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Region Nürnberg
Montag, 25. September 2017 19° 3

Musik

Sabine Seide singt einfach ihr Ding

Mit ihrem Album „Der wilde Mohn“ zeigt die 33-jährige Wahl-Nürnbergerin, dass Kunst immer noch von Können kommt.
Von unserem Nürnberg-Korrespondeten Nicolas Pelke

Auf ihrem aktuellen Album „Der wilde Mohn“ singt Sabine Seide erstmals in deutscher Sprache. Foto: Seide

Nürnberg.Sabine Seide braucht nicht viel, um ihre Zuhörer sprachlos zu machen. Ein Klavier, ein Mikrofon – fertig ist die Laube. Sie setzt sich an das Piano, schmeißt die schwarze, lange Mähne in den Nacken und beginnt die Tasten im wiegenden Dreiviertel-Takt zu streicheln. „Gelegentlich überkommt es mich“ und „all das Geschrei da draussen interessiert mich nicht“, gesteht sie dann in ihrem Song „Gelegentlich“. Zwischen den Liedern wird sie auf der Bühne gerne einen flotten Spruch los. Auf den Mund gefallen ist die gebürtige Sächsin nicht. Eine brave Sängerin, die im Hintergrund läuft, sowieso nicht. Sie ist mehr Räubertochter als Prinzessin.

„Schwierig“ hat die 33-Jährige schon immer „Schubladen“ gefunden. Die sind der ausgebildeten Sängerin viel zu eng und zu klein. Dabei gibt es gerade im Jazz viele davon. Seide pfeift drauf und wirft die Schubladen aus dem Fenster. Anhören tut sich das wunderbar, wenn die Klischees mit einem lauten Knall auf die Erde krachen. Seide gießt wie auf ihrem aktuellen Album „Der wilde Mohn“ deutsche Poesie in aufregende Songs. Mit Jazz im klassischen Sinne hat das alles nicht mehr viel zu tun. Mit Kunst dafür umso mehr. „Ich wollte schon immer meine eigene Musik schreiben“, erzählt die Sängerin. Dass das nicht von heute auf morgen geht, sei ihr von Anfang an klar gewesen. „Star sein und Künstler sein – das sind zwei paar Stiefel“, findet Sabine Seide. „Ich bin schon so erzogen worden, dass man für den Erfolg arbeiten muss.“

Musikhochschule absolviert

Heute profitiere sie unablässig davon, Jazz-Gesang an der Musikhochschule in Nürnberg studiert zu haben. „Ich hatte eine Meisterin, keine Lehrerin. Jule Unterspann hat mich künstlerisch, persönlich und spirituell näher zu mir gebracht.“ Ein „absolutes Geschenk“ sei das gewesen. Darauf komme es schließlich an in der wahren Kunst. Die, da ist sie sich sicher, wird reicher mit den Jahren. Die Erfahrung nimmt zu. Mit ihr die Lockerheit. Sicher auch der Mut, eigene Wege zu gehen. Klar sagen, was ist. Zu sich selber stehen. Das braucht Zeit.

Die hat sich Seide zum Glück genommen. Hat sich nicht mit Kalkül der Musikindustrie an den Hals geworfen. Das macht sie so spannend. Die Zuhörer spüren das Leben hinter den Melodien. Auf ihrem ersten Album „Passion, Pain and Poetry“ aus dem Jahr 2011 hat sie noch melancholische Balladen auf Englisch gesungen. Auf ihrem aktuellen Album „Der wilde Mohn“, das drei Jahre später erschienen ist, hat sie sich von der traditionellen Sprache der Jazzmusik getrennt. „Ich hatte einfach Lust auf meine Muttersprache.“ Das ist vielleicht auch ein Teil der Entwicklung: Sich nicht mehr hinter dem fremden Wortschatz verstecken zu müssen, direkter mit dem Publikum zu kommunizieren. „Ich träume ja auch auf Deutsch.“

An der nächsten Platte arbeitet sie bereits pausenlos. Diese Arbeit müsse man sich allerdings als Prozess vorstellen. Auch das braucht Zeit. Schöne Worte schnappt sie auf, zauberhafte Melodien fliegen ihr zu. Daraus baut sie das Gerüst. Schreibt die Knochenstruktur für die Musik. Hier das Rückgrat, dort die Glieder. „Wenn mit dem Text und der Melodie die Eckpunkte stehen, hocke ich mich mit meinem großartigen Pianisten und Co-Autor, Tino Derado, ans Klavier.“ Der bekannte Jazzpianist, der schon mit Till Brönner und Thomas Quasthoff auf der Bühne stand, verfeinert die Songstruktur. Der bekannte Cellist Henning Sieverts (Neuer Deutscher Jazzpreis, Echo Jazz-Preisträger) komplettiert das Ensemble. Das ist alles harte Arbeit. Leichtigkeit habe nichts mit Gedankenlosigkeit zu tun.

Auf vielen Bühnen unterwegs

Ganz tief eintauchen müsse man in die Kunst und das gesangliche und stimmliche Handwerk, um die Musik am Ende scheinbar mühelos und spielerisch auf der Bühne dem Publikum präsentieren zu können. „Bei Akrobaten siehst du zum Beispiel die Arbeit. Bei uns Sängerinnen nicht“, ist sich Seide sicher. Mit Artisten ist Seide schon häufig aufgetreten. Für die Show im bekannten „Palazzo“-Zirkuszelt in Nürnberg stand sie eine Saison in der Manege.

Überhaupt ist sie mit ihrer Kunst auf vielen Bühnen unterwegs. Sie unterrichtet da Gesang, spielt dort mit ihrem Trio und steht hier mit ihrer Band „Seide“ auf der Bühne. Als singende „DJ`ane“ (so nennt man neudeutsch weibliche Discjockeys) beglückt sie sogar Brautpaare mit ihrer Stimme an ihrem schönsten Tag im Leben. Immer scheint sie sich dabei zuzuflüstern: „Mach dein Ding. Sei du selbst. Du bist die Wahrheit. Alles andere ist Käse.“

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