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Feuerwehr in Regensburg
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Ehrenamt

Fünf neue Gefahren für die Feuerwehren

Die Zahl der Einsatzarten wächst. Gleichzeitig steigt der Druck. Denn die Feuerwehrleute bringen Stress aus dem Alltag mit.
Von Bettina Mehltretter, MZ

Der Feuerwehrdienst ist für die meisten ein Ehrenamt – und für alle eine Herausforderung. Jeder bringt sich aber nur so weit ein, wie er es sich aufgrund seines Wissenstands und seiner körperlichen und geistigen Fitness zutraut. Foto: dpa

1. Wenn den Feuerwehrleuten das Leben dazwischenfunkt

In den vergangenen 15 bis 20 Jahren ist der Alltag deutlich hektischer geworden. Diese Aussage, die 60 Prozent der Befragten bei der Stressstudie der Techniker-Krankenkasse getroffen haben, kennt Bezirksfeuerwehrarzt Marc Bigalke auch von Feuerwehrleuten. Er ist selbst aktiver Feuerwehrmann und weiß: „Wenn jemand Riesenstress mit dem Chef hat, nimmt er den auch in den Einsatz mit.“ Und das könne gefährlich werden. Ein gewisser Stresspegel fördert zwar die Leistungsfähigkeit: Der Körper stellt sich auf die Situation ein, schüttet Adrenalin aus. Das Herz schlägt schneller. Doch im Extremfall nimmt der Feuerwehrler sein Umfeld nicht mehr richtig war – ein Tunnelblick entsteht. Wer dann unter Atemschutz einen Menschen retten soll, könnte versagen. Erst recht, wenn Unsicherheit dazu kommt. „Training mit der Technik ist deshalb das A & O“, sagt Bigalke, selbst Atemschutzgeräteträger.

Regensburgs Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer merkt unterdessen immer wieder, dass Atemschutzgeräteträger ihre Fitness überschätzen. Pünktlich zur ärztlichen Untersuchung seien zwar die meisten fit. Aber in den drei Jahren bis zum nächsten Check werden viele träge. Bigalke: „Für sie wären 30 Minuten joggen pro Woche schon ein Anfang.“

Körperliche und geistige Fitness hin oder her: Darf ein Feuerwehrmann einen Alarm ignorieren? Der Feuerwehrarzt meint: Wenn es ihm nicht gut geht, sollte er das sogar, um andere nicht zu gefährden. Manch einer eilt trotzdem zum Gerätehaus. „Wenn eine Wehr nur drei Einsätze in fünf Jahren hat, wollen die Feuerwehrleute natürlich dabei sein“, sagt der Mediziner. „Selbst, wenn es nur um angebrannte Bratwürstl geht.“ Den Aktiven derjenigen Wehren, die oft ausrücken, fällt es dagegen leichter, sich zurückzunehmen.

Wie motivieren sich Feuerwehrleute? Lesen Sie hier zwei Standpunkte.

2. Einsatz unter Hochspannung bei Crashs von Elektroautos

Feuerwehrleute lesen eine sogenannte Rettungskarte, bevor sie ein Elektroauto aufschneiden. Foto: dpa

Den größten Anteil an den Einsätzen der Freiwilligen Feuerwehren in Stadt und Landkreis Regensburg haben mittlerweile technischen Hilfeleistungen – beispielsweise Verkehrsunfälle. Dabei macht die wachsende Vielfalt der Fahrzeuge auf den Straßen den Job der Einsatzkräfte schwerer, weil denen die Erfahrung mit manchen Autos fehlt.

„Elektroautos haben sehr große Akkus, die extrem heiß brennen können.“

Johannes Buchhauser, Berufsfeuerwehr

Zum Beispiel mit den unterschiedlichen Elektroautos: In Stadt und Landkreis waren zum 31. Juli insgesamt 651 Elektro- und 825 Hybridfahrzeuge zugelassen. Selbst Johannes Buchhauser, Chef der Regensburger Berufsfeuerwehr und Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz, ist noch nie zu einem Unfall mit einem solchen Fahrzeug gerufen worden. Natürlich weiß aber auch er, was auf ihn zukäme: „Elektroautos haben sehr große Akkus, die extrem heiß brennen können. Dann ist sehr viel Wasser nötig.“ Häufig werden deshalb Tanklöschfahrzeuge mitalarmiert.

Kreisbrandrat Scheuerer warnt jedoch davor, eine Angst vor diesen Einsätzen zu entwickeln: „Grundsätzlich birgt jedes Fahrzeug Gefahren – auch der Benziner.“ Lädt der Einsatzleiter die Rettungskarte, die der Hersteller des Autos zu Verfügung stellt, aus dem Internet herunter, wisse seine Truppe, wo sie schneiden dürfe – und wo nicht.

