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Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Betreuung

Im Nittendorfer Wald spielend lernen

Im Waldkindergarten bei Nittendorf erlebt der Nachwuchs hautnah die Natur. 19 Jungen und Mädchen trotzen dem Winter.
Von Dietmar Krenz

  • Im Wald sind die Drei- bis Sechsjährigen Mädchen und Buben in ihrem Element. Fotos: Dietmar Krenz
  • In der Outdoor-Küche wird fleißig gekocht. Foto: Krenz

Nittendorf.Die Natur bietet Kindern vielfältige Erfahrungsräume. Sie berührt, fordert immer wieder heraus, und weckt die Neugier und Entdeckerlust. Aus den natürlichen Lernsituationen ergeben sich viele Herausforderungen. Aufgrund dieser Erkenntnisse entstand in Dänemark in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Idee des Waldkindergartens.

In Deutschland wurde Anfang der 90er-Jahre die erste Einrichtung staatlich anerkannt. Seitdem wächst die Zahl der Kindergärten unter freiem Himmel stetig an. Was die Kinder dabei lernen und weshalb frühkindliche Naturerfahrungen so wichtig sind, hat MZ-Reporter Dietmar Krenz bei seinem Besuch im Rahmen der Reihe „Eine Stunde in…“ erfahren.

Frieren ist zumeist kein Thema

Gestern hat es geschneit, heute regnet es wieder. Der Weg zur Hütte des Nittendorfer Waldkindergartens „St. Katharina“ hat sich in eine braune Schlammpiste verwandelt. Es herrschen wenige Grade über Null an diesem windigen Dezembermorgen kurz vor 8 Uhr. Eine bunt gekleidete Gruppe von Kindern und drei Erwachsenen setzt sich in Bewegung. Es geht in Richtung Wald. „Tschüss, mein Schatz“, sagt eine Mami und winkt. Ein Papa, der zum ersten Mal seinen Sohn abliefert, blickt traurig drein.

Es gibt etliche Studien, die den Nutzen von frühkindlichen Naturerfahrungen belegen, auch die Weltgesundheitsorgansiatioon (WHO) empfiehlt das freie Spiel in der Natur, weil es Lebenskompetenzen stärkt. Foto: Krenz

Die meisten Eltern bringen ihren Nachwuchs täglich selbst an den Treffpunkt in der Nähe des Sportplatzes Penker Tal. Dort folgt die Übergabe ihrer Schützlinge an die Betreuerinnen. Sie alle haben sich bewusst für den Waldkindergarten entschieden, damit ihre Knirpse in der Natur das lernen, was ihnen in geschlossenen Räumen verwehrt bleibt. Doch was heißt das, stets bei Wind und Wetter unter freiem Himmel zu sein?

Im Winter bedeutet es zumeist frieren, so lautet zumindest die landläufige Meinung. „Das Gegenteil ist der Fall“, lacht Leiterin Doris Arbu-sauskas. „Die Kinder friert selten, sie sind ständig in Bewegung.“ Und falls es doch einmal zuviel wird, verfügt die gemütliche Holzhütte auf der Anhöhe über einen Gasofen. Das zweite Zuhause des Nachwuchses, umgeben von mächtigen Bäumen, lädt täglich zum Lesen, Singen und Brotzeitmachen ein.

Video: Dietmar Krenz

Schon der morgendliche Marsch zur Hütte ist ein Abenteuer. In der kurzen Zeit laufen die Kleinen um die Wette, singen an den Haltepunkten, hören auf Vogelstimmen, formen Matschknödel und erklären dem MZ-Reporter viele kleine Details am Wegesrand. Da liegen vermorschte Überreste eines Baumes, dort steht ein altersschwacher Hochsitz. „Da bin ich schon hochgeklettert“, meint einer der Jungs. „Stimmt doch gar nicht“, ruft ein anderer.

Endlich angekommen. „Die Rucksäcke aufhängen“, sagt Nanette Schreiber. Die Mädchen und Buben folgen der Aufforderung der Erzieherin und marschieren in die Holzhütte zum morgendlichen Ritual. Es ist erst wenige Woche her, dass das Zuhause eine deutliche Vergrößerung erfahren hat. Jetzt gibt es auch Platz für eine Bücherecke und die neue überdachte Terrasse ist für alle 19 Kinder zum Lieblingsplatz geworden.

In diesem Kindergartenjahr sind es 19 Mädchen und Buben, die die Waldgruppe St. Katharina besuchen. Die Neuankömmlinge (ab 3 Jahren) werden Frischlinge genannt, die Mittelstufe sind Füchse und die Vorschulkinder sind die Adler. Foto: Krenz

Das weitläufige Gelände des Waldkindergartens bietet Raum für vielseitige Beschäftigungen. Die Kinder können ihren Bewegungsdrang und ihre Entdeckungsfreude ausleben. Sie kochen Matschknödel in der kleinen Küche, fetzen die kleine Anhöhe hinunter oder bauen sich ein Haus aus Zweigen und Ästen. „Blätter, Stöcke und Rinden, vielseitige Materialien aus dem Wald regen sie zum Spielen und Basteln an“, erklärt Arbusauskas. „Der Wald bietet viele Möglichkeiten.

