentrum, sie können Sinneseindrücke besser verarbeiten und einordnen. „Doch sind Männer emphatischer?“, wirft Beck rhetorisch auf. „Das müsste man im Labor testen“, gibt er selbst die Antwort.

Labortests zum räumlichen Vorstellungsvermögen, bei denen Männer besser als Frauen abschneiden, begegnet er mit Skepsis. „Das ist eine künstliche Situation, die Wirklichkeit ist komplexer als das Labor.“ In der Praxis, räumt Beck mit dem Mythos auf, „orientieren sich Männer und Frauen gleich gut“ – wenn auch mit anderer Systematik. „Die Unterschiede im echten Leben gibt es nicht.“ Auch nicht bei der Zahl gesprochener Wörter, die bei Männern und Frauen gleichermaßen bei etwa 16000 am Tag liegen.

Wissenschaft in kleinen Häppchen

Auch Versuche, unterschiedliches Verhalten aus der Steinzeit von vor zwei Millionen Jahren abzuleiten, sind für den Wissenschaftler „keine Argumente, sondern Spekulationen“. Beck, als einstiger Deutscher Meister im Science Slam, bei dem Wissenschaftler kurz und unterhaltsam ihre Forschung für Laien präsentieren, spitzt seine Kritik satirisch zu: „Weil Männer früher von einem Felsen aus Tiere in der Savanne beobachtet haben, sitzen sie heute so gern vor dem Fernseher.“

Noch eine Beobachtung dürfe nicht zu falschen Schlüssen und Mythenbildung benutzt werden: Tatsächlich spielen Mädchen auch unter wissenschaftlicher Beobachtung eher mit Puppen, während kleine Jungen eher zum Auto greifen. „Das ist kein anerzogenes Rollenverhalten, denn der weibliche und männliche Nachwuchs von Affen macht es ähnlich.“ Wahrscheinlich hat der Griff zum Auto eher mit der etwas früher ausgeprägten räumlichen Wahrnehmung bei kleinen Jungen zu tun – die lässt sich mit einem Auto einfacher erspielen.

Brainfood – alles Lüge?

Auch sogenanntes „Brainfood“, besonderes Gemüse, mit dem man sich angeblich schlau essen kann, gehört für Beck ins Reich der Mythen. Die gesunden Omega-3-Fettsäuren von Nüssen erreichten nie das Gehirn, weil sich zwischen den Stoffen in der Blutbahn und den Gehirnzellen eine „Art Türsteher, die Astroglia befinden, die alles verstoffwechseln, bevor sie es weiter gehen, erklärt der Referent.

Entsprechend komme der vielbeschworene Glücklichmacher Serotonin, der beispielsweise in Kakao enthalten ist, nie ins Gehirn. Auch für Gingko-Präparate gebe es keine unabhängige Studie, die einen positiven Einfluss belege. „Aber wenn Ihnen die Kapseln schmecken, schlucken Sie sie ruhig weiter.“

Gute zwei Stunden spricht Dr. Henning Beck plastisch und unterhaltsam über das „spannendste Organ“, wie er das Gehirn nennt. Dabei kritisiert er unter anderem die Lerntypologie, weil man grundsätzlich am besten lerne, „wenn man etwas sieht, die Zusammenhänge versteht und neugierig ist“.

Und der Wissenschaftler erklärt, dass das Gehirn kein Computer mit Festplatte, Speicherplatz und Software ist. Gemüse, das zu einem Gesicht angeordnet ist, könne der Computer nur in Millionen Rechenschritten und Datenvergleichen erkennen – für einen Menschen kein Problem. Der Unterschied: „Maschinen haben Daten, wir haben Wissen“.

Anders als auf einer Festplatte gibt es im Gehirn keinen festen Ort, Wissen wird in Netzwerken gespeichert. Daher sei die Unterteilung in eine linke, logische, und eine rechte, emotionale Gehirnhälfte, viel zu verkürzt – noch ein Mythos, mit dem Dr. Henning Beck an diesem Abend aufräumen will. „Intelligenz und Persönlichkeit gibt es nicht in der einen oder anderen Gehirnhälfte.“

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