Philipp Brandl, Chef der Schönhofener Feuerwehr, fordert unterdessen mehr Verantwortungsbewusstsein von den Autofahrern. Er wünscht sich, dass jeder hinter die Sonnenblende seines Autos – egal ob Elektrofahrzeug oder nicht – eine Rettungskarte steckt. „Kleine Feuerwehren wie die unsere oder auch die Ersthelfer haben ja nicht immer ein Tablet im Auto, um online zu gehen“, sagt er.

Tatsächlich hat es in Ostbayern bisher nur wenige Unfälle mit Elektroautos gegeben. 2016 war eine Regensburgerin mit ihrem Tesla auf der A 93 zwischen Siegenburg und Abensberg in eine Leitplanke gekracht. Beim Einsatz stand der Tesla quasi unter Hochspannung. Und die Feuerwehrleute machten alles richtig: Bevor sie mit der Bergung des Fahrzeugs begannen, nahmen sie die Hochvoltkomponente außer Betrieb.

In diesem Video erklärt der Auto Club Europa e. V., was Fahrer von Elektroautos bei einem Unfall beachten müssen:

3. Extreme Wetterereignisse, extreme Einsatzzeiten

Schlamm und Hagel bedeckten im Mai 2016 die Straßen von Laaber. Die Feuerwehren waren im Großeinsatz. Foto: Feuerwehr Laaber

Extreme Wetterphänomene treten weltweit immer häufiger auf. Johannes Buchhauser spricht auch für den Raum Regensburg von einer „neuen Belastung“. „In den fast zehn Jahren, in denen ich in Regensburg bin, gab es allein dreimal Hochwasser. Der Statistik nach hätten diese erst innerhalb von 30 Jahren stattfinden sollen“, sagt er. Hinzu kamen etliche heftige Stürme und Starkregen. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Landkreis: In Laaber und Hemau etwa kämpften die Einsatzkräfte im Mai 2016 nach einem sintflutartigen Hagel- und Regenschauern gegen Hagel und Schlamm.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, erinnert sich der Laaberer Kommandant Manuel Ostermeier. Der Regen spülte Erde von Ackerflächen in den Ort. Regen und Hagel fluteten die Keller von drei Gebäuden komplett. Ostermeier war mit 27 Leuten seiner Truppe von 16 Uhr nachmittags bis 3 Uhr nachts im Einsatz, Kräfte von sechs weiteren Wehren und dem THW eilten zur Hilfe. Sie pumpten Keller aus, räumten Gullydeckel frei und Geröll weg. Insgesamt transportierten sie 15 Lkw-Ladungen Material ab.

Ostermeier ist sich sicher: Auch in seinem Zuständigkeitsbereich sind die Unwetter häufiger und stärker geworden. Früher habe seine Wehr nur selten auf die nahe A3 ausrücken müssen, um Bäume zu beseitigen, die starke Winde umstürzen hatten lassen. Nun komme das öfters vor. Und Anfang 2011 trat die Schwarze Laber deutlich weiter über die Ufer als in den Jahrzehnten zuvor. Sie überflutete Straßen und Keller.

Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer beobachtet gerade bei Unwettern und Hochwassern, dass sich die Gesellschaft negativ verändert: Während sich vor 20 Jahren noch viele bis zu einem gewissen Ausmaß selbst helfen konnten, wählten viele heute schon bei kleinen Problemen den Notruf. „Wir sind dann für Kleinigkeiten gebunden – obwohl uns andere deutlich mehr brauchen würden“, kritisiert Scheuerer.

Die Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Regensburg in Zahlen:

Die Feuerwehren im Landkreis Regensburg

4. Windanlagen: Einsatzpläne sorgen für Sicherheit

Laut Ostwind ein sehr unwahrscheinliches Szenario: Eine Windanlage brennt. Foto: dpa

Johannes Nigl ist der Kreisbrandmeister im Landkreis, in dessen Bezirk die meisten Windkraftanlagen stehen: Im Raum Beratzhausen sind seit 2005 neun Windräder errichtet worden. Mehrere weitere stehen in angrenzenden Gebieten. Dorthin ausrücken mussten die Wehren aber noch nie. Nigl hat trotzdem schon Bilder von spektakulären Feuern an Anlagen gesehen: Erst im April war im schleswig-holsteinischen Ort Fiefbergen ein Rad abgebrannt. Weil die Anlage wegen des Feuers nicht abgeschaltet werden konnte, drehten sich die Rotoren weiter; Teile der Blätter krachten zu Boden. Vor einem derartigen Szenario hat der Kreisbrandmeister dennoch keine Angst. „Grundsätzlich gilt für uns: Wir dürfen die Anlage nicht betreten“, erklärt Nigl.

