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Landkreis
Dienstag, 12. Dezember 2017 7

Gemeinschaft

Ratsch über den Gartenzaun stirbt aus

Kennen Sie Ihre Nachbarn? Immer mehr Leute auf dem Land antworten mit Nein. Gründe dafür sind WhatsApp und das Familienbild.
Von Lisa Pfeffer, MZ

Nicht jeder hat mit seinen Nachbarn ein gutes Verhältnis. Die gelebte Nachbarschaft gibt es auch auf dem Land nur noch selten. Foto: Umsorgt wohnen

Regensburg.Im Sommer diesen Jahres ging ein Anruf bei der Polizei in Weiden ein: Nachbarn eines Mannes beklagten einen intensiven „Müllgeruch“. Dieser stellte sich jedoch schnell als Leichengeruch heraus. Der Tote lag bereits stark verwest in der Wohnung – den Nachbarn ist es erst Wochen später aufgefallen.

Nach solchen Vorfällen ist der Aufschrei oft groß und Leute fragen sich, wie so etwas passieren kann, ohne dass es jemand merkt – jemand von den Leuten, die einem zumindest räumlich gesehen am nächsten stehen: die Nachbarn. Gerade in Großstädten scheint es, als würde die Anonymität in der Nachbarschaft immer größer werden. Doch auch im Regensburger Umland ist das Thema präsent, obwohl laut dem Polizeipräsidium Oberpfalz Fälle wie diese in letzter Zeit im Raum Regensburg nicht vorgefallen sind.

Weniger Familie, mehr WhatsApp

Von 41 Gemeinden im Regensburger Land gibt es bereits in 25 eine Nachbarschaftshilfe, zwei weitere sind auf dem Weg. Die vielen Ehrenamtlichen, die im Zuge dessen mit einsamen oder alten Menschen einkaufen gehen, sie zum Arzt begleiten oder einfach gesellige Nachmittage verbringen, sind mittlerweile dringend notwendig. Schon Benjamin Disraeli, englischer Staatsmann des 19. Jahrhunderts, sagte: „Der modernen Gesellschaft sind die Nachbarn gleichgültig.“

Hier lesen Sie einen Kommentar der Autorin Lisa Pfeffer zum Thema:

Kommentar

Buhmann

Vom Dorfleben haben viele Leute eine ganz gewisse Vorstellung: Jeder kennt jeden, alte Leute, die hinterm Vorhang sitzen und Nachbarn, die sich gerne mal...

Aktuelle Entwicklungen wie die steigende Zahl der Nachbarschaftshilfen scheinen diese These zu bestätigen. „Es gibt zunehmenden Bedarf an Hilfen, denn die Verhältnisse haben sich in den letzten Jahren einfach geändert“, sagt Gaby von Rhein, Leiterin der Landkreisagentur. Die einfache „Nachbarschaft über den Gartenzaun“ funktioniere so nicht mehr.

Zum Beispiel leben immer weniger Menschen im traditionellen Familienverbund zusammen wie früher. Außerdem verändern sich die Kommunikationswege: „Die Menschen unterhalten sich heutzutage lieber auf WhatsApp als über den Gartenzaun“, sagt von Rhein. Das sorge dementsprechend für steigende Anonymität. Und davon betroffen sind nicht nur Bewohner von großen, städtischen Wohnanlagen. Auch auf dem Dorf wandelt sich das Bild. „Ich habe gemischte Eindrücke. Einerseits gibt es natürlich auf dem Land noch viele Möglichkeiten, um sich zu vernetzen: Vereine und sowas. Andererseits wird der Bedarf für Hilfen auch immer größer, das zeigen ja die Nachbarschaftshilfen, die eingeführt werden müssen“, schätzt Gaby von Rhein die Situation ein.

Nachbarschaft betrifft jeden

Die Leiterin der Landkreisagentur hat für die nächsten zehn Jahre eine Vision: Das Miteinander soll wieder einen höheren Wert bekommen. Ihr ist aber auch klar: „Das wird nicht von selber passieren.“ Entwicklungen wie die zu digitalen Kommunikationswegen fänden nun mal statt und man müsse daran arbeiten, dass das Miteinander wieder als wichtiger Wert angesehen wird. Gaby von Rhein möchte, dass das zum Beispiel in Schulen vermittelt wird. Denn bei der Thematik ginge es bei Weitem nicht nur um die Unterstützung von Senioren. „Nachbar ist schließlich jeder: Flüchtling, Alleinerziehende, junge Leute.“

Zahlen bayernweit

  • Misstrauen:

    30 Prozent der Bayern haben keinen einzigen Nachbarn, dem sie ihren Wohnungsschlüssel anvertrauen würden.

  • Es ist nicht viel los:

    Nur gut jeder Fünfte (21 Prozent) ist der Meinung, die eigene Nachbarschaft sei sehr aktiv. Dagegen bezeichnen sie 18 Prozent der Bayern als überhaupt nicht aktiv.

  • Gerade ein Drittel (33 Prozent) halten ihre Nachbarschaften für offen gegenüber neuen Einflüssen und Neuankömmlingen. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 37 Prozent.

  • Soziale Netzwerke:

    Fast zwei Drittel der Menschen in Bayern (65 Prozent) sind mit keinem Nachbarn über soziale Medien verbunden. Das liegt knapp unter dem Bundesdurchschnitt von 68 Prozent.

  • Bewegende Themen:

    Sicherheit und Nachbarschaftshilfe (je 48 Prozent) sind die Themen, die bayerische Nachbarn am meisten umtreiben. Dahinter folgen Lärmbelästigung (34 Prozent) und die Höhe der Miet- und Hauspreise (31 Prozent).

  • Abhilfe schaffen:

    Apps wie nebenan.de haben bereits in Regensburg einige Nutzer und sollen den Kontakt zwischen Nachbarn herstellen.

Wer Interesse daran hat, mit seinen Nachbarn auf digitale Art und Weise Kontakt aufzunehmen, kann beispielsweise die App „nebenan.de“ nutzen. Bereits 2000 Menschen aus Regensburg und der Region vernetzen sich auf diese Art. Die Mitglieder können sich Empfehlungen geben, Nachbarschaftshilfen vermitteln oder schnell nachfragen, wer Zeit hat, im Urlaub die Blumen zu gießen.

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