mz_logo

Landkreis
Samstag, 16. Dezember 2017 5

Oberpfalz

„Wiebke“ köpft Wallfahrtskirche

Große Schlagzeilen Ostbayerns: Eine Serie von Orkanen zieht im Winter 1990 auch über die Oberpfalz hinweg. Die Feuerwehren sind tagelang im Einsatz.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Die Wallfahrtskirche „Zur heiligen Dreifaltigkeit“ auf dem Eichlberg bei Hemau. Orkan „Wiebke“ riss in der Nacht auf den 1. März 1990 die Zwiebelspitze ab.Fotos: MZ-Archiv, Pfarramt Eichlberg, dpa
  • Aufräumarbeiten in den Wäldern: Die finanziellen Schäden für die Waldbauern waren immens.
  • Ausmaß des Sturmschadens: Dach und Dachstuhl wurden durch den Einschlag schwer beschädigt.
  • Umgestürzte Bäume auf den Gleisen: Die Aufräumarbeiten dauerten tagelang.
  • Eine Zeitungsmeldung von damals.

Regensburg.Wiebke ist Nummer acht. Ein harmloser Name für einen Katastrophenbringer. Der Orkan tobt Ende Februar 1990 über Westeuropa und auch über die Oberpfalz hinweg. Zuvor hatte bereits „Vivien“ nicht nur Millionenschäden angerichtet, sondern auch Menschenleben gefordert. Der Winter 1990 wird als Winter der Stürme in die Geschichte eingehen. In besonderer Erinnerung ist er den Menschen auf dem Tangrintel im westlichen Landkreis Regensburg geblieben. Denn dort wurde die Wallfahrtskirche auf dem Eichlberg von einer Sturmböe „geköpft“.

Von Daria bis Vivian

Orkane, die als Herbst- und Winterstürme auftreten, entstehen durch starke Temperaturunterschiede zwischen den Subtropen und den Polargebieten. Je größer der Temperaturunterschied ist, desto gewaltigeren Umfang bekommen die Wirbelstürme. Und in der kalten Jahreszeit ist dieser Temperaturgegensatz mehr als doppelt so groß wie im Sommer.

Im Winter 1990, zwischen dem 25. Januar und dem 1. März, zogen acht solcher Orkane mit Spitzenböen von durchschnittlich 180 km/h nacheinander über Europa hinweg: „Daria, Herta, Judith, Nana, Ottilie, Polly, Vivian und Wiebke“. Traurige Bilanz der Stürme waren 64 Tote in Deutschland. Allein „Wiebke“ forderte 35 Todesopfer. Der volkswirtschaftliche Schaden in Deutschland wurde auf 7,1 Milliarden Mark beziffert, in ganz Europa entstand ein Schaden von 25 Milliarden Mark. Ein Polizeibeamter sagte damals über das Chaos: „Die Welt bricht fast zusammen. Im Prinzip geht nichts mehr.“

Es waren die letzten Faschingstage, als zunächst „Vivian“ aufzog. Umzüge der Narren wurden vorsorglich abgesagt. Die Menschen waren aufgefordert, sich geschützt in ihren Häusern aufzuhalten. Am Faschingsdienstag meldete das Polizeipräsidium Niederbayern/Oberpfalz in einer ersten Bilanz, dass von 48 Häusern die Dächer abgedeckt und 23 Strom- und Fernmeldeleitungen beschädigt wurden sowie zehn Straßen durch umgestürzte Bäume versperrt waren. In der Nacht zu Aschermittwoch blieben 20 Fahrzeuge im Landkreis Schwandorf in mannshohen Schneeverwehungen stecken und mussten mit Schneefräsen befreit werden. Zeit zum Durchschnaufen blieb den Einsatzkräften nicht. Denn mit „Wiebke“ kündigte sich bereits der nächste Orkan an.

Notruf aus dem Pfarramt

Der damalige Kreisbrandinspektor Waldemar Knott gehörte im Landratsamt Regensburg dem Krisenstab an. Dort wurden am Abend und in der Nacht, als „Wiebke“ in der Region Fahrt aufnahm, die Einsätze der Feuerwehren und des Technischen Hilfswerkes koordiniert. „Damals waren noch nicht alle örtlichen Feuerwehren mit den benötigten Geräten wie Motorsägen ausgestattet“, so mussten andere Wehren bei umgestürzten Bäumen zu Hilfe geholt werden. „Da war der Teufel los“, erinnert sich der damalige Kreisbrandrat Josef Schmalzbauer, der an die verschiedenen Einsatzorte gerufen wurde. „Die Feuerwehren hatten die Lage damals aber bestens im Griff, lobt er, als ihn die MZ mehr als 24 Jahre später zu seinen Erinnerungen an den Orkan-Winter befragt. Schmalzbauer war auch dabei, als am 1. März gegen 20.30 Uhr den Krisenstab ein Notruf aus dem Pfarramt Eichlberg im westlichen Landkreis Regensburg erreichte. Der Mesner der dortigen Wallfahrtskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit meldete, dass „Wiebke“ die Kirchturmspitze davongeweht hatte. Die weithin sichtbare Kirche, die exponiert auf dem Eichlberg steht, war bei Stürmen immer sehr gefährdet. Doch es war das erste Mal, dass eine Orkanböe gleich den gesamten Turmhelm erfasste und mehrere Meter weit weg wehte. Dabei krachte das tonnenschwere Teil in das Dach über dem Kirchenschiff. „Alle umliegenden Feuerwehren eilten an den Einsatzort“, erinnert sich Kreisbrandrat Josef Schmalzbauer.

Zuvor hatten Statiker bereits überprüft, ob die Kirche einsturzgefährdet war, erst danach konnten die Feuerwehren mit den Sicherungsmaßnahmen am zerstörten Dach beginnen. „Wir mussten dafür in der Nacht das benötigte Material organisieren“, weiß Knott noch. Auch ein Kran wurde angefordert, der am nächsten Tag die Kirchturmspitze aus der beschädigten Dachkonstruktion bergen sollte. Mehrere Monate dauerten die anschließenden Restaurierungsarbeiten an der Wallfahrtskirche – es war ein Millionenschaden.

Ein Millionenschaden entstand auch den Waldbauern – nicht nur auf dem Tangrintel, sondern im gesamten ostbayerischen Raum. „Wiebke“ hatte so viele Bäume zu Fall gebracht, dass es mehrere Jahre lang ein Überangebot an Stammholz gab. Knapp zwei Jahre nach dem Orkan waren noch 500 000 Festmeter Stämme auf Halde. Noch weitaus länger dauerte es, bis sich die Wälder von den schweren Schäden erholt hatten. 17 Jahre später fegte wieder ein heftiger Orkan über die Oberpfalz hinweg. Sein Name: Kyrill.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht