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Freitag, 24. Juni 2016 32° 2

Gesellschaft

Nürnberg kämpft für Drogenkonsumraum

Ein Fachausschuss des Bezirkstags könnte die Wende bringen – bislang lehnt der Freistaat legale Fixerstuben ab.
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Thomas Tjiang

In Berlin gibt es schon Drogenkonsumräume. Foto: Maja Hitij

Nürnberg.19 Menschen sind bislang in diesem Jahr in Nürnberg an illegalen Drogen gestorben. Das dürften zwar auf das Gesamtjahr gesehen weniger als die 27 Drogentoten aus dem Jahr 2014 sein. Trotzdem: Bezogen auf je 100000 Einwohner nimmt Nürnberg im bundesweiten Vergleich eine traurige Spitzenstellung ein.

Als ein weiterer Hilfebaustein gelten im Sozialreferat und bei dem Suchtbeauftragten Norbert Kays sowie bei Nürnberger Vereinen wie mudra Drogenhilfe, der Schlafstelle Hängematte, der Frauenberatung Lilith oder auch der Aidshilfe ein Drogenkonsumraum.

Solche „Drücker-“ oder „Fixerstuben“ sind national und international bereits etabliert und teils ausgiebig wissenschaftlich begleitet. Es sind keine Räume, in denen Drogenabhängige quasi staatlich geschützt mit Drogen herumexperimentieren können. Es ist vielmehr ein Angebot an einen kleinen Kern der harten Drogenszene, weg vom Drogenspritzen auf Spielplätzen, Bahnhofstoiletten oder Parks zu kommen.

Die Politik schwenkt um

Seit Jahren bemüht sich die Stadt Nürnberg vergeblich um eine Genehmigung über den Bayerischen Landtag oder um eine Erlaubnis für ein Modellprojekt beim Bayerischen Sozialministerium. Nun ist von einem Fachausschuss des Bayerischen Bezirkstags neuer Schwung in die Debatte gekommen. Er empfiehlt dem Hauptausschuss des Bayerischen Bezirkstags, in städtischen Brennpunkten die Einrichtung eines Drogenkonsumraums zu unterstützen. Wird dieser Beschluss im Februar angenommen, soll die Staatsregierung aufgefordert werden, eine entsprechende Verordnung zu erlassen.

Ein Drogenkonsumraum könnte zu „individueller Überlebenssicherung und Risikominimierung“ beitragen, findet Benjamin Löhner von der mudra. Er schätzt die Zahl der Opiat-Konsumenten auf „1500 bis 2000 im Großraum Nürnberg“, der „harte Kern der offenen Szene“ auf 250. Aus einer Befragung wisse er, dass die Drogen-Konsumenten mit jetzt durchschnittlich fast 37 Jahren immer älter werden.

Diese chronisch Abhängigen sind überwiegend männlich, haben „17 Jahre Drogenkarriere“ und viele Abstinenzversuche hinter sich. Konsumiert werde hauptsächlich Heroin – Kokain spiele in Nürnberg keine Rolle, dafür aber Amphetamine und der Mischkonsum.

22 Prozent schaffen den Absprung

Dr. Wolf Dietrich Braunwarth, Oberarzt am Nürnberger Klinikum und Leiter der Substitutionsambulanz, berichtet beim Runden Tisch im Nürnberger Rathaus von einer kalifornischen Langzeitstudie: Demnach waren von den Drogenabhängigen nach 30 Jahren 48 Prozent verstorben, 22 Prozent abstinent. Sein Fazit: „Der größte Teil war nicht aus seiner Krankheit herauszubekommen.“ Diesem Personenkreis helfen weder Entzugsklinik oder eine medizinische Substitutions-Behandlung mit Ersatzpräparaten, die auch die Klinik leistet. Diesen harten Kern an Drogenabhängigen könne man nur langfristig gesundheitlich stabilisieren, wenn man nicht am Ziel Abstinenz festhalte.

Aus einer weiteren Studie weiß Braunwarth, dass es in deutschen Drogenkonsumräumen außerhalb Bayerns bei 2,1 Millionen Konsumierungen „trotz potenzieller Lebensgefahr“ bei 5500 Menschen keinen einzigen Todesfall gegeben habe.

Die Polizei ist skeptisch

Der leitende Kriminaldirektor Karl Geyer im Nürnberger Polizeipräsidium hat allerdings Sorge: Richte man eine Art Bannmeile von 500 Metern um einen Drogenkonsumraum in der Innenstadt ein, könne das zu einer Art Freiraum auch für Alkoholmissbrauch, Kleinkriminelle und Stricher werden. Nürnberg verstärke wegen seiner guten Hilfsstrukturen eine „Sogwirkung“ für Süchtige aus anderen Städten. Daher warnt er vor einem Abrücken von der Abstinenzpolitik. Die Polizei entziehe sich aber keiner fruchtbaren Diskussion.

Kategorisch lehnt der Nürnberger CSU-Landtagsabgeordnete Michael Brückner den erneuten Vorstoß des Runden Tisches ab. Man schaffe einen legalen Raum, „das ist in Bayern mit uns nicht zu machen“. Er sieht hingegen in der Heroinsubstitution einen „denkbaren Weg“.

Die Argumente, so bilanzierte Moderator und Suchtbeauftragter Kays, seien altbekannt. Dennoch wollten sie an dem Thema dranbleiben. Offen sind unter anderem Fragen, wer die Kosten für eine solche Einrichtung trägt. Aber auch, wie die Polizei einerseits Fixer zum geschützten Konsum durchwinkt, aber Dealer und andere Kriminelle weiter herausfischt, um das Umfeld nicht absinken zu lassen. Kays hofft auf eine weitere Diskussion, die sich unabhängig von Parteigrenzen fortsetzt.

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