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Konflikt

Burkini-Streit erreicht Washington Post

Die US-Zeitung beschäftigt sich mit der Diskussion in Neutraubling und sieht Bäder als „Schlachtfeld für Kulturkriege“.
Von Thomas Kreissl, MZ

  • Mit einem Ganzköperbadeanzug schwimmt eine Muslima in einem Freibad in Berlin. Die Diskussion um das Burkini-Verbot im Neutraublinger Hallenbad zieht immer weitere Kreise. Foto: dpa
  • So titelte die Washington Post in ihrer Samstag-Ausgabe.

Neutraubling.Die Debatte um das Burkini-Verbot im Neutraublinger Hallenbad wird mittlerweile in ganz Deutschland geführt. Über drei Seiten hinweg finden sich bei der Google-Suche zum Stichwort „Burkini-Verbot“ fast nur Einträge zum Neutraublinger Fall. Jetzt hat sogar die Washington Post das Thema aufgegriffen. „The battle over the ‘burqini’ in a small German town“ (Der Kampf um den Burkini in einer kleinen deutschen Stadt) titelt die größte Tageszeitung der US-Hauptstadt Washington D.C. in ihrer Samstagausgabe.

Die amerikanische Zeitung nimmt dabei Bezug auf die Berichterstattung der Mittelbayerischen Zeitung zu dem Neutraublinger Fall und kommt in ihrer Bewertung zu einem Recht martialischen Schluss: Schwimmbäder seien in den letzten Jahren zu einem überraschenden Schlachtfeld für die europäischen Kulturkriege geworden, heißt es in dem Text. Zwar seien solcherlei Debatten grundsätzlich nicht auf Europa und auch nicht auch bestimmte Religionen beschränkt. Doch gerade in Europa konzentriere sich der Disput in der Regel ausschließlich auf den Islam.

Zwei weitere Fälle im Fokus

Neben Neutraubling führt die Washington Post zwei weitere Fälle in Europa auf. So gab es bereits 2009 eine Burkini-Affäre in Frankreich, als eine Muslima in einem Pariser Vorort der Zutritt zu einem Bad mit dem Burkini aus hygienischen Gründen verweigert wurde. Und vor zwei Jahren sorgte ein Fall in Konstanz für bundesweite Schlagzeilen. Auch hier durfte eine Muslima mit ihrem Ganzkörperschwimmanzug nicht ins Freibad.

Doch gerade das Beispiel Konstanz zeigt, wie sich eine Stadt und seine Bürger dem Thema Burkini auch anders nähern können und so letztlich eine breite politische Mehrheit steht. Denn im Juli 2014 votierte der Stadtrat in Konstanz dafür, den Burkini in öffentlichen Bädern zu erlauben. Dabei befand sich die Stadt am Bodensee zunächst in einer ähnlichen Situation wie Neutraubling heute. Der Wunsch einer Bürgerin, im Burkini zu baden, hatte die Stadt unvorbereitet getroffen. Ganz so wie in Neutraubling wählte Konstanz damals die scheinbar einfachste Lösung und zog die Badeordnung zu Rate. Dort war von „badeüblicher Kleidung“ die Rede. Der Bäderchef der Stadt führte hygienische, aber auch politische Gründe ins Feld. Gäste könnten sich „durch die Anwesenheit korankompatibler Badekleider verunsichert und bedroht fühlen“, hieß es in seiner Stellungnahme zur Beschwerde der Muslima.

Dann aber erkannte sowohl die Bädergesellschaft als auch die Stadtverwaltung die Sensibilität des Themas – und erfuhr bei der bundesweiten Suche nach Präzedenzfällen und Lösungsansätzen Zweierlei: Weder bei anderen Badebetrieben noch beim Deutschen Städtetag gab es einheitliche Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Ganzkörperschwimmanzügen. Parallel dazu drohte der Begriff „Burkini“ in der öffentlichen Diskussion in Konstanz zum Reizwort zu werden.

Genau das ist jetzt auch im Neutraublinger Fall passiert. Das Thema polarisiert, entsprechend unversöhnlich prallen die Argumente in Leserbriefen, vor allem aber in den sozialen Netzwerken aufeinander. Nicht anders war es zunächst in Konstanz – bis sich dort die muslimische Schwimmerin, die Bädergesellschaft, je ein Fraktionsvertreter der Parteien sowie Vertreter der muslimischen Gemeinde und Glaubensgemeinschaften mit dem Kulturwissenschaftler Özkan Ezli von der Universität Konstanz an einen runden Tisch setzten.

Gutachten sagt Ja zum Burkini

Ezli erarbeitete daraufhin ein Gutachten zum Baden mit dem Burkini in öffentlichen Bädern und kommt zu einem klaren Schluss. Seiner Meinung nach sollten Burkinis erlaubt werden, da sie muslimischen Frauen eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. So würden unterschiedliche Lebensauffassungen sichtbar. Ezli sieht einen entscheidenden Unterschied zwischen Burkini und Burka: Beim Burkini gehe es um gemeinsames öffentliches Baden und damit um Teilhabe am öffentlichen Leben. Bei der Burka stehe dagegen die strikte Trennung der Frauen- und Männerwelt in der Öffentlichkeit im Mittelpunkt.

Kein Hindernis zum Tragen von Burkinis können nach Ansicht von Ezli hygienische Gründe sein. Dies belegen seinen Untersuchungen zufolge die Erfahrungen anderer Bäder, in denen die Ganzkörperbadeanzüge zugelassen sind. Nichts hält der Kulturwissenschaftler übrigens von getrennten Öffnungszeiten in öffentlichen Bädern für Männer und Frauen.

Der Neutraublinger Bürgermeister Heinz Kiechle war für die Mittelbayerische Zeitung trotz mehrmaliger Anfragen nicht zu erreichen.

Das sagt der Dachverband

  • Eine klare Position

    zur Burkini-Diskussion hat die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen in Essen. Der Verband mit knapp 1300 Mitgliedern bezeichnet sich selbst als wichtigste Plattform Deutschlands für Bäderfragen. Zusammengeschlossen sind hier unter anderem Betreiber und Mitarbeiter öffentlicher Bäder, Architekten, Ingenieure und Schwimmbadbauer.

  • „Ein Burkini

    ist für uns überhaupt kein Problem, wenn er aus dem richtigen Material besteht“, sagt Dr. Joachim Heuser, der Pressesprecher des Verbands. Ein Ganzkörperschwimmanzug sei unter dieser Voraussetzung als übliche Badekleidung anzusehen und nicht als unhygienisch zu betrachten.

  • Als Fehlinterpretation

    bewertet der Pressesprecher die Ansicht der Stadt Neutraubling, dass übliche Badekleidung nur Badehose, Badeanzug oder Bikini sein könne. Entscheidendes Kriterium ist nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Badewesen nur das Material, aus dem die Badekleidung besteht. Deshalb sei Badekleidung auch in großflächer Ausführung erlaubt.

  • Der Pressesprecher

    gibt zu, dass ein Burkini für andere Badegäste ungewohnt wirken kann. Andererseits warnt er aber vor drohender Isolation, wenn Ganzkörperbadeanzüge nicht erlaubt werden: „Viele muslimische Mädchen und Frauen können dann nicht schwimmen lernen.“

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