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Nürnberg
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Handwerk

Nürnberger fertigt Kunstwerke aus Glas

Tobias Witt wollte dem Stoff seinen „natürlichen Charakter“ wiedergeben. Entstanden sind außergewöhnliche Objekte.
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Nikolas Pelke

„Glas hat etwas Unmenschliches“, findet der Glasmacher Tobias Witt. Foto: Peter Kunz

Nürnberg.Wir betrachten uns darin, wir trinken daraus und gelegentlich werfen wir es sogar gegen die Wand. Und doch, sagt Tobias Witt, bleibt Glas vielen Menschen zeitlebens verblüffend fremd. „Glas hat etwas unmenschliches“, findet Witt und erzählt warum. Meteoriten zerschmelzen im Augenblick des Aufpralls zu glasigen Tektiten. Blitzeinschläge über den Wüsten hinterlassen Fulgurite im Sand. Vulkane spülen mit ihren Eruptionen flüssiges Gestein an die Oberfläche. „Das sind alles Glasarten. Es gibt so viele davon. Das ist der Wahnsinn. Selbst bei der Explosion von Atombomben entsteht Glas.“

Flüssigkeit ohne Kristallgitter

Als Glas werden ganz allgemein Substanzen mit einem unregelmäßigen Strukturaufbau bezeichnet. Oder anders formuliert: Glas ist eine erkaltete Flüssigkeit ohne Kristallgitter. Glas teile sich mit Wasser laut Witt viele Eigenschaften wie die Lichtbrechung, Transparenz oder Oberflächenspannung. „Glas wird im Feuer zu einer Flüssigkeit, die dem Wasser nicht unähnlich ist. Da wird es völlig verrückt. Und total faszinierend.“

Mit diesen „verrückten Gedanken“ über den „natürlichen Ursprung des Glases“ im Kopf marschiert der 32-jährige Glasmacher aus Nürnberg zum Glasofen. Aus dem Koffer mit den Utensilien zieht er eine triefend nasse Zeitung hervor. „Das ist das wichtigste Werkzeug. Die Zeitung lege ich 24 Stunden, bevor ich in die Hütte gehe, ins Wasser. Schließlich will ich mich nicht verbrennen“, sagt Witt. Dann zieht er seine „Pfeife“ aus dem Koffer und öffnet die Tür zu dem Ofen.

Tobias Witt fertigt außergewöhnliche Objekte. Foto: Peter Kunz

Über Nacht ist aus einem rohen Glasklumpen bei 1200 Grad Celsius eine feurige Flüssigkeit entstanden. Zwischen den schweren Schamottsteinen strahlt die außerirdisch brodelnde Glassuppe wie ein Uranstab im überhitzten Abklingbecken. „Mit der Pfeife stelle ich den Kontakt zum Material her. Wir Menschen können Glas ohne Werkzeug nicht berühren oder bearbeiten“, erklärt Witt und führt das eine Ende der langen Pfeife zum Mund, das andere Ende zum glühenden Glas. Dabei lässt er die Pfeife rotieren und pustet vorsichtig Luft durch die Öffnung. Jetzt hat er einen glühenden Klumpen am Haken. „Wichtig sind die Drehbewegung, sonst haut mir das Glas von der Pfeife ab“, erklärt Witt und bearbeitet die Feuerkugel mit den Händen, die sich hinter der nassen Zeitung verbergen.

Witt ist die Ruhe selbst. Gelernt ist gelernt. In Zwiesel im Bayerischen Wald ist er nach der Waldorfschule in die Lehre gegangen. Derweil hat sich ein dicker roter Tropfen gebildet. „Ich beginne beim geometrischen Grundkörper der Kugel“, erklärt Witt. Die Tropfenform biete sich an, weil Glas eben auch nur eine Flüssigkeit sei. Immer wieder führt er die Pfeife in den Ofen. Am Ende dieses Prozesses hängen rund zwei Kilo des feuerroten Lavabatzens an der Pfeife.

Infos zur Künstlergruppe

  • Ausstellung:

    Ab dem 22. Februar werden die Glasarbeiten von Tobias Witt in dem Geschäft „Found. by Markus“ am Hauptmarkt in der Plobenhofstraße in Nürnberg ausgestellt.

  • Künstlergruppe:

    Nach dem Quelle-Aus sind Kreative in das ehemalige Versandhaus eingezogen. Nach der Versteigerung der Industrie-Immobilie sind rund 40 Künstler und Kreative dabei, sich in dem ehemaligen Quelle-Heizhaus mit ihren Ateliers und Werkstätten einzurichten.

  • Quelle-Heizhaus:

    Glasmacher Tobias Witt hat im „Heizhaus“, der ehemaligen Wache der Quelle-Betriebsfeuerwehr direkt unterhalb des Quelle-Turmes, seine künstlerische Heimat gefunden.

„Ich muss jetzt permanent das Glas kontrollieren und kühlen, damit es mir nicht abhaut“, sagt Witt und dreht die Pfeife wie ein Derwisch um die eigene Achse. „Jetzt tunke ich die Kugel noch ein paar Mal in das flüssige Glas im Ofen“, sagt Witt und lässt die Kugel bis zur Hälfte im Feuerofen verschwinden.

Durch diese Prozedur entstehen verschiedene Zusatzflächen in unterschiedlichen Glasstärken an der Kugel, die sich beim Ausblasen mit der Pfeife ungleichmäßig verformen. „Die Formensprache der Ausbreitung überlasse ich dem Glas. Durch dieses Tunken entsteht dieser Rand mit den vielen Reflexionen“, sagt Witt und pustet vorsichtig durch die Pfeife, während die Zeitung auf seinem Schoß langsam zu trocknen beginnt. „Jetzt verforme ich das Glas nicht mehr aktiv, sondern überlasse der Temperatur und der Stärke des Materials die weitere Verformung.“

Kleines Farbuniversum geschaffen

Witt erinnert sich genau daran, wie er die besondere Technik des „Tunkens“ entdeckt hat. „Ich habe an einem alten Ofen in einem Pferdestall in Irland herumprobiert. Dann ist beim ersten Mal plötzlich ein Objekt entstanden, dass durchaus den Hauch von einem Gefäß in sich getragen hat, aber einen vollkommen neuen Körper darstellte. So etwas hatte ich noch nie gesehen“, erinnert er sich und schaut sich die komische Kugel genauer an. „Es schaut ein bisschen wie ein amorphes Organ aus. Oder wie das Herz eines Außerirdischen“, findet er und stellt das Gefäß auf die Fensterbank zum Abkühlen.

Später bricht sich die Sonne durch das amethystfarbene Glas und Witt sagt „wow“. Ursprünglich habe er dem Glas nur seinen natürlichen Charakter zurückgeben wollen. „Ich wollte extra nicht daran denken, ein menschliches Objekt zu schaffen. Nun habe ich ein kleines Farbuniversum geschaffen, das wie ein Meteorit auf der Erde gelandet ist.“ Interessant sei das schon, dass Menschen am liebsten Blumen in die Öffnung seines geradezu unmenschlich schönen Objektes stecken, findet Witt. Dabei sei die Öffnung nichts anderes als ein Bauchnabel oder das sichtbare Überbleibsel einer Verbindung zwischen Pfeife und Glas, zwischen Mensch und dem glühendem Universum.

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