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Regensburg-Land
Freitag, 15. Dezember 2017 3

Roman

Eine Ehe auf dem Seziertisch

Yasmina Reza schaut in die Abgründe von Beziehungen: zeitgeistig, intellektuell-distanziert – aber ohne neue Erkenntnisse.
Von Michaela Schabel

Yasmina Reza: In ihrem Roman vor: „Babylon“ untersucht sie die Oberflächlichkeit von Beziehungen in unserer Gegenwart. Foto: Grimm/dpa

Regensburg. Auf eine harmlose Party folgt ein Mord. Jean-Lino, ein oberflächlicher Bekannter der Gastgeberin Elisabeth, der mit Lydie einen Stock höher wohnt, erwürgt seine Frau. Der Grund scheint banal. Sie machte ihm eine Szene, weil er sie, eine passionierte Tierschützerin, mit seinen Imitationen von freilebenden Hühnern vor allen Gästen lächerlich gemacht hat. Elisabeth, von Beruf Patentingenieurin und unerfahrene, etwas gestresste Gastgeberin, hilft Jean-Lino, die Leiche wegzubringen, und gerät unter Verdacht, Beihilfe am Mord geleistet zu haben.

Eine banal konstruierte Geschichte, meint man, doch wie Yasmina Reza sie schreibt, wird sie zur Studie unserer Zeit, in der sich die Oberflächlichkeit unserer Gegenwart spiegelt. Mitgefühl für Lydie zeigt fast niemand. Von Interesse ist nur die Sensationsnachricht. Sehr subtil entwickelt Yasmina Reza die Story, mit einem kritischen Blick auf die Oberflächlichkeit von Beziehungen, auf Klatsch und Tratsch und darauf, dass jede kleine Aufmerksamkeit gegenüber Mitmenschen als soziale Heldentat zelebriert wird. Die Paare werden zu Parabeln vereinsamter Menschen, auch Lydie und Jean-Lino.


Wo die Menschen verortet sind

Warum das so ist, erklärt Yasmina Reza mit den Frustrationen aus der Vergangenheit, ohne sie zu genau zu benennen. Deshalb fühlt sich Elisabeth gerade Jean-Lino so verbunden. Beide erlebten ähnliche Konstellationen in der Kindheit. Yasmina Reza spricht von Landschaften, in denen die Menschen verortet sind. Die Landschaften bleiben, die Menschen selbst werden bedeutungslos, ein wirrer Haufen beziehungsloser Individuen, die sich von hypothetischen Problemen stressen lassen, niemanden haben, nicht einmal sich selbst, denn erst wenn jemand geliebt wird, ist das ein Existenznachweis, so die versteckte Botschaft. Die Ehe an sich zeigt sich bei Yasmina Reza wieder einmal als Ort frustrierender Beziehungslosigkeit.

In der Summe bleibt der Roman, geschmeidig aus der intellektuell distanzierten Perspektive Elisabeths formuliert, im allzu Banalen stecken. Der zitierte Babylon-Psalm 137, Sehnsuchtsklage des jüdischen Volkes nach der fernen Heimat, erschließt sich ohne Vorwissen nicht und ist nicht mehr als ein hippes Aufstylen für einen vermarktungsfähigen Titel.

Als Fortsetzung von Yasmina Rezas Erfolgsstück „Gott des Gemetzels“ wäre die dramatisierte Form „Babylons“ nicht mehr als zeitgeistiges „Tatort“-Niveau, durchaus erfolgreich denkbar, aber ohne irgendeine neue Erkenntnis.

„Babylon“ von Yasmina Reza ist im Hanser Verlag erschienen: (224 Seiten, 22 Euro).

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