Sehen Sie hier ein Video vom Brand in Fiefbergen:

Christoph Markl-Meider, Sprecher von Ostwind, dem Betreiber des Windparks Teufelsmühle in Nigls Zuständigkeitsbereich, sagt: „Betritt jemand eine Anlage ohne jemanden, der mit der konkreten Technik vertraut ist, wäre das nicht zu verantworten.“ Windkraftanlagen seien hochkomplexe elektrotechnische Einrichtungen, vergleichbar mit Kraftwerken oder Umspannwerken. Daher gibt Ostwind den Feuerwehrleuten einen konkreten Einsatzplan vor. Und dieser Plan verhilft zu Sicherheit: Demnach sollen die Einsatzkräfte in der Teufelsmühle erst einen Sicherheitsradius von 500 Metern errichten. Auch eine Sperrung der nahen A3 wäre nötig. Gleichzeitig wird eine Schlauchleitung bis zur Sicherheitszone aufgebaut. Weil Windparks grundsätzlich in entlegenen Gebieten stehen, ist das sehr zeitaufwendig. Nigel rechnet mit 30 Minuten bis zur Teufelsmühle. Unterdessen würde ein Ostwind-Mitarbeiter die Anlage aus der Ferne stoppen.

Die Gefahr, dass ein Windrad brennt, ist Ostwind zufolge aber sehr gering. Pro Jahr geraten in Deutschland vier bis sechs von 28 000 Windenergieanlagen in Brand. Das sind 0,01 Prozent.

5. Ständig unter Spannung: Photovoltaik auf dem Dach

Manche Feuerwehrleute haben noch immer Angst vor Einsätzen an Photovoltaikanlagen. Foto: dpa

Es ist ein Horrorszenario: Flammen schlagen aus dem Dachstuhl eines Hauses. Die Feuerwehr rast herbei – doch dann stellt sich heraus: Wegen der Photovoltaikmodule auf dem Dach wird es sehr schwierig, den Brand zu löschen. Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer beschreibt Problem Nummer eins: „Sind viele Module auf einem Dach installiert, kommen wir bei einem Dachstuhlbrand nicht nach innen – das ist ein Riesenproblem“, sagt er. „Wir raten daher, auf dem Dach Streifen frei zu lassen.“ Über Problem Nummer zwei sprechen viele Feuerwehrleute intern, aber keiner will sich öffentlich äußern: Manche Feuerwehrleute haben Angst vor einem Einsatz an Gebäuden mit Photovoltaikmodulen, weil diese weiter Spannung produzieren, selbst wenn die Anlage schon stromfrei geschaltet ist. Im Februar 2010 hat diese Verunsicherung dazu geführt, dass eine ostfriesländische Feuerwehr ein Haus nach einem Zimmerbrand „kontrolliert abbrennen“ ließ, wie der Einsatzleiter Sirke Siebens damals der „Ostfriesen-Zeitung“ sagte. „Das Risiko, bei dem Löscheinsatz einen elektrischen Schlag zu bekommen, war einfach zu groß.“

Der Regensburger Alexander Eber hat als Gutachter für Photovoltaikanlagen auch mit Anlagen auf Häusern zu tun, in denen es gebrannt hat. „Wenn die Module zu heiß werden, splittern sie – ähnlich wie wenn eine Windschutzscheibe splittert“, sagt er. Eine Gefahr für die Einsatzkräfte am Boden bestünde aber wegen des Sicherheitsglases nicht. Seiner Erfahrung nach könnten die Feuerwehrleute sogar auf dem Dach arbeiten, solange die Anlage stromlos geschaltet ist und solange die Einsatzkräfte weder Module noch Kabel berühren – außer, sie tragen eine spezielle Schutzausrüstung.

Bei Feuerwehreinsätzen kann es heiß hergehen. Dabei ist es für die Retter wichtig, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Die Bestandteile einer Feuerwehrausrüstung zeigt unsere Grafik:

Die Autorin dieser Textes ist selbst Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr und hat das Silberne Leistungsabzeichen. Zu einem Einsatz ausrücken musste sie aber noch nie. Stattdessen erledigt sie seit mehr als zehn Jahren als Schriftführerin den Bürokram des Vereins. Manche ihrer Freunde verstehen aber nicht, warum sie sich das „antut“.

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