Spiel braucht Freiräume

Um Abwechslung zu schaffen, geht es außerdem fast täglich zu anderen Spielplätzen. Aber keine Schaukeln, Rutschen oder Sandkasten warten auf die Knirpse, stattdessen sind es ausgesuchte Orte in der freien Natur, um neue Möglichkeiten zu erschließen. „Juchhu, wir gehen zur Krippe“, jubelt Lukas. Sternenkind Lina darf heute als erste durch das selbst gebasteltete Adventstor marschieren – die anderen im Gänsemarsch dahinter. Ziel ist der nahe Steinspielplatz. Dort dürfen sie auf umgefallenen Bäumen balancieren, sammeln Blätter oder Moos ein oder bauen weiter am Lagerplatz.

Mitten im Wald auf einer kleinen Anhöhe liegt das Zuhause der Waldkinder. Es ist erst wenige Woche her, dass die gemütliche Hütte vergrößert wurde. Jetzt gibt es auch Platz für eine Bücherecke und die neue Terrasse ist der Renner. Foto: Krenz

„Unsere Kinder brauchen so gut wie kein Spielzeug“, erzählt Arbusauskas. Steine, Matschklumpen, Sand, Erde oder Holzreste reichen völlig aus. Stimmt – die Jungs sind damit beschäftigt, Äste und kleine Baumstangen über zwei Felsen zu legen. So entsteht ein überdachtes Lager. „Da bauen wir immer weiter“, sagt Timo. Er ist eines von zehn Vorschulkindern , die ab September 2018 den Wald mit dem Klassenzimmer tauschen werden. Viele Eltern meinen, dass es durch das freie Spielen im Wald zu Porblemen beim Übergang in die Grundschulen kommen könnte. „Das können wir nicht bestätigen“, sagt die 23-jährige Leiterin der Waldgruppe. Ganz im Gegenteil: Das Stillsitzen war nie ein Problem. Einen Lehrerin informierte sie vergangenen Jahr darüber, dass sich die Waldkinder besser konzentrieren könnten.

Es ist nicht nur der Aufenthalt in der Natur an sich, sondern vor allem das freie Spiel in und mit der Natur, das den Kindern diese Entwicklungen ermöglicht. Entscheidungs- und Handlungskompetenz werden dabei gefördert. Foto: Krenz

Zurück im der wohlig warmen Hütte dank eines Gasofens – wird Brotzeit gemacht. Zuvor sind aber noch der Klogang und Händewaschen angesagt – natürlich im Freien. Das von den Eltern täglich mitgebrachte warme wird in einem Container mit kaltem Wasser gemischt und fertig ist das provisorische Waschbecken.

Brotzeit auf der Terrasse im Winter

Trotz der Wärme im Inneren der Hütte wollen die meisten ihre Brotzeit auf der neuen Terrasse machen. Ist für die drei Betreuerinnen kein Problem. Da werden Gemüse, Obst und leckere Wurst- und Käsebrote ausgepackt. Während die Mädchen zumeist noch genussvoll kauen, sind die ersten Jungs schon wieder auf dem Gelände unterwegs.

Stolz sind die größeren Kinder auf ihre Werkzeug-Führerscheine. Foto: Krenz

„Spiel braucht Freiräume und Unstrukturiertes, damit sich die eigene Kreativität entfalten kann“, versichert die Erzieherin. Und das Trio gibt dem Nachwuchs ausreichend Zeit dafür. Sie verstehen sich als Vermittler und Begleiter der Kinder und nichts als Lehrmeister. Dennoch gibt es feste Regeln, die eingehalten werden müssen, damit das Miteinander funktioniert.

Aufgeteilt ist der 19-köpfige Nachwuchs in drei Gruppen. Die Neuankömmlinge sind Frischlinge, die Mittelstufe Füchse und die Vorschulkindner dürfen sich Adler nennen. Stolz sind die großen Jungs auf ihren Werkzeugführerschein. Denn auch im Wald wird gebastelt, geklebt oder gemalt – aber eben auch gesägt, genagelt und gefeilt.

Ein richtiges Lager Foto: Krenz

Die Älteren dürfen nämlich schon mit Hammer, Säge und Schnitzmesser umgehen und müssen dazu aber vorher eine Prüfung machen. Wenn die Werkzeuge zweckentfremdet werden oder damit eine Pflanze oder ein gesunder Baum traktiert wird, kommt es schon mal zum Führerscheinentzug.

Dieser Kindergarten-Waldplatz ist wie ein kleines Stück Paradies. So viel Ruhe, so viel Raum, so viele Entfaltungsmöglichkeiten. Und was gefällt den Kindern am Waldkindergarten? „Alles“, sagt Lukas. „Lagerbauen und Matschen“ rufen Sebastian und Timo. Im Wald ist es einfach schön.